Egon Monk: Industrielandschaft mit Einzelhändlern (ARD/NDR)

Auf die Fressgier der Konzerne

11.09.1970 •

11.09.1970 • Eins an diesem Film ist zweifellos bewundernswert, die Intensität, mit der Egon Monk sein Modell, den Abstieg eines Drogisten, zur Elegie stilisiert. Das Misslingen lässt gewiss nicht gleichgültig.

Stellvertretend für die gesamte Einzelhandelsbranche glaubt Monks Drogist nicht nur an die Vernunft, sondern zutiefst auch an die höhere Gerechtigkeit der Erhardschen Marktwirtschaft, und er geht dabei nach hinhaltendem Kampf und trickreicher kaufmännischer Gegenwehr bankrott an der Konkurrenz der Supermärkte, der Kaufhäuser, der Kettenläden, des Versandhandels. Während der langen Spiralen des Niedergangs – der aufgestellten Kalkulationen, des Marketing-Studiums, der vergeblichen Experimente mit dem Sortiment, der freiwilligen Beschränkung im privaten Verbrauch, der endlosen Diskussionen mit der Frau und auch mit den Kollegen, des Kampfes um letzte Kredite – träumt er immer noch von der schönen kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Industrielandschaft mit den großen mächtigen Konzernen als schönstem Ausblick. Selbst über seinen Untergang hinaus, als kleiner Büroangestellter, denkt er noch brav systemimmanent. Die Frau (Marianne Kehlau) schweigt zu allem liebend, ahnungsvoll, aber unemanzipiert. Die jüngere Generation ist mit dem langhaarigen Sohn zwar oppositionell, aber weiß auch nichts zu sagen.

In der Landschaft, wo einer den anderen auffrisst, wird also diesmal der Einzelhandel gefressen. In Monks Hamburger Modell-Drogerie gibt es keinerlei Ausweg und nicht die geringste Alternative, keine Möglichkeit, sich aufzulehnen, keine Spur von Solidarität, sondern nur gesetzmäßige Entwicklungen. Oder soll man sagen: Schicksal? Der Film wirkt seltsam unpolitisch. Dieses kapitalistische Trauerspiel bleibt jede Auskunft schuldig, was dieses Einzelhändlerschicksal oder dieses Schicksal des Einzelhandels für die Gesellschaft bedeutet. Monk scheint sein Konzept in einem Augenblick der Resignation entworfen zu haben. Sein Text ist ganz Klage, ganz Elegie.

Ein wesentlicher Faktor des Misslingens ist das Experiment mit der stilisierten Sprache. Hier hat Monk seine Möglichkeiten offensichtlich überschätzt. Bei aller Kenntnis von Sternheim, Brecht und Hacks, bei aller angewandten Sprachintelligenz fehlt doch einiges an sinnlichem Sprachgefühl und auch wohl an Sprachwitz. Ferner scheint, leider, Horst Tappert für die Verkündigung derart komplizierter Monkscher Gedanken nicht der ideale Interpret zu sein. Beim Formulieren unsinnlicher Abstrakta wird er nicht ganz glaubwürdig.

Bei der Konzentration auf den sprachlichen Part kam wohl der optische ein wenig zu kurz. Oder umgekehrt: Dessen Sprödigkeit wäre richtig nur bei einem wirklich fesselnden Text gewesen. Die kargen Bilder hätten dann durchaus ihren Reiz gehabt, die Gesichter oder etwa die Farbkomposition der Waren in den Regalen der Drogerie.

• Text aus Heft Nr. 51/1970 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.09.1970 – Egon Netenjakob/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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