Von Johann Holtrop zu Leo Kirch

30.11.2012 •

Als Anfang September dieses Jahres der Roman „Johann Holtrop“ von Rainald Goetz bei Suhrkamp erschien, ging die Literaturkritik erstaunlich routiniert mit diesem Werk um. Sie tat so, als habe Goetz einen für seine Verhältnisse konventionellen Roman vorgelegt, dem nichts Besonderes eigen sei. Vielleicht hätte man die Rezensentenaufgabe in diesem Fall ausnahmsweise besser an Kolleginnen und Kollegen weitergereicht, die nicht nur über Literatur, sondern auch über Massenmedien schreiben. Denn der Roman „Johann Holtrop“, der seinen Untertitel „Abriss der Gesellschaft“ zu Recht trägt, erzählt vom Aufstieg und tiefen Fall eines Mannes, der sich zielstrebig zum Vorstandsvorsitzenden eines großen deutschen Medienunternehmens hochgearbeitet hat.

Dass dieses Unternehmen in der tiefsten Provinz angesiedelt ist, immer noch vom offiziell längst abgedankten Patriarchen mitbestimmt wird, mit Schwierigkeiten auf dem Weltmarkt und mit dem neuen Medium Internet zu kämpfen hat, weckt beim Leser einen gewissen Verdacht, um welchen Konzern es sich handeln könnte. Doch eine „Schutzschrift“ verkündet noch vor der Titelangabe im Buch: „Natürlich basiert dieser Roman auf der Realität des Lebens auch wirklicher Menschen. Aber es ist ein Roman, Fiktion, fiktiv in jeder Figur, alles Erzählte auch: Werk der Literatur.“

So will man den Klarnamen des Mannes, der zu Beginn des Romans und also im Jahr 1998 dem Unternehmen vorsteht und es mit aller Kraft modernisieren will, nicht nennen, auch wenn er dieser Tage noch durch die Nachrichten der Wirtschaftsseiten geistert. Man muss den Klarnamen auch gar nicht nennen, denn Goetz hat in seine Titelfigur nicht nur diesen kurze Zeit selbst zur Medienfigur aufgestiegenen Vorstandsvorsitzenden hineinprojiziert, sondern auch ganz andere Unternehmergestalten, bis hin zu deren dramatischem Untergang. Und so basiert die Qualität des Romans nicht auf einer planen Nacherzählung, was sich in der deutschen Medienwirtschaft in den Jahren 1998 bis 2010 (hier endet der Roman) an Hoffnungen, Enttäuschungen und Dramen abgespielt hat. Tatsächlich ließen sich ja aus den Vorgängen aus dieser Zeit in den deutschen Medienhäusern Bertelsmann und Kirch, Springer und WAZ komplette Serien schreiben, die sogar mühelos die neue Version von „Dallas“ in den Schatten stellen würden!

Nein, die Qualität des Romans von Rainald Goetz besteht in einer präzisen Beschreibung der Mechanik der Macht, wie sie in den Vorständen und den Aufsichtsräten großer Unternehmen und also auch der Medienkonzerne waltet. Wie man sich mit Schlagworten positioniert, wie man eine billige Taktik als große Strategie verkauft und alsbald klammheimlich wieder beendet, wie man innen wie außen Verbündete sucht, wenn man sie braucht, und sie wieder abstößt, wenn sie einem hinderlich werden, wie das Private, die Vorlieben und die Eitelkeiten die angeblich so sachliche Logik von Markt, Angebot und Nachfrage überwuchern, wie wirtschaftlich zufällige, aber positive Ergebnisse zu geradezu zwangsläufigen Folgen des eigenen Handelns im Nachhinein hochgerechnet werden – all das erfasst der Roman im Detail. Und ohne jede Psychologisierung registriert er sachlich und leidenschaftslos, wie die Personen seiner Handlung zu den Produkten der Umgebung werden, die sie angeblich bestimmen und prägen wollen.

Bei der Lektüre fügt man, ohne es zu wollen, eigene Beobachtungen aus dieser Welt bei, ergänzt, was Goetz auch aus rechtlichen Gründen auslässt, erkennt in der genauen Beschreibung von öffentlichen Auftritten seines Personals weniger konkrete Personen als vielmehr eine bestimmte Haltung, eine spezifische Gestik und Mimik wieder. Und noch in der spekulativsten Wendung des Romans, die sich vielleicht der Richter im Verfahren der Kirch-Erben gegen die Deutsche Bank zu Gemüte führen sollte, geht es weniger um die unterstellte Taktik des einen Medienunternehmens im Umgang mit einem fallenden Konkurrenten als um die dahinter steckende strategische Notwendigkeit.

• Text aus Heft Nr. 48/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

30.11.2012 – led/MK

` `