USA: Disney geht ins Streaming-Geschäft

13.09.2017 •

13.09.2017 • Es gibt keinen Zweifel mehr, dass im Medienbereich in Sachen Unterhaltung Videostreaming die Technik der Zukunft sein wird. Zuerst hat die immer mehr um sich greifende Verbreitungsmethode das Geschäft mit DVDs und Blu-rays ruiniert, dann das in den USA scheinbar so zukunftssichere Geschäft mit den Kabelfernsehabonnements – und nun schießen neue Streaming-Dienste wie Pilze aus dem Boden. Letzte Neuigkeit: Die mächtige Walt Disney Company will gleich zwei Streaming-Dienste in die Welt setzen, einen mit einem massiven Angebot von neuen und alten Disney- und Pixar-Filmen und einen weiteren mit Sportübertragungen aller Art, die bisher ihre Heimat bei den Kabelsendern von ESPN hatten.

Die Absicht, die Streaming-Dienste zu starten, bekundete Disney-Chef Robert Iger, der dazu erklärte: „Ich halte das für eine extrem wichtige, sehr, sehr bedeutende strategische Wende für uns.“ Das Streaming-Angebot mit dem Sport von ESPN soll schon Anfang 2018 verfügbar werden, das auf Entertainment spezialisierte Angebot im Jahr 2019. Letzteres wird einen großen Teil des Disney-Archivs umfassen, die Filme und Fernsehproduktionen des Disney Channels sowie Programme von Disney Junior und Disney XD. Nicht genug damit, will Disney nach Igers Aussage auch „signifikante Investitionen“ in Originalproduktionen tätigen, ähnlich dem Vorbild des Streaming-Marktführers Netflix.

Vertrag mit Netflix gekündigt

Bisher pflegten Disney und Netflix eine Partnerschaft. Disney war das erste große Hollywood-Studio, das mit dem damals weitgehend als böse Konkurrenz abgelehnten Streaming-Anbieter einen Kooperationsvertrag abschloss. Der Vertrag verschaffte Netflix Zugang zu den Filmen des Disney-Konzerns, nachdem diese im Kino ausgewertet worden waren. Sogar die zu Disney gehörenden Marvel-Studios, deren Comics als Kinofilmversionen für Riesengeschäfte sorgen, fanden sich bereit, für Netflix exklusive Produktionen wie „Jessica Jones“ und „Luke Cage“ herzustellen, die nicht unerheblich dazu beitrugen, Netflix gegen die Konkurrenz zu etablieren. Nun jedoch hat Disney seinen Vertrag mit Netflix aufgekündigt. Noch nicht entschieden ist dabei, was in Sachen Marvel geschieht.

Muss sich Netflix nun Sorgen um seine Position im kometenhaft aufsteigenden Reich des Streamings machen? Wohl kaum. Wenn Disney 2019 mit seinem Entertainment-Angebot herauskommt, wird Netflix neuesten Schätzungen zufolge rund 64 Mio Abonnenten in den Vereinigten Staaten und 158 Mio Kunden weltweit haben. Bis 2019 bleibt für Netflix noch viel Zeit, den Disney-Ausstieg zu kompensieren und die auf vollen Touren laufende Eigenproduktion auszuweiten; 6 Mrd Dollar investiert der Streaming-Marktführer allein dieses Jahr in seine eigenen und in exklusiv erworbene Programme. Das ist doppelt so viel wie beim renommierten Pay-Sender HBO, der zum Konzern Time Warner gehört, und das Fünffache des Volumens der Kabelsender FX und Showtime. Gerade erst wieder hat Netflix weitere Verträge mit Größen des Kino- und TV-Geschäfts wie Joel und Ethan Coen („Fargo“, „The Big Lebowski“) und dem Late-Night-Star David Letterman abgeschlossen. Sogar die beim Broadcast-Network ABC umhegte Produzentin Shonda Rhimes, von der Erfolgsserien wie „Grey’s Anatomy“, „Scandal“ und „How to Get Away with Murder“ stammen, arbeitet zukünftig für Netflix.

Mit dabei: Apple, Facebook, Google

Schon heute besitzen 62 Prozent aller amerikanischen Haushalte mit dem Internet verbundene Fernsehempfänger oder spezielle Anschlussgeräte. Fast ein Viertel von ihnen nutzt regelmäßig die Möglichkeit des Videostreamings. Währenddessen gehen die Nutzerzahlen des Broadcast- und Kabelfernsehens weiter zurück. Das ESPN-Network zum Beispiel, dessen Kabelpakete noch vor ein paar Jahren die größte Attraktion im sportbegeisterten Amerika waren, hat in den vergangenen drei Jahren über 5 Mio Abonnenten verloren, die zu weniger kostspieligen Alternativen übergelaufen sind. Das ist nur eins von vielen Beispielen, die zeigen, dass Kabelabonnements rapide an Attraktivität verlieren und immer mehr von Streaming-Diensten abgelöst werden.

Längst sind es nicht mehr nur die paar geläufigen Namen wie Netflix, Amazon und Hulu, die auf diesem Sektor um die Gunst des Publikums wetteifern, sondern auch die Giganten aus dem Silicon Valley preschen vor, um sich im Bereich des Videostreamings zu etablieren. So kommt Apple in diesem Monat nicht nur mit einem modernisierten neuen iPhone auf den Markt, sondern stellt nun erstmals ein Budget von rund einer Milliarde Dollar zur Herstellung von eigenen Filmen und Fernsehangeboten bereit, die das existierende Geschäft auf der iTunes-Plattform von Apple bereichern sollen. Facebook hat den ersten Schritt getan, Originalproduktionen, wie etwa eine Doku-Soap über den NBA-Basketballprofi Lonzo Ball (Los Angeles Lakers), zu finanzieren. Und Google hat ebenfalls die Gründung eines eigenen Streaming-Dienstes avisiert.

13.09.2017 – Ev/MK