Cyrill Boss/Philipp Stennert/Frederik Weis: Neben der Spur – Adrenalin (ZDF)

Neue Ermittler für ein bewährtes TV-Genre

06.03.2015 •

Nach dem an der Ostsee in der Region um Kiel spielenden ZDF-Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ (9.2.15, vgl. Kritik in MK-Heft Nr. 4/15) sah sich auch der in Hamburg und Umgebung angesiedelte, ebenfalls von der ZDF-Tochter Network Movie (Hamburg) produzierte Fernsehfilm „Neben der Spur – Adrenalin“ an wie der Pilotfilm zu einer neuen Reihe. Ermittelt wird jeweils im Doppel und am Ende beider ZDF-Filme fällt der bedeutungsvolle Hinweis auf eine weitere künftige Zusammenarbeit. So hieß es in „Tod eines Mädchens“: „Wir sehen uns wieder.“ Und in „Neben der Spur – Adrenalin“ lautete der letzte Satz: „Wir sehen uns, Doktor.“

Gemeint ist im letzteren Fall der Psychiater Dr. Johannes Jessen (Ulrich Noethen), ausgesprochen hat den Satz Kommissar Vincent Ruiz (Jürgen Maurer). Ist die endgültige Entscheidung über eine Fortsetzung der fernsehkriminalistischen Zusammenarbeit von Kommissar Simon Kessler (Heino Ferch) und seiner Kollegin Hella Christensen (Barbara Auer) aus „Tod eines Mädchens“ aber offenbar noch nicht gefallen, so fanden die Dreharbeiten für eine zweite Folge mit dem Ermittlerdoppel Jessen und Ruiz (Titel: „Neben der Spur – Amnesie“) bereits im Juni 2014 statt, wie das ZDF noch vor Ausstrahlung dieses ersten Falls öffentlich machte.

Das ist interessant zu wissen angesichts der Tatsache, dass diesem Johannes Jessen die in der Folge „Adrenalin“ geschilderte Kooperation mit der Polizei beinahe zum tödlichen Verhängnis geworden wäre. Nicht nur hatten die Kriminalbeamten ihn zunächst nicht vor den Nachstellungen des Täters schützen können, sondern sie hatten ihn auch noch zum Hauptverdächtigen gemacht. Nur durch seine Flucht vor der Staatsgewalt in die Illegalität war es dem Psychiater möglich, seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter überführen zu helfen. Dabei gerieten sowohl Jessen als auch seine Frau und die gemeinsame Tochter in höchste Lebensgefahr.

Manch einem wäre nach diesen Erlebnissen die Lust zur weiteren Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei in Gestalt dieses Kommissars Ruiz auf Dauer vergangen. Hier jedoch ist dies offenbar der Beginn einer wundersamen Männerfreundschaft, so dass man auf die künftige Zusammenarbeit der beiden gespannt sein darf. Konzipiert sind die Filme der Reihe „Neben der Spur“ und ihre Charaktere nach Romanen des australischen Krimiautors Michael Robotham, der seine Helden allerdings in London agieren lässt.

Die Figur des Psychiaters Dr. Johannes Jessen, den seine Freunde und seine Frau „Joe“ nennen, erinnert zudem an die Figur des Polizeipsychologen Richard Brock (Heino Ferch) aus der Reihe „Spur des Bösen“, eine in Wien und Umgebung angesiedelte ORF/ZDF-Koproduktion. Doch ist das Charakterprofil Jessens wesentlich milder gezeichnet, er scheint seelisch nicht ganz so ‘verkorkst’ zu sein wie Brock, hat aber ebenfalls mit inneren Nöten zu kämpfen angesichts seiner zunächst verheimlichten Parkinson-Erkrankung im Anfangsstadium und einer Vergangenheit, die auch nicht in jeder Hinsicht ohne Fehl und Tadel ist.

Ulrich Noethen in der Rolle des Johannes Jessen ist auch nicht ein solcher ‘Kotzbrocken‘, wie ihn Heino Ferch gleich in den beiden Figuren als Richard Brock („Spur des Bösen“) und Simon Kessler („Tod eines Mädchens“) spielt. Der Psychiater Jessen verfügt offensichtlich über mehr Empathie und Einfühlungsvermögen, wirkt dabei aber gelegentlich auch etwas zwiespältig. Finster, stur und schnoddrig, dabei jedoch geradlinig und zu schwarzem Humor neigend, erscheint hingegen Kommissar Ruiz, ganz hervorragend gespielt von Jürgen Maurer. Insbesondere seine Aura prägt die Grundstimmung in „Adrenalin“, die gerade auch durch die vermittelten Bilder der Großstadt gestützt wird (Kamera: Felix Cramer).

Die häufig im Dunkeln spielenden Szenen tun ihr Übriges, dass hier die Bildsprache und die zu erzählende Geschichte des psychisch kranken Täters Robert Mohren (Nikolai Kinski) eine enge Verbindung eingehen. Nicht der Gegensatz von heiler Natur und unheiler Gesellschaft (wie ihn in „Tod eines Mädchens“ die schönen Bilder von der Ostsee suggerierten) wird hier thematisiert, sondern es wird im Gegenteil eine Übereinstimmung von Umwelt und Mitwelt hergestellt. Cyrill Boss und Philipp Stennert sind beide gleichermaßen für Regie und Drehbuch verantwortlich und arbeiten auf diese Weise schon länger zusammen (als weiterer Drehbuchautor ist bei „Adrenalin“ noch Frederik Weis aufgeführt).

Das ZDF jedenfalls probiert mit diesen TV-Krimis, die bewusst auch auf Filmästhetik setzen, offensichtlich neue Ermittlertypen für dieses bewährte Genre in seinem Hauptabendprogramm aus. Die Zeit der führungsstarken Frauen scheint dabei in diesen Filmreihen zu Ende zu gehen: Bella Block (Hannelore Hoger) muss schon länger aus dem Ruhestand heraus ermitteln, Rosa Roth (Iris Berben) hat im Jahr 2013 ganz aufgehört und die von Barbara Auer gespielt neue Kommissarin Hella Christensen aus „Tod eines Mädchens“ vertritt eher den Typ einer auf mehr Einfühlsamkeit setzenden weiblichen Ergänzung an der Seite eines ‘Alpha-Mannes’. Einzig Nina Petersen (Katharina Wackernagel) aus der ZDF-Krimireihe „Stralsund“ darf noch – zumindest gelegentlich – ihre männlichen Kollegen dominieren.

In den ARD-„Tatorten“ übrigens nehmen derzeit ja ebenfalls einige Chefermittlerinnen ihren Abschied wie etwa Klara Blum (Eva Mattes) in Konstanz oder sie müssen Geschichten spielen, die auf ihren baldigen Abschied hinzudeuten scheinen wie Inga Lürsen (Sabine Postel) aus Bremen. Wobei man einräumen muss, dass das ZDF mit den Kommissarinnen Winnie Heller (Lisa Wagner) und Helen Dorn (Anna Loos) zuletzt auch zwei neue starke Frauentypen in seinem Krimispektrum geschaffen hat, deren genaue Entwicklung man indes noch abwarten muss. Auch wen das Übermaß an Krimis im Fernsehen und hier insbesondere beim ZDF ärgert, muss jedoch zugestehen, dass mit Filmen wie „Neben der Spur – Adrenalin“ (6,06 Mio Zuschauer, Marktanteil: 18,1 Prozent) inzwischen ein gutes erzählerisches Niveau in diesem Genre erreicht worden ist.

06.03.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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