Dieter Brennecke: Auf der perfekten Welle. Die Surfer-Familie Hönscheid (ZDFinfo)

Wellenreiten im Spartenkanal

06.03.2015 •

Die Annahme ist nicht allzu verwegen: Die Reportage „Auf der perfekten Welle“ erreicht vermutlich über die ZDF-Mediathek mehr Zuschauer als auf dem ursprünglichen Sendeplatz am Samstagmorgen um 9.00 Uhr im Spartenkanal ZDFinfo. Zwar sehen um diese Zeit viele junge Menschen fern und das Thema Surfen würde bei ihnen gewiss auf Interesse stoßen – nur findet der Samstagmorgen, wie auch andere abgelegene Sendeplätze, in vielen Programmzeitschriften gar nicht statt; dort wird das Programm von ZDFinfo je nachdem erst ab 12.00 oder 13.00 Uhr aufgeführt. Was zu der Nebenbemerkung führt: Welchen Nutzen und welches Selbstverständnis haben eigentlich die Programmillustrierten, wenn man doch immer wieder auf die Web-Seiten der Sender zugreifen muss, um umfassende Informationen zu erhalten?

Die 45-minütige Reportage „Auf der perfekten Welle“ (Produktion: Libre Media) wäre jedenfalls einen Hinweis wert gewesen. Autor Dieter Brennecke porträtiert darin den deutschen Windsurfing-Pionier Jürgen Hönscheid und dessen Familie. Hönscheid, heute 60 Jahre alt und immer noch aktiver Wellenreiter, stammt ursprünglich aus Sylt. Er wuchs ohne Vater auf, seine Mutter litt an Kinderlähmung und war auf einen Rollstuhl angewiesen. Auf dem Gymnasium fühlte sich Hönscheid ausgegrenzt; Erfüllung, Freunde und eine Art Vaterersatz fand er dagegen am Strand bei den Rettungsschwimmern. Hier lernte er das Windsurfing kennen, das er anfangs als Seniorensport verachtete, bis er selbst Gefallen daran fand und in dieser Disziplin mit Geschick und Wagemut zu einem der Besten wurde. 1974 gewann er mit Calle Schmidt die Vize-Weltmeisterschaft in der Sparte Tandem-Board. Weitere Wettbewerbssiege folgten, auch der zwölffache Windsurf-Weltmeister Robby Naish, heute eine Legende in seinem Metier und guter Freund der Familie Hönscheid, hatte zeitweise das Nachsehen.

Jürgen Hönscheid sieht sich nicht als Hippie, er und seine Familie kamen den Lebensentwürfen dieser Subkultur aber sehr nahe. Anders als seine sportlichen Gegner reiste Weltenbummler Hönscheid mit Frau Ute und seinen Töchtern zu den Wettbewerben, blieb auch mal länger, zum Beispiel auf Hawaii. Ein traumhaftes Leben, wie es scheint, doch es gab Einschnitte wie den Tod des Sohnes und einen schweren Surf-Unfall, der Hönscheid beinahe in den Rollstuhl gezwungen hätte. Er erkämpfte sich seine Gesundheit zurück, erlebte ein sportliches Comeback, zog sich jedoch schließlich, wiederum mit der Familie, nach Fuerteventura zurück, wo er heute eine Surfbrett-Werkstatt und seine Frau einen kleinen Laden betreibt. Für die Töchter Bitsy, Janni und Sonni waren die Jugenderfahrungen offenbar prägend; alle drei betrieben oder betreiben Wassersport. Janni und Sonni sind regelmäßig in aller Welt unterwegs. Bitsy, die Älteste, hat inzwischen selbst Familie und wurde auf Sylt sesshaft.

Über die Familiengeschichte der Hönscheids entfaltet sich in dem Film stichwortartig auch die Entwicklung des Windsurfens. Jürgen Hönscheid gehört jener Generation an, die den heutigen Trendsport überhaupt erst bekannt und populär machte. Wie dieser Geist weitergereicht wurde, zeigt sich an seiner eigenen Familie.

Das Thema verlangt förmlich nach spektakulären Bildern und die drei Kameraleute Oliver Behrens, Markus Prumbaum und Mario Entero liefern sie auch. Mal befindet sich die Kamera auf Augenhöhe mit den Surfern, mal ist sie am Mast oder auf dem Board installiert und nimmt den Betrachter unmittelbar mit hinein in die Wellenberge und -tunnel. Autor Dieter Brennecke setzt diese Aufnahmen wohldosiert ein, damit sie retrospektive Sequenzen und Interviews nicht überlagern. Bis ins Detail ist die Reportage findig gestaltet: Wenn in rückblickenden Passagen private Fotos und historische Filmaufnahmen Verwendung finden, sind sie eingefasst in einen aus Strandgut geformten Rahmen.

Die ungewöhnlichen Biografien der Protagonisten und insbesondere die visuelle Qualität verleihen dieser Reportage einen hohen Unterhaltungswert und machen sie damit zu einem Angebot, das nicht nur Sportinteressierte anspricht. Mit Blick auf den Sendeplatz ist das alles also beinahe vergeudet, gäbe es nicht die Mediathek, wo Filme zeit- und sendeplatzunabhängig zu sehen sind.

06.03.2015 – Harald Keller/MK