Leben und Überleben in NRW

Interview mit Lutz Hachmeister zum 25-jährigen Bestehen der Cologne Conference

Von Jörg Gerle

Vor 25 Jahren wurde im Rahmen des Medienforums NRW die Cologne Conference gegründet. Als man 1991 zum ersten Mal einlud zum gemeinsamen Erleben ausgezeichneter Fernsehproduktionen auf großer Leinwand, kamen die Teilnehmer der Veranstaltung einem Closed Circle gleich, in dem wenige Eingeweihte lange vor der deutschen Heimkinopremiere Serien-Piloten und Fernsehfilme wie auch deren Macher präsentiert bekamen. Inzwischen sind die Zuschauerzahlen fünfstellig und die rund einwöchige Veranstaltung in Köln ist zum renommierten internationalen Film- und Fernsehfestival avanciert. Gegründet wurde die Cologne Conference von Lutz Hachmeister, der das Festival als internationale Bereicherung zu seiner national fokussierten Arbeit am Marler Grimme-Institut begriff, dessen Leiter er von 1989 bis 1995 war. Inzwischen sitzt der Gründungsdirektor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) zusammen mit Petra Müller (Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW), Marc Jan Eumann (Medienstaatssekretär NRW) und Sam Davis (Rowboat Film- und Fernsehproduktion) im Präsidium der Cologne Conference (kurz: CoCo), deren Leiterin seit 2004 Martina Richter ist. MK-Mitarbeiter Jörg Gerle sprach anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Festivals mit Lutz Hachmeister, 56, seit längerem selbst preisgekrönter Filmemacher. Die Cologne Conference 2015 findet vom 25. September bis 1. Oktober statt. • MK

* * * * * * * * * *

MK: Lutz Hachmeister, alles begann 1991 in einem Kino. Ohne große Werbung, ohne Eintritt und sogar mit kostenlosen Brezeln für die Zuschauer. Wenn man auf die Anfänge der Cologne Conference im Kino des Museums Ludwig zurückschaut, so erkennt man neben dem Mut, eine solches Festival zu gründen und aufzuziehen, einen ungeheuren Enthusiasmus. Aber woher kamen Geld und Motivation?

Lutz Hachmeister: Das mit den kostenlosen Brezeln sollten wir wieder einführen [lacht]. Es gab damals in Nordrhein-Westfalen dieses „Medienland“-Konzept, für das ja prominent der Name des damaligen SPD-Staatskanzleichefs Wolfgang Clement steht. Das bedeutete Ansiedlungspolitik und Standortpolitik. Und „Medien“, das hieß in den 1990er Jahren vor allem eines: Fernsehen. Kino hatte mehr Glamour, aber es war schon absehbar, dass ein „Hollywood am Rhein“ nicht entstehen würde. Die Idee eines Fernsehfestivals hatte ich schon zu Beginn meiner Amtszeit als Grimme-Direktor, das war 1989. Dann gab es ein ziemlich hoch aufgehängtes Konkurrenzprojekt in Frankfurt am Main, das schließlich nicht realisiert wurde. Aber damit erschien die Idee in der NRW-Staatskanzlei sicher attraktiver. Mit Clements Chefreferenten für Medienfragen, Hans Gerd Prodoehl, bin ich ganz gut ausgekommen, und so haben wir beschlossen, zunächst beim Medienforum NRW eine Art Teststrecke zu bauen. Auch die Düsseldorfer Landesmedienanstalt war damals noch stärker engagiert, unter Norbert Schneider, später dann gar nicht mehr. Serien wie „Twin Peaks“ von David Lynch und „House of Cards“, das Original von der BBC, in dem Ian Richardson noch die Rolle spielte, die seit 2013 in der US-Neuauflage Kevin Spacey innehat, haben wir dann als erstes gezeigt. Mir war schon klar, dass wir vom reinen Gerede über Fernsehen wegkommen mussten, hin zur audiovisuellen Präsentation des State of the Art.

MK: Wie haben Sie in der Anfangszeit all die Filme, Serien und deren Macher nach Köln bekommen?

Lutz Hachmeister: Das war gar nicht so schwer, weil der deutsche Fernsehmarkt mit dem quantitativen Erfolg der Privatsender für ausländische Investoren und Sender ganz attraktiv war. Die Karten wurden neu gemischt und man konnte mehr Programme nach Deutschland verkaufen. Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi kamen ja persönlich angereist, Leo Kirch war da und Helmut Thoma sowieso. Außerdem hat sich Martina Richter, die dann mit Petra Müller und mir das Ganze ausgebaut hat, von Paris aus intensiv um den internationalen Fernsehmarkt gekümmert. Und öffentliche Aufführungen in einem politischen Umfeld haben dem Fernsehen und seinen Machern auch ein Prestige verliehen, das dieses Medium üblicherweise nicht hatte.

MK: Mit dem sichtbaren und messbaren Publikumserfolg des Fernsehens im Gemeinschaftsraum Kino haben auch andere Festivals begonnen, TV-Sektionen zu kreie­ren. Hat der Cologne Conference dieser Konkurrenzdruck geschadet?

Lutz Hachmeister: Geschadet nicht, aber man spürt natürlich die Konkurrenz um bestimmte hochrangige Serien. Dass die Berlinale jetzt Fernsehserien zeigt, ist ja ein schöner Beleg für die Weitsicht der Cologne Conference. Ich weiß noch, dass Dieter Kosslick damals als Chef der Filmstiftung NRW ein Fernsehfestival etwas obskur fand…

MK: Wie hat sich die Akzeptanz innerhalb der Stadt und des Landes, also bei den Geldgebern verändert?

Immer umzingelt von Interessen

Lutz Hachmeister: Na ja, die Cologne Conference hat nicht nur überlebt, sondern ist immer stabiler und kräftiger geworden. Viele andere Projekte aus den Clement-Jahren sind gestorben. Vom internationalen Level her gesehen, auch mit den Stars und Machern, die jedes Jahr nach Köln kommen, ist die CoCo in Nordrhein-Westfalen völlig singulär. Natürlich ist das Festival, verglichen mit den Budgets in München oder Hamburg, radikal unterfinanziert [lacht]. Da müssen wir noch etwas nachhaltiger verhandeln. Es gibt auch noch enorme Potenziale für den Ausbau des Festivals, ohne dass es seinen Charme verlieren muss.

MK: War die Trennung vom Medienforum eine logische Voraussetzung für das Erwachsenwerden der Cologne Conference?

Lutz Hachmeister: Ja, das hätten wir eigentlich viel früher bewerkstelligen sollen, also den Ausbau zu einem echten Publikumsfestival. Medienpolitik ist ja ein sehr mühseliges und undurchsichtiges Politikfeld – da weiß ich, wovon ich rede –, und da war die CoCo immer umzingelt von Interessen, die mit handwerklichen oder künstlerischen Aspekten der audiovisuellen Produktion nichts zu tun hatten. Jetzt ist die Atmosphäre viel freier und entspannter, obwohl Martina Richter und ich das finanzielle Risiko für die CoCo allein und persönlich tragen. Solche Modelle wie das Medienforum hatten sich irgendwann überlebt, dafür ist der Markt inzwischen zu differenziert.

MK: Hat sich mit dem Größerwerden und mit dem zunehmenden Interesse der Fernsehanbieter auch im Geltungsbewusstsein der Sender etwas verändert? Haben manche auch mal Gebietsansprüche angemeldet, nach der Devise: „Ich komme mit meiner Premiere nur dann, wenn ich der Haupt-Act bin?“

Lutz Hachmeister: Nein, das sind Verhandlungen um Produktionen beziehungsweise Premieren, die jedes Festival führen muss. Wir haben ja auch „Die Bubi-Scholz-Story“, den Film über die Oetker-Entführung, oder Doku-Dramen von Heinrich Breloer und Horst Königstein uraufgeführt. Da gab es von den Sendern her immer Interesse, vor allem bei WDR, ZDF und Arte. Sicherlich hatten ausländische Programme einen Startvorteil, weil deren Beiträge ja im Heimatland zumeist schon gesendet worden waren; das hätte bei den deutschen Produktionen keinen Sinn gemacht.

MK: Fernsehen gilt ja inzwischen als Kulturgut, dessen Produkte es zu bewahren gilt. Das Wort „Fernsehästhetik“, das gerne benutzt wurde, um einen Kinofilm zu diskreditieren, ist als Schimpfwort heutzutage obsolet. Wie schätzen Sie die Bedeutung der Cologne Conference als Wegbereiterin ein?

Avantgarde-Produktionen des Fernsehens

Lutz Hachmeister: Man muss medienhistorisch schon darauf hinweisen, dass es beim Fernsehen schon immer Avantgarde-Produktionen gegeben hat, nehmen Sie Serien wie „The Monkees“ aus den USA Mitte der 1960er Jahre oder die aus den Jahren 1967/68 stammende englische Serie „The Prisoner“, die in Deutschland unter dem Titel „Nummer 6“ lief und die wir hier in Köln 1994 noch einmal innerhalb unserer „Kultnacht“ gezeigt haben. Es ist heute schlicht so, dass gerade in den USA mehr Geld und Power im Entwicklungs- und Produktionsmarkt da ist, auch durch neue Player, nämlich Streaming-Anbieter wie Netflix, Amazon oder Hulu. Allein die Zahl der jeweils neuen Serien ist doch fantastisch. Es ist ja auch interessant, dass Netflix-Chef Reed Hastings gern den Begriff „Fernsehen“ vermeidet und propagieren möchte, es handele sich um etwas ganz Neues und Anderes. Aber das stimmt natürlich nicht, es geht im Wesentlichen um neue Formen der Distribution. So etwas wie Binge-Viewing ist ja schon mit dem DVD-Markt entstanden. Und das Genre der komplex erzählten Fernsehserie ist gerade von einem jüngeren Publikum, auf welchen Screens auch immer, wiederentdeckt worden.

MK: Wie steht das deutsche Fernsehen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz da? Hässliches Entlein mit Ambition zum Schwan?

Lutz Hachmeister: Ich habe schon den Eindruck, dass sich Sender und Redakteure irgendwie bemühen, da mitzuhalten. Es gibt zumindest ein Problembewusstsein und es wird ja auch einiges entwickelt – natürlich sehr verspätet. Insgesamt ist die Programmierung der Sender, gerade bei ARD und ZDF, sehr viel provinzieller als noch in den 1970er oder 1980er Jahren. Das hat eben alles so einen Regionaltouch. Nach dem Motto: Wenn wir schon in der Spitze nicht mithalten können, gehen wir in die Fläche. Oder machen Satire. Würde man die verständliche politische Unterstützung durch die Bundesländer mal wegnehmen, könnte das System in dieser Form gar nicht überleben. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich sehe mir mitunter durchaus mit Vergnügen den modernisierten „Bergdoktor“ an. Aber das kann nicht der Kern des Programmverständnisses sein.

MK: Ist das deutsche Fernsehen – also der von ihm geförderte deutsche Film – Opfer seines Förderkorsetts? Ist ein progressives, Grenzen sprengendes Format unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich?

Eine Art Reservekasse

Lutz Hachmeister: Möglich wäre es schon, warum nicht? Man müsste wohl mehr Geld in die Entwicklung stecken und weniger Mainstream fördern. Das würde wahrscheinlich nur mit anderen Entscheidungsstrukturen in den Fördergremien funktionieren. Oder mit einem Kriterien- oder Referenzmodell wie beim Deutschen Filmförderfonds. Bei den Länderförderungen liegt natürlich immer die Gefahr nahe, dass die beteiligten Sender das Ganze als eine Art Reservekasse betrachten, für das, was sie ohnehin schon immer machen. Aber die Debatten darüber sind ja alt. Man müsste wahrscheinlich im Gesamtmarkt stärker zu Nachfragemodellen kommen, ähnlich wie im Buchmarkt.

MK: Inzwischen gibt es bei der Cologne Conference nur noch eine Fiction-Top-Ten. Liegt die Abschaffung der Non-Fiction-Top-Ten an der mangelnden Qualität oder der eingeschränkten Quantität des dokumentarischen Formats? Oder hat es sich gar überlebt?

Lutz Hachmeister: Nein, gar nicht. Wir haben uns damals nur entschieden, mit „Top Ten“, „Look“ und „Kino“ drei anders strukturierte Reihen zu schaffen. Das hat sich auch bewährt. Die CoCo zeigt nach wie vor jede Menge Dokumentarfilme, das ist ja international ein sehr lebendiges und auch hochwirkungsvolles Genre. Gerade haben wir zum Jubiläum gemeinsam mit dem Sender Phoenix den Dokumentarfilm-Preis reaktiviert, der 2015 an Joshua Oppenheimer geht, der die Indonesien-Dokumentationen „The Act of Killing“ und „The Look of Silence“ gemacht hat.

MK: Im Jahr 2010 gab es die Erweiterung der Cologne Conference in Richtung Kinofilm. Müsste nicht ein dezidiertes Fernsehfilm-Festival eher den Event-Charakter, den das Medium immer noch hat, nutzen und wie bei den ganzen „Cons“ – wie etwa der „Comic-Con“ in San Diego – den Stars der Branche ein Publikumsforum geben, um den Besuchern ein „First-Look-Feeling“ zu suggerieren? Und wäre da das Kino mit seinen Stars dann nicht fehl am Platz?

Lutz Hachmeister: Für die Cologne Conference war es immer gut, sich zwischen den Linien und Genres zu bewegen, sonst gäbe es sie gar nicht mehr. Dazu gehören Kinoproduktionen unbedingt, zumal es viele ungewöhnliche Filme aus den europäischen Nachbarländern gibt, die hier im Kino untergehen oder gar nicht aufgeführt werden. Und Sie haben ja selbst die neue Konkurrenz um Fernsehserien bei den Filmfestivals erwähnt; als puristisches TV-Festival würde man da mehr Schwierigkeiten bekommen. Ich finde aber die Anregung gut, mehr auf Präsentationen von Projekten zu setzen, die noch nicht ganz fertig sind, und dazu Workshops mit den Machern anzubieten. In diese Richtung werden wir gehen. Internationale Veranstaltungsformate wie „South by Southwest“ in Austin haben da sicher Vorbildcharakter.

MK: Die Cologne Conference will einerseits mit ihren Lectures, Panels und auch Partys Fachmesse sein und anderseits Publikumsfestival. Sollte man sich nicht besser für eine Richtung entscheiden?

Futurologen und Technikprognostiker

Lutz Hachmeister: Nein. Politik, Präsentationen und ästhetische, produktionelle Debatten gehören hier zusammen. Man muss das Ganze für das Publikum nur immer wieder attraktiv mischen. Wir haben ja vor drei Jahren gemeinsam mit der Deutschen Telekom und anderen Förderern die „Cologne Conference Futures“ etabliert, international sehr hochrangig besetzt mit Futurologen, Technikprognostikern und Sozialwissenschaftlern – rund um das Thema „Medienevolution“, an dem sich alle Unternehmen nolens volens abarbeiten. Jetzt ist auch noch die Kölner Kunsthochschule für Medien als Partner dazu gekommen. Das ist also anschlussfähig. In Berlin oder Locarno funktioniert die Mischung aus Publikumsfestival und Fachveranstaltungen ja auch. Wir müssen hier nur die eigene Marke in Köln schärfen. Das hat eben auch etwas mit der materiellen Basis zu tun.

MK: Hat die Cologne Conference jemals Ambitionen gehabt, mit ihrem Programm – etwa den Top-Ten-Filmen – auch durch andere Städte zu touren? Das Fantasy-Filmfest hat ja zum Beispiel gezeigt, dass man mit Spezialprogrammen deutschlandweit Publikum und Bekanntheitsgrad generieren kann.

Lutz Hachmeister: Das schaffen wir schlicht nicht mit dem vorhandenen Personal. Da ist jetzt schon die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Doch es ist denkbar, dass das Label Co­logne Conference für Veranstaltungen außerhalb des eigentlichen Festivals genutzt wird.

MK: Wie sieht die Zukunft der Cologne Conference im Zeitalter der Zersplitterung des Fernsehens in lineares Ausstrahlen und Mediathekenabruf, in YouTube, Streaming-Portale und Bezahlplattformen aus? Wie kann man da den Überblick behalten?

Lutz Hachmeister: Die Marktbeobachtung läuft ja das ganze Jahr über, auch durch HMR International, unsere Medienberatungsfirma. Es ist sicher so, dass Programme durch die Streaming-Dienste oder das Pay-TV schneller beim deutschen Publikum ankommen, übrigens eine ziemliche dramatische Bedrohung für das konventionelle Fernsehen. Aber es bleibt noch genug für das Festival übrig, es wird irgendwann auch Kooperationen mit den Streaming-Anbietern geben. Und sei es in der Form von Workshops.

22.09.2015/MK
Lutz Hachmeister: „Ich sehe mir mitunter durchaus mit Vergnügen den modernisierten 'Bergdoktor' an“ Foto: MK

Print-Ausgabe 19/2016

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren