Transparenz Programmherstellung

Anmerkungen zum ersten ARD-Produzentenbericht

Von Oliver Castendyk

Zum ersten Mal gibt es einen ARD-Produzentenbericht (vgl. MK-Meldung). Oliver Castendyk liefert dazu Anmerkungen aus Sicht der Produzentenallianz. Castendyk ist Medienanwalt und Wissenschaftlicher Direktor der ‘Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen’ (Produzentenallianz). MK

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Der ARD-Produzentenbericht 2014 liegt vor. Erstmals stellen ARD und Degeto Transparenz in der Frage her, wie viel Geld bei den Auftrags-, Ko- und Mischproduktionen an abhängige bzw. unabhängige Produzenten fließt. Bisher hatten nur einzelne Landesrundfunkanstalten, unter anderem NDR und WDR, derartige Zahlen vorgelegt. Was lässt sich aus dem ARD-Bericht erkennen?

  1. Plakativ und von der Öffentlichkeit vor allem wahrgenommen ist das Gesamtvolumen von 707 Mio Euro. Das ist mehr als beim ZDF, dessen Ausgaben nach eigenen Angaben bei 575 Mio Euro liegen (2013; die entsprechende Zahl für 2014 liegt noch nicht vor).
  2. Interessant ist aber auch der Vergleich innerhalb der ARD. Wie erwartet sind WDR (105 Mio) und NDR (93 Mio) die Schwergewichte bei der Auftragsvergabe. Aber selbst diese Volumina sind klein im Vergleich zur Degeto mit 304 Mio Euro.
  3. Der Bericht beweist, dass es nur noch eine Landesrundfunkanstalt gibt, die ihre Sendungen fast ausschließlich selbst produziert, wie es vor 50 Jahren bei allen öffentlich-rechtlichen Sendern üblich war. Der Hessische Rundfunk (HR) sieht sich deshalb auch bemüßigt, diese im gesamten Wirtschaftsleben inzwischen ungewöhnlich gewordene Strategie (Seite 33 des Berichts) näher zu begründen. Ob Eigenproduktionen, wie der HR vorträgt, qualitativ und wirtschaftlich erfolgreicher sind als Auftrags- oder Koproduktionen, ist eine Frage, die man allerdings seriös erst dann beantworten kann, wenn auch die Zahlen zu den Eigenproduktionen in miteinander vergleichbarer Form vorliegen. Dies ist jedoch, obwohl von der Finanzkommission KEF mehrfach gefordert, noch nicht der Fall.
  4. Spannend ist auch der Anteil der Tochterunternehmen an der Auftragsvergabe. Als abhängig gilt eine Produktionsfirma, wenn der konkret den Auftrag gebende ARD-Sender mittel- oder unmittelbar an ihr beteiligt ist. SWR und BR kommen auf Unabhängigen-Anteile von über 90 Prozent, bei NDR und MDR liegt er bei rund zwei Dritteln. Radio Bremen hat einen kleinen Anteil, weil das Gros der Aufträge an die vor einigen Jahren outgesourcte Bremedia gehen dürfte. Hoch (43 Prozent) ist der Anteil der ARD-abhängigen Produzenten bei der Degeto.
  5. Von der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen ist die Aufschlüsselung der Ausgaben nach Programmgenres. Grund dafür ist der Umstand, dass die ARD die Zahlen zunächst nur nach Ressorts aufteilt (Politik und Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft, Religion, Spielfilm, Serie, Unterhaltung, Musik, Familie, Bildung und Vorabend). Da in einem Ressort wie ‘Familie’ Kinderprogramme, „Zoogeschichten“ und Serien wie „Rote Rosen“ verantwortet werden, ist auf den ersten Blick kaum erkennbar, dass hier erstmals der – wenn auch noch etwas halbherzige – Versuch gemacht wird, Ausgaben für bestimmte Genres transparent zu machen. Aber immerhin: Wir erfahren etwa, dass die Degeto im Jahr 2014 eher klägliche 3,4 Mio Euro in Kinokoproduktionen gesteckt hat und dass deutsche Animationsproduktionsfirmen rund 6 Mio Euro aus dem ARD-Säckel erhalten.
  6. Vergleicht man die einzelnen ARD-Sender miteinander, dann zeigen sich weitere interessante Einzelheiten. So ist möglicherweise nicht jedem bewusst, dass sich der WDR (mit zirka 8 Mio Euro) und der SWR (mit rund 6 Mio) als Koproduzenten oder Lizenznehmer deutlich mehr für den deutschen Kinofilm engagieren als etwa BR (3,3 Mio), NDR (2,4 Mio) oder gar MDR (300.000).

Der Produzentenbericht 2014 setzt weitgehend die „Leitlinien zur Transparenz“ um, die ARD und ZDF 2013 mit der ‘Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen’ vereinbart hatten. Der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor bezeichnet den Produzentenbericht als wichtigen Schritt. Das ist richtig: Weiterentwickelt und ergänzt, zum Beispiel um Eigenproduktionen und bessere Genre-Aufteilungen, wird die ARD mit dem nächsten Bericht das Ziel „Transparenz Programmherstellung“ tatsächlich erreichen können.

13.10.2015/MK

Print-Ausgabe 19/2016

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