Die wichtigsten Ereignisse fanden im Saale statt: Ein Rückblick auf das Fernsehsportjahr 2015

Die wichtigsten Sportereignisse des Jahres 2015 fanden im Saale statt – in Verhören von Polizei und Staatsanwälten, vor Gericht, in Kommissionen und in Gremien. Es begann am 27. Mai mit der Verhaftung führender Funktionäre des Weltfußballverbandes FIFA an dessen Sitz im schweizerischen Zürich. Den Haftbefehl hatte die US-amerikanische Justiz beantragt, die Bestechungsvorwürfe bei der Vergabe der WM-Turniere untersuchte. Gab es von der Verhaftung nur wenige Bilder, auf denen Limousinen von einem Züricher Luxushotel wegfuhren, so wurde die Pressekonferenz, auf der die FIFA am Nachmittag des Tages auf die Ereignisse antwortete, von vielen Sendern live übertragen.

Doch das, was der Mediendirektor des Weltfußballverbandes auf der Veranstaltung vortrug, erklärte nichts und zielte nur darauf ab, FIFA-Präsident Sepp Blatter aus der Schusslinie der Medien wie der Justiz zu nehmen. Welche Rolle er im Macht- und Geldspiel des Weltfußballverbands einnahm, hatte am 4. Mai im Ersten die Dokumentation „Der verkaufte Fußball – Sepp Blatter und die Macht der FIFA“ (ARD/WDR/SWR) von Robert Kempe, Jochen Leufgens, Florian Bauer und Daniel Hechler erhellt. Den 79-jährigen Blatter focht das alles nichts an. Er ließ sich am 29. Mai erneut auf weitere vier Jahre zum Präsidenten der FIFA wählen.

Wenige Wochen später nahm der Druck von Medien und Justiz zu. In der Talkshow von Günther Jauch am 31. Mai im Ersten stellte der ARD-Journalist Florian Bauer einem anwesenden FIFA-Vertreter konkrete Fragen zu Zahlungen des Verbandes an Funktionäre in Mittelamerika, die dem Zweck gedient hatten, Stimmen für die Vergabe der Fußball-WM 2010 an Südafrika zu sichern. Das hatte ein südafrikanischer Funktionär zuvor öffentlich eingestanden. Der FIFA-Funktionär bei Jauch erklärte zunächst, dass er davon nichts wisse. Dann, dass er dazu aus rechtlichen Gründen nichts sagen dürfe. Und spätestens hier ahnte man dann, dass Sepp Blatter und seine auf ihn eingeschworene Führungsriege mit ihren Bluffs und Lügen diesmal nicht durchkommen würden. Am 2. Juli trat Blatter von seinem Amt zurück.

Am Ende des Jahres wurde er gemeinsam mit Michel Platini, dem französischen Chef des europäischen Fußballverbands UEFA, von der Ethikkommission der FIFA für acht Jahre gesperrt. Begründet wurde dies mit einer Zahlung der FIFA von zwei Millionen Euro an Platini, die Blatter 2011 – angeblich für zehn Jahre zurückliegende Dienste – angewiesen hatte. Michel Platini hatte sich in den Monaten zuvor als der Saubermann geriert, der die durch Blatter ins Zwielicht geratene FIFA reformieren wollte. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) teilte man Platinis Kritik an Blatter. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach erklärte öffentlich, dass ihn die gegen die FIFA gerichteten Korruptionsvorwürfe „fassungslos“ machten.

Da ereilte Niersbach und den DFB am 17. Oktober eine Titelgeschichte im „Spiegel“, der unter der steilen Überschrift Das zerstörte Sommermärchen den DFB-Funktionären vorwarf, bei der Bewerbung Deutschlands um die WM 2006 ebenfalls kräftig bestochen zu haben. Erst schien es, als stünde die Behauptung des Magazins auf wackligen Füßen, aber Woche für Woche wurden mehr Indizien dafür enthüllt, dass es auch bei dieser Vergabe seinerzeit gewiss nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Spätestens mit der Pressekonferenz von Wolfgang Niersbach am 22. Oktober war der DFB-Präsident in seinem Amt nicht mehr zu halten. Zweieinhalb Wochen später, am 9. November, trat auch er zurück.

Spätestens jetzt konzentrierte sich die Kritik auf Franz Beckenbauer, der ab 1998 das Bewerbungskomitee des DFB für die WM 2006 geleitet hatte. Der „Kaiser“ galt viele Jahre, ja, jahrzehntelang als unantastbar. Das bewies zuletzt noch Thomas Schadts umfassendes Filmporträt „Fußball – ein Leben: Franz Beckenbauer“ (ARD/BR), das am 6. September im Ersten zum 70. Geburtstag des einstigen FC-Bayern-Stars und Weltmeisters von 1974 (als Spieler) und 1990 (als Trainer) ausgestrahlt worden war. Schadt konnte bei der Fertigstellung seines 90-minütigen Dokumentarfilms noch nichts von den Enthüllungen wissen, die der „Spiegel“ dann präsentierte, aber der Filmemacher vermied geradezu sklavisch alle nur denkbaren kritischen Fragen an Beckenbauer, der ihm sichtlich sympathisch war. Nach der „Spiegel“-Geschichte tauchte Franz Beckenbauer erst einmal ab. Selbst als Fußballexperte beim deutschen Pay-TV-Sender Sky ward er nicht mehr gesehen. In einem Interview mit ihm, das am 20. November in der „Süddeutschen Zeitung“ erschien, tischte er dann die absurde Geschichte auf, dass er gar nicht mehr wisse, was er in seinem Leben so alles unterschrieben habe.

Diese unglaubhafte Selbstentlastung der einstigen Lichtgestalt Beckenbauer erinnerte fatal an die halbstündige Fake-Dokumentation, die am 4. Juni im Ersten unter dem Titel „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ (ARD/WDR) ausgestrahlt worden war. In ihr stand Olli Dittrich als Schorsch Aigner vor der Kamera, der, wie er in der halbstündigen Sendung enthüllte, seit vielen Jahren Beckenbauer gedoubelt und für ihn vieles unterschrieben habe – vor allem Autogrammkarten. Am 5. November legten Dittrich und sein Koautor Tom Theunissen mit einem aktuellen Stück nach („Das FIFA-Märchen“, ARD/WDR), in dem sich die von ihnen erfundene Double-Figur Schorsch Aigner als wahrer Drahtzieher der Bestechungsvorgänge hinsichtlich der WM 2006 in Deutschland bezeichnete. „Der einzige, der von nichts wusste, war der Franz“, erklärte am Ende des 20-minütigen Films Aigner alias Dittrich. Beckenbauer war vermutlich der einzige, der das im Anschluss glaubte.

Hinter alldem verschwanden die fußballsportlichen Ereignisse des Jahres fast, etwa dass Bayern München mühelos deutscher Meister wurde, der FC Barcelona souverän die Champions League gewann, die Frauen der USA in Kanada Weltmeisterinnen wurden oder dass Trainer Jürgen Klopp nach einer katastrophalen Saison seinen Abschied nahm vom Bundesligisten Borussia Dortmund. Doch es traf den Fußball nicht allein. So wurde die Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die in der zweiten August-Hälfte in Peking stattfand, von einem Skandal überschattet, den am 1. August eine ARD-Dokumentation aufgedeckt hatte: Geheimsache Doping (ARD/WDR) von Hajo Seppelt legte nahe, dass der zuständige Weltleichtathletikverband IAAF deutliche Hinweise darauf hat, dass jeder sechste Gewinner einer Medaille bei Olympischen Spielen oder Welt- und Europameisterschaften unter dem Verdacht steht, mit blutverändernden Mitteln gedopt zu haben.

Ursache der Korruption wie des Dopings sind selbstverständlich die großen Geldmengen, die mit dem Sport verbunden sind und die zumeist von Medienunternehmen stammen, die das Geld insbesondere für Fernsehrechte zahlen. Diese Summen nahmen weiter zu: Für die Fußball-TV-Rechte ab 2017 an der englischen Premier League geben der Pay-TV-Sender Sky (Großbritannien) und die British Telecom für einen dreijährigen Zeitraum insgesamt 6,9 Milliarden Euro aus. Das US-Medienunternehmen Discovery kaufte für 1,3 Milliarden Euro die Übertragungsrechte an den Olympischen Spielen von 2018 bis 2024 und wird damit auch seinen mittlerweile vollständig erworbenen Tochtersender Eurosport versorgen. Leidtragende dieses Deals von Discovery mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) sind hierzulande die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die ab den Winterspielen 2018 erstmals seit 1960 nicht mehr live von Olympia werden berichten können, es sei denn, sie erwürben Sublizenzen.

So war es am Ende kein Wunder, dass angesichts all dieser Vorkommnisse die Bürger Hamburgs kein Interesse an der Ausrichtung der Olympischen Spiele 2024 hatten und am 29. November in einer Volksabstimmung mehrheitlich gegen eine Bewerbung der Hansestadt votierten. # Dietrich Leder/MK

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Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2015 von Dietrich Leder in Heft 1/2016 der „Medienkorrespondenz“. Die 36-seitige Ausgabe erscheint am 13. Januar. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000185.

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Das Jahr der Serien. Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2015 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10-Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Die öffentlich-rechtlichen Sender, 3) Die privaten Medienunternehmen, 4) Medien, Internet und Gesellschaft, 5) Serien, Mehrteiler, Reihen, 6) Fernsehfilm, 7) Unterhaltung, 8) Dokumentarfilm, 9) Sport, 10) Literatur, Musik, Kino.

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12.01.2016 – MK

Print-Ausgabe 13/2016

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