Der exzessive Ausbau des Streamings und die Folgen

06.06.2020 •

«Immer eindrücklicher erleben wir, dass Film und Kino zweierlei geworden sind. Ursprünglich war das Filmemachen gleichbedeutend mit Kinomachen. Im Französischen hat sich diese Koppelung im Begriff faire du cinéma erhalten. Aber seit fast 40 Jahren erleben wir, dass sich der Film vom Kino trennt. Der Grund dafür liegt in der Vielzahl neuer Verwertungsmöglichkeiten, vom Video über die DVD bis zum Stream. Die Möglichkeit, Filme online zu verbreiten, besteht schon lange, wurde aber während der Corona-Zeit so exzessiv ausgebaut, dass wir nicht mehr mit einer Erholung des Kinomarktes rechnen können. Im Gegenteil: Die Streaming-Unternehmen konnten sich derart verbreiten und Kapital ansammeln, dass die großen Kinofestivals in Erklärungsnot geraten werden. Warum sollten nicht alle Festivals, etwa das Münchner DOK.fest oder die Kurzfilmtage Oberhausen, in Zukunft nur noch „online“ stattfinden?

Warum also brauchen wir das Kino?

Aus demselben Grund, aus dem die Menschen wieder in Restaurants gehen, Fußballspiele oder klassische Konzerte erleben wollen. Es geht darum, den immer seltener gewordenen geschützten Offline-Raum zu erleben. Irgendwo müssen wir wieder zu uns selbst kommen, unerreichbar sein und uns in unserem Körper, in der Gegenwart des Lebendigsein wiederfinden. Im Kino haben wir keine Maus in der Hand und wollen nicht ungeduldig in der Timeline umherspringen, sondern lassen uns gemeinsam mit gänzlich Fremden vom Rhythmus der Kinoerzählung erfassen. Wir lachen, weinen, tauchen ein in das, was uns andere Menschen mit Bildern erzählen.»

Der Filmautor und Regisseur Edgar Reitz, Jg. 1932, in der „Zeit“ (Ausgabe vom 4.6.2020) in einem längeren Text zum Thema „Warum wir das Kino brauchen“. In dem Text plädiert Reitz („Heimat“-Trilogie) dafür, dass sich das Kino verwandeln muss – etwa neue Raumkonzepte entwickeln muss –, um in Zukunft eine Chance auf dem digitalisierten Medienmarkt zu haben.

06.06.2020 – MK

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