„Le match“ in einer Kaschemme mit Fernseher

10.06.2019 •

«Das wichtigste Spiel des Jahres, das Finale der Champions League, will ich in diesem Jahr in Südfrankreich sehen, aber die Strandpromenade ist voll mit Kurzurlaubern, die Meeresfrüchte essen wollen, niemanden interessiert hier ein Fußballspiel, und die Kneipe vom letzten Jahr zeigt nur noch Pferderennen. Ich wünschte, ich würde mich für Pferde interessieren! Niemanden berührt unsere Frage nach „le match“, alle wimmeln uns ab. [...]

Am Port de Plaisance, wo die Balkons die Form der Nase von de Gaulle haben (der Architekt verehrte den Général) entdecken wir mit der Erleichterung eines Wüstenreisenden, der eine Oase erreicht, eine Kaschemme mit Fernseher, in der ein paar Aussätzige das wichtigste Spiel des Jahres gucken. [...] Es spielt eine Weltauswahl aus Liverpool gegen eine Weltauswahl aus London. Ich nutze die Gelegenheit zum Französischlernen, es gibt wohl keine Sprache, die sich so wenig zum Kommentieren von Fußballspielen eignet, es klingt immer nach Racine, selbst wenn es um absichtliches Handspiel geht. [...] In der Pause analysieren Willy Sagnol und Christophe Dugarry den Spielverlauf, auch in Frankreich dürfen ehemalige Profis als soziale Wiedereingliederungsmaßnahme beim Fernsehen arbeiten.»

Jochen Schmidt in der Kolumne „Teletext“ der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (Ausgabe vom 9.6.2019)

10.06.2019 – MK