50 Dinge, die ein Hesse wissen muss! Ranking-Sendung (HR Fernsehen)

Erbarmen

22.11.2013 •

22.11.2013 • Mit der Unterhaltung ist das so eine Sache. Wenn man sich nach einem erschöpfenden Arbeitstag zur Primetime vor den Fernseher setzt, um eine Sendung wie „50 Dinge, die ein Hesse wissen muss!“ anzuschauen, dann ist man milde gestimmt. Die boulevardeske Heimatkunde, die beim HR Fernsehen inzwischen eine schon skurril anmutende Tradition hat (vgl. FK-Hefte Nr. 5-6/13 und 45/13), sorgt für eine gewisse Kurzweil. Wer aber aufgrund eines Termins verhindert war und sich am nächsten Morgen in der Online-Mediathek die Sendung ansehen muss, hat dabei ein ähnliches Gefühl wie beim Wegräumen der leeren Flaschen nach einer Party. Denn irgendwie ist diese Sendung von Anfang an ein Stimmungskiller: Wenn Moderator Tobias Kämmerer als Goethe verkleidet in der Frankfurter Fußgängerzone Damen mit Versen des Dichterfürsten zu beglücken und in der „Mückenhölle von Stockstadt“ mit dem Boxhandschuh Stechmücken zu erschlagen versucht, dann wirkt das stets ein wenig zu klamaukhaft: Erbarmen, die Hessen kommen!

Dabei gibt es in diesem zentral gelegenen Bundesland wirklich interessante und geradezu märchenhaft schöne Locations. Beispielsweise einen Felsenberg namens Milseburg in der Rhön. Wer einmal da war, der möchte dort immer wieder hin, weil man von hier aus bei gutem Wetter hundert Kilometer weit bis nach Frankfurt sehen kann. Von der Magie dieses Ortes bleibt in dem lieblos gefilmten Kurzbeitrag über die Milseburg in dieser Sendung aber nicht mehr viel übrig. Und so geht es die ganze Zeit über in den 90 Minuten weiter: Egal, ob es um die Wasserspiele am Kasseler Herkules geht oder den Internet-Knotenpunkt in Frankfurt-Fechenheim, über den europaweit alle Informationen laufen – man hat stets das Gefühl, einen zwanghaft auf kabarettistisch getrimmten Beitrag der regionalen Nachrichtensendung „Hessenschau“ zu sehen.

Aber doch, eine Ausnahme gab es. Denn der Besuch im Hanauer Gebrüder-Grimm-Museum zeigte, dass es auch anders geht. Mit wenigen Bildern machte dieser Kurzbeitrag klar, dass Eltern auf der ganzen Welt ihren Kindern die gleichen Märchen vorlesen. Da es aber in Japan nicht dieselben Lebensmittel gibt wie in Mittel­europa, wird aus Hänsel und Gretels Pfefferkuchenhaus in der japanischen Übersetzung ein Reiskuchenhaus. Diese bezaubernde kleine Anekdote riss den Zuschauer aus dem monotonen Einerlei heraus, weil hier der Museumsdirektor Gelegenheit hatte, etwas Zusammenhängendes zu erzählen, ohne von der permanent wechselnden Elektromusikuntermalung überdröhnt zu werden.

Zu den 50 Dingen, die ein Hesse wissen muss, zählen nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern auch Entdecker. Um kleine Geschichten beispielsweise über den Computerpionier Konrad Zuse oder den Telefonerfinder Philipp Reis zu erzählen, griff man zu Cartoons. Doch diese improvisierten Mini-Bildgeschichten waren ungefähr so inspiriert wie das gegenwärtige Spiel von Eintracht Frankfurt: Man wünscht nur, dass es vorbei ist.

Hörer der Radiowelle HR 3 und Zuschauer des HR Fernsehen hatten per Internet-Abstimmung darüber entschieden, was die 50 Dinge sind, die man über Hessen wissen muss. Es ging mal wieder um das beliebte Prinzip Ranking. Auf Platz 2 landete der Vogelsberg, „Europas größter erloschener Vulkan“, wie es in der Sendung hieß. Um das beschauliche Mittelgebirge rund um den Vogelsberg visuell attraktiv zu präsentieren, griff man zu spektakulären Lavaströmen aus dem Archiv. Tja, das ist – ebenso wie der alkoholfreie Äppler beim Schoppentest – irgendwie eine Mogelpackung. Auf dem ersten Platz dieses Bundesland-Rankings landete übrigens die Herkunftsbezeichnung: Das heißt, jeder Hesse sollte wissen, dass der Name „Hessen“ vom historischen Stamm der „Chatten“ kommt, der zu römischen Zeiten die Region bewohnte. Aus den „Chatti“ bei den alten Römern wurden später die „Hassi“ und daraus, davon gehe man aus, so ein Experte, wurden im Lauf der Zeit durch die Lautverschiebung die Hessen.

Die Idee der Sendung, die nach HR-Angaben 220.000 Hessen sahen und die damit den kalkulierten guten Marktanteil erzielte (10,5 Prozent), ist zwar nicht schlecht. Aber sollte es jemals einen neuen Versuch geben, mögen die Sehenswürdigkeiten doch bitte schön von „Badesalz“ präsentiert werden – wenn schon nicht vom genialen Matthias Beltz. Der hätte das sicher bestens gekonnt, weilt aber leider nicht mehr unter uns. „50 Dinge, die ein Hesse wissen muss!“ – diese Sendung mit dem Moderatorenduo Anna Lena Dörr und Tobias Kämmerer zählt nicht so ganz dazu.

• Text aus Heft Nr. 47/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.11.2013 – Manfred Riepe/FK