51. Grimme-Preis 2015: „Besondere Ehrung“ für Ina Ruck und Dietmar Ossenberg

29.03.2015 •

29.03.2015 • Am 27. März wurden im Stadttheater von Marl die Grimme-Auszeichnungen des Jahres 2015 verliehen. Die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV), die höchste Auszeichnung des Grimme-Wettbewerbs, wurde im Rahmen dieser 51. Grimme-Preisverleihung an die ARD-Auslandskorrespondentin Ina Ruck (WDR) und an den ZDF-Auslandskorrespondenten Dietmar Ossenberg vergeben. Im Folgenden dokumentieren wir die Begründung dazu im kompletten Wortlaut. -MK-

Begründung des Stifters DVV:

Die Gegenwart ist von internationalen Krisen geprägt: die Ukraine, Syrien, Libyen, Irak oder Afghanistan; die Liste ließe sich fortsetzen und ist viel zu lang. Die Konfliktlagen in den Krisengebieten sind außerordentlich komplex und unübersichtlich. Parallel zur politischen Unübersichtlichkeit entwickelt sich ein Ozean von Nachrichten, eine rasende Informationsblase von Ereignissen und Pseudoereignissen, die scheinbar ungefiltert zu uns vordringen.

Doch die Aufbereitung und Manipulationsfreiheit von Fakten und Bildern aus Krisengebieten ist nötig, um Ereignisse belastbar einzuordnen und sich in einer demokratischen Gesellschaft eine Meinung zu bilden. Den Medien und den Medienschaffenden kommt dabei eine herausragende Verantwortung zu. Dies gilt gerade auch für das Massenmedium Fernsehen.

Die berechtigte öffentliche Diskussion und Kritik über fehlerhafte Berichterstattung diskreditiert dabei weder das gesamte System der Auslandsberichterstattung noch stellt es sie in Frage. Vielmehr schärft sie den Blick der Verantwortlichen und der Mediennutzerinnen und Mediennutzer. Zur Gewährleistung des Qualitätsjournalismus in der Auslandsberichterstattung gehört auch eine medienkritische Auseinandersetzung.

Die Herausforderungen vor Ort sind groß. Bei der Berichterstattung gilt es immer wieder, Objektivität zu wahren, sich nicht zu verstricken und in kurzer Zeit belastbare Einschätzungen zu liefern. Die Arbeit ist nicht selten gefährlich, dafür braucht es profunde Erfahrung. Auslandskorrespondenten sind ein Kostenfaktor – ein zumeist hoher sogar. Doch sie sind nötig und die Heimatsender und -verlage müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Auslandskorrespondentinnen und Auslandskorrespondenten die erforderliche Freiheit erhalten, die sie für gründliche Recherchen brauchen. Dazu gehören auch die zusätzlichen Ausgaben, um sie in Kriegsgebieten besonders schützen zu können.

Mediennutzerinnen und Mediennutzer sind auf Korrespondenten angewiesen, die eine Brücke zur Welt schlagen. Dieses Geschäft darf man nicht Suchmaschinen überlassen, auch nicht Amateuren oder zweifelhaften Quellen. Ein weltweites Netz von Korrespondentinnen und Korrespondenten sichert den Blick aus der Nähe. Dazu muss eine Auslandskorrespondentin bzw. ein Auslandskorrespondent nicht nur die Menschen in der Region, über die er oder sie berichtet, genau kennen, sondern auch das Publikum. Genau deshalb ist es so wichtig, dass die Fernsehsender eigene Korrespondenten in die Welt schicken.

Um ein anderes Land, eine politische oder gesellschaftliche Entwicklung, eine Krise oder einen Krieg zu verstehen, gibt es verschiedene Quellen, Bücher und Dokumente, Diplomaten und Wissenschaftler und eben Journalistinnen und Journalisten. Ein Korrespondent, der – im Idealfall – gut vorbereitet in sein Berichtsgebiet reist, mehrsprachig ist und einige Jahre Kenntnisse sammelt, kann dabei aus einer spezifischeren Erfahrungstiefe schöpfen als ein Journalist, der mal eben mit dem Fallschirm ‘abgeworfen’ wird. Diese Art von Action-Journalismus wird aus kurzsichtigem Eigeninteresse immer den Augenblick dramatisieren und blind bleiben für Schwellenmomente und langfristige Wandlungen.

Der verlässliche Korrespondent hingegen soll in den Alltag eines Landes eintauchen, er soll die Eigenzeit eines Gebietes respektieren und nicht nur krisengetrieben die Zahl der Toten und Verletzten nach Hause melden. Auslandskorrespondenten, die mit offenen Augen und Ohren, mit wachem Verstand im jeweiligen Land leben, können Welterklärer im besten Sinn sein.

Mit Ina Ruck und Dietmar Ossenberg werden eine Auslandsjournalistin und ein Auslandsjournalist mit der „Besonderen Ehrung“ des Stifters des Grimme-Preises ausgezeichnet. Auslandsberichterstattung erfordert einen hohen persönlichen Einsatz, Kenntnisse der Länder und Menschen sowie Professionalität. Ina Ruck und Dietmar Ossenberg zeigen exemplarisch, welche hohen und komplexen Anforderungen an Auslandsberichterstattung zu stellen sind. Sie stehen stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen, die weltweit aus Krisengebieten berichten. Und weisen mit ihrer Berichterstattung auf zwei zentrale und hochkomplexe Regionen der Krisenberichterstattung hin, die Ukraine und den Nahen Osten.

Ina Ruck ist eine hervorragende Russland-Expertin und Auslandskorrespondentin. Von 1995 bis 2000 arbeitete sie als Fernsehkorrespondentin im ARD-Studio Moskau. Von 2001 bis 2004 war sie Redakteurin und Reporterin beim WDR in der Programmgruppe ‘Politik und Zeitgeschehen’ mit Korrespondentenvertretungen in den ARD-Studios Moskau und Washington. Ina Ruck war von 2005 bis 2014 mit kurzen Unterbrechungen Fernsehkorrespondentin im ARD-Studio Moskau, das sie ab 2008 leitete. Im April 2014 übergab sie die Leitung an Udo Lielischkies. Ina Ruck zeichnet eine außerordentlich sachliche und kenntnisreiche Berichterstattung vor allem auch im Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Konflikt aus. Dabei ist ihre profunde und kenntnisreiche journalistische Arbeit über die Einordnung der europäischen und amerikanischen Dimensionen des Konflikts besonders hervorzuheben.

Mit Dietmar Ossenberg wird ein exzellenter Kenner des Nahen Ostens geehrt. Ab Januar 1994 leitete er das Sendestudio des ZDF in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Dort war er bis August 2001 tätig. Seit 2009 ist er wieder als Korrespondent in Kairo vor Ort. Dietmar Ossenberg berichtete 2011 unter anderem von der Revolution in Ägypten und dem Bürgerkrieg in Libyen. Er war davor Leiter der Hauptredaktion ‘Außenpolitik’ im ZDF und Moderator des „Auslandsjournals“ und Redaktionsleiter der Sendung. Dietmar Ossenberg zeichnen langjährige Erfahrung, eine hohe Fachkenntnis und interkulturelle Kompetenz aus, die dem Zuschauer den Nahen Osten ein Stück näher bringt.

Ina Ruck und Dietmar Ossenberg sind beide von Wertschätzung und Empathie getragen, wenn es um die Länder und Menschen geht, aus denen und über die sie berichten. Sie berichten auch, dass die Welt nicht nur aus Kriegen und Krisen besteht, sondern bringen uns fremde Lebenswelten nah, die uns im Dialog der Kulturen helfen und Brücken bauen zu Werten, die verbinden und nicht trennen.

Als Stifter des Grimme-Preises hebt der Deutsche Volkshochschul-Verband mit der „Besonderen Ehrung“ für Ina Ruck und Dietmar Ossenberg deren herausragende Leistungen und Verdienste um die Auslandsberichterstattung im Fernsehen hervor. Die Geehrten werden stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen ausgezeichnet, die weltweit aus Krisengebieten berichten.

29.03.2015 – MK