Hans-Dieter Grabe: Raimund – ein Jahr davor (3sat)

Meditation über das Alter

14.11.2014 •

Der 1937 geborene Filmemacher Hans-Dieter Grabe hat mit der Kamera und dem Blick eines erfahrenen Dokumentarfilmers seinen 72-jährigen Nachbarn Raimund beobachtet, während der alte Mann Baustämme zu Brennholz machte. Fertiggestellt hat Grabe diesen faszinierenden Film, der so gar nicht ins übliche Programmangebot passt, erst ein Jahr später nach dem Tod seines Protagonisten. So zeigt die erste Szene, noch vor der Einblendung des Filmtitels, die Beisetzung Raimunds. Eine Texttafel klärt dann darüber auf, dass Raimund nach dem Tod seiner Frau Selbstmord beging.

Einige Monate, nachdem Grabe den Nachbarn beim Zersägen der Baumstämme beobachtet hatte, war dessen Frau an Krebs erkrankt, dem sie acht Monate später erlag. Die Beobachtungen beim Zerkleinern der Holzstämme formen sich im Verlauf des Films zum Porträt eines Menschen, das gleichzeitig auch ein Nachruf ist, eine Erinnerung an diesen Menschen aus der Zeit, bevor ihn eine menschliche Katastrophe offenbar aus dem inneren Gleichgewicht gebracht hat. Der Fernsehsender 3sat zeigte die 40-minütige Produktion in seinem diesjährigen Begleitprogramm zur 38. Duisburger Filmwoche (3. bis 11. November), einem Dokumentarfilmfestival, auf dem „Raimund – Ein Jahr zuvor“ Premiere hatte.

Der wegen seiner vielen zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Filme und auch durch seine Langzeitbeobachtungen aus Vietnam hochgeachtete Dokumentarfilmer Hans-Dieter Grabe lebt – nach eigenen Angaben – seit 1973 in dem Dorf, in dem sich der Schauplatz des Films befindet und ebenso lang bestand zwischen ihm und dem Protagonisten ein gutes Nachbarschaftsverhältnis. Autokennzeichen, die im Film zu sehen sind, und der Dialekt, der zu hören ist, verraten, dass der Ort in der Umgebung von Bad Kreuznach liegt.

Rentner Raimund hat ein ungewöhnliches Hobby: Alle paar Jahre lässt er sich mehr oder weniger dicke Baumstämme kommen, die er in mehrtägiger Arbeit zersägt. Diesmal sind es 17 Festmeter Holz, die am Straßenrand vor seinem Haus liegen, vorschriftsmäßig gesichert mit einem rot-weißen Plastikband und einer gelben, schwarzbeschrifteten Warntafel, wie man sie von Baustellen her kennt. An sieben Drehtagen beobachtet der Filmemacher, wie der Stapel allmählich kleiner wird. Raimund benutzt zur Bearbeitung eine Motorsäge; auch Stemmeisen, Keil und ein schwerer Hammer sind in Gebrauch. Wenn die Körperkräfte nicht reichen, hilft ein kleiner Traktor, der eine um das Holz befestigte schwere Eisenkette zieht, mit dem die Stämme vorsichtig bewegt werden.

Stemmeisen, Keil, Hammer – diese Gerätschaften erscheinen so altertümlich wie die Person, die sie benutzt. Die Arbeit ist schwer, weil die Hilfsmittel vergleichsweise einfach sind und Raimund bereits über 70 ist. Man merkt, wie sehr ihn die körperliche Arbeit anstrengt, aber auch, dass er viel Erfahrung mit dieser Art Tätigkeit hat. Der alte Mann, an dem Züge eines Eigenbrötlers sichtbar werden, zeigt geradezu Respekt vor dem Baumstamm, so wie ihn die Natur geschaffen hat. Er kommentiert sein Tun gegenüber dem Filmemacher, ohne sich durch dessen Kamera verunsichern zu lassen. Gelegentlich kommen Passanten vorbei und wechseln mit Raimund ein Wort. Von Anfang an hört man auch immer wieder einen Hahn krähen. Es ist Raimunds Hahn, wie man im Lauf des Films erfährt. Mit ihm spricht er, ihn liebkost er sogar und er zeigt damit einige wenige Male vor der Kamera auch Gefühle. Er und seine Frau seien übereingekommen, so sagt er, dass sie den Hahn nicht schlachten wollten, er dürfe „so lange leben wie er will“.

Zu sehen ist im Film Handwerk wie aus vorindustriellen Zeiten. Langsamkeit und Vorsicht, absolute Ernsthaftigkeit und Konzentration bestimmen die Abläufe. Doch neben Ausdauer kommt in den Bildern auch eine gewisse Sturheit zum Ausdruck, ein Beharren auf etwas, das irgendwie aus der Zeit gefallen erscheint. Doch die Person, die der Film hier porträtiert, erscheint weder borniert noch lächerlich, sondern verströmt eine innere Gelassenheit und Zuversicht, was ihr eine eigene Würde verleiht.

Die Bilder erhalten nicht zuletzt durch die dramaturgische Form, die ihnen in der Nachbearbeitung am Schneidetisch gegeben wurde, einen nahezu meditativen Charakter. Sie suggerieren, dass Raimund nichts aus der Ruhe bringen kann, dass er fest verwurzelt ist – gleichsam wie ein Baum in der Erde. Das Wissen darum, dass dies nach nur wenigen Monaten nicht mehr der Fall und seine Befindlichkeit eine völlig andere sein wird, die ihn letztendlich in den Selbstmord treibt, verleiht den Bildern jedoch eine unweigerliche Melancholie. Insofern ist der Film eine gelungene Meditation über die Vergänglichkeit des Lebens und damit ganz besonders auch über das Alter, den letzten Lebensabschnitt.

• Text aus Heft Nr. 46/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.11.2014 – 14.11.14 – Brigitte Knott-Wolf/FK