Der Serienboom und die Schauspielgruppe 50: Wenn Entführer und Kommissar sich einander anähneln

06.11.2018 • Das deutsche Fernsehen hat die Serie entdeckt. Nachdem man jahrelang den Boom neuer serieller Formate und Erzählformen verpasst hatte und dafür gescholten worden war, hat man vor drei oder vier Jahren die Produktionsmaschinerie angeworfen. Und all das, was seitdem unter großer Hektik an neuen Qualitätsserien hergestellt wurde, muss und will man nun natürlich auch anschauen. Und das führt zu mancher Irritation.

Ein Beispiel sei genannt: Auf der Suche nach besonderen Schauspielerinnen und Schauspielern, die Serien, aber auch weiterhin die Fernsehfilme tragen können, hat man sich schon vor vielen Jahren offenbar auf eine Gruppe von etwa 50 Akteuren verständigt. Diese Gruppe ist selbstverständlich nicht konsistent. Mal wird sie durch diese oder jenen ergänzt, manchmal fliegt die eine oder der andere aus der Gruppe wieder heraus. Doch das Gros dieser Mitwirkenden ist regelmäßig in ähnlichen, seltener in unterschiedlichen Rollen auf dem Bildschirm zu sehen. Das war bislang kein Problem, lagen doch meist Monate zwischen dem einen Film und der anderen Serie. Durch den Serienboom der letzten Monate ist das inzwischen anders geworden. Woche für Woche kann man dieselben Schauspieler in fast ähnlichen Geschichten und mitunter in fast identischen Rollen erleben.

Ronald Kukulies etwa konnte man am 22. Oktober im ZDF in einem Krimi als Kommissar sehen, der eine Kindesentführung aufzuklären hatte („Ein Kind wird gesucht“). Parallel, also am selben Abend zeitgleich, agierte der Schauspieler als einer der Entführer eines Unternehmers in einem Doku-Drama der ARD („Die Aldi-Brüder“). Wer zwischen ARD und ZDF hin- und herschaltete, konnte beobachten, dass Kukulies die nun wahrlich sehr unterschiedlichen Rollen jeweils eigen anlegte, dass er aber vor allem dann, wenn er eine gewisse Hektik oder Aufregung seiner beiden Figuren darstellen sollte, auf ein identisches Arsenal an mimischen und gestischen Details zurückgriff. Entführer und Kommissar ähnelten sich einander an.

Noch verwirrter müssen die Zuschauer sein, die in den letzten Wochen parallel „Babylon Berlin“ im Ersten und „Die Protokollantin“ im Zweiten sahen. In beiden Serien spielt Peter Kurth einen leitenden Kommissar der Berliner Polizei. In beiden Serien ist die jeweilige Figur zwiespältig. In beiden Serien ist dieser Kommissar jeweils Antagonist des Protagonisten – im einen Fall („Babylon Berlin“) des Kollegen Gereon Rath (Volker Bruch), im anderen Fall der titelgebenden „Protokollantin“ (Iris Berben). Noch hat man die Hoffnung, dass der Peter Kurth des ZDF nicht ganz so böse ist wie der von der ARD, der zudem beim blödesten Serienschluss seit vielen Jahren den Serientod erleiden muss. Aber das Ende bei „Die Protokollantin“ bleibt abzuwarten (am 10. und 17. November laufen die beiden letzten Folgen). Auf dem Gesicht des Schauspielers jedenfalls steht bzw. stand wie immer das Wort Ambivalenz mit großen Lettern geschrieben.

Das konnte man – gleichsam als Zugabe – auch in dem erwähnten Film über die „Aldi-Brüder“ bewundern, wo Peter Kurth wiederum den zweiten Entführer neben Ronald Kukulies gab. Bleibt nur noch eine Frage: Warum tauchte Kukulies nicht in „Babylon Berlin“ auf?

06.11.2018 – Dietrich Leder/MK
Ronald Kukulies (rechts) im ZDF-Film „Ein Kind wird gesucht“
Ronald Kukulies (Mitte) im ARD-Doku-Drama „Die Aldi-Brüder“ (rechts: Peter Kurth) Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 23/2018

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