Trainingscamp Hannover

Ein Gespräch mit dem früheren NDR-Intendanten Jobst Plog über den „Hannover-Komplex“ und die Erfahrungen mit der Medienpolitik

Von Lutz Hachmeister

Professor Jobst Plog zählt zu den profiliertesten Intendanten in der ARD-Geschichte. Der gebürtige Hannoveraner war von Januar 1991 bis Januar 2008 Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg und während dieser Zeit zweimal ARD-Vorsitzender (1993/94 und 2003/04). Von 1999 bis 2002 war er zudem Präsident des deutsch-französischen Kulturfernsehsenders Arte (Straßburg). Jobst Plog, geb. am 26. Februar 1941, lebt heute in Hamburg und in Südfrankreich. Lutz Hachmeister sprach anlässlich seines 90-minütigen Dokumentarfilms „Der Hannover-Komplex“ (WDR/NDR/SWR/RBB/Phoenix) – der im Oktober 2015 auf der Cologne Conference erstaufgeführt wurde und der 2016 im Ersten gesendet werden soll – mit Jobst Plog über die Mentalität seiner Heimat, rundfunkpolitische Erfahrungen und die gegenwärtige Strategie der ARD. Zum Hannover-Film erscheint im März auch ein vertiefendes Buch bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA). • MK

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Lutz Hachmeister: Herr Plog, Sie sind einer der wenigen bekannten Hannoveraner, der auch in Hannover selbst geboren wurde. Im Februar 1941, mitten im Krieg. Wann fangen Ihre ersten bewussten Erinnerungen an die Stadt an? Das ist ja immer schwer zu rekonstruieren, weil es von anderen Bildern überlagert wird.

Jobst Plog: Nein, ich weiß es relativ präzise. Unsere Wohnung wurde kriegszerstört. Wir waren schon vorher wegen der Bombenangriffe in die Gegend von Hildes­heim gezogen, meine Mutter und die drei kleinen Kinder. Ich bin der jüngste von drei Brüdern. 1945 war mein ältester Bruder Johann neun, Karsten war sieben und ich war vier. Und da waren wir auf dem Land, auf dem Dorf. Bei Hildesheim, Ottbergen, ein Wallfahrtsort. Wir waren so ziemlich die ersten Protestanten in einem katholischen Ort. Zwischen zwei Kirchen in einem Wallfahrtsort, was auch eine Erfahrung war. Das hat mich durchaus auch mitgeprägt. Und dann kam ich nach Hannover zurück, von der Zwergschule in Ottbergen in die dritte Klasse der Volksschule Kestnerstraße, 1947. Daran habe ich natürlich ganz genaue Erinnerungen. Vom Plumpsklo zum Normalklo und so weiter, aber eben auch von der Zwergschule mit einem sehr guten Zeugnis auf die Normalschule, wo dann alle Lehrer sagten: ‘Naja, der kommt von der Zwergschule.’ Und ich merkte, dass ich auf der Zwergschule mehr gelernt hatte als meine Mitschüler, weil ich mitgekriegt hatte, was die Großen machen. Dann beginnt Hannover für mich, also 1947. Mein Vater war dageblieben. Er war allerdings, nachdem er herausgeschmissen worden war bei seiner Zeitung, in Hamburg auf dem Flakturm und verteidigte Hamburg, als es nicht mehr zu verteidigen war. Der war Jahrgang 1903, Wilhelm Plog, mein Vater.

Wenn ich es richtig gelesen habe, ist Ihr Vater ja 1937 in die NSDAP eingetreten, er war in Hannover bei der „Niedersächsischen Tageszeitung“, die von Bernhard Rust herausgegeben wurde, dem Gauleiter und späteren Reichserziehungsminister. Er ist dann 1942 entlassen worden von Hartmann Lauterbacher, dem neuen jungen Gauleiter und späteren BND-Agenten. Hat Ihr Vater Ihnen da mal Einzelheiten erzählt?

Nein, es wurde nicht viel darüber geredet. Aber mein Vater hat es sehr bewusst im Kopf behalten, dass er politisch belastet war nach 1945. Die Zeitung war ja gleichgeschaltet und auf diese Weise geriet er mehr oder weniger automatisch in die NSDAP, hatte von da an Schwierigkeiten. Er hat in der Nachkriegszeit immer gedacht, dass er für manche Aufgaben nicht in Frage komme. Er gründete dann zusammen mit Landesbischof Lilje das „Sonntagsblatt“, und das war vielleicht auch eine Zeit, in der er nachdenken konnte, was er eigentlich noch machen wollte und aus seiner Sicht auch konnte. Er hat mehrmals angeboten bekommen, in ein Kabinett, ein bürgerliches Kabinett, in Niedersachsen einzutreten… Das hat er abgelehnt. Er hat auch das Bundesverdienstkreuz abgelehnt, weil er immer sagte: Ich bin belastet, ich musste Sachen schreiben, die ich für unvertretbar gehalten habe. Mit drei kleinen Kindern war die Situation eben auch nicht einfach. Widerstandskämpfer wurde nicht jeder. Ich hätte – was die Vergangenheit im Dritten Reich anbelangt – als Vater auch lieber einen Widerstandskämpfer wie Willy Brandt gehabt, wie das so war in dem politisch engagierten Teil meiner Generation. Aber hätte man selbst die Kraft zum Widerstand gehabt? Mein Vater hat sich seiner Vergangenheit immerhin bewusst gestellt.

Wie war er denn ursprünglich politisch verortet?

Konservativ, ganz klar. Mein Vater kommt aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg, Hagenow, und die Vorfahren waren Schmiede, die auch eine Landwirtschaft hatten. Da war er der Jüngste, der Einzige, der je studiert hat. Also, mein Vater war ein Konservativer und ist das eigentlich auch geblieben, ein liberaler Konservativer.

Mein Vater war in der Stadt eine Figur

Das ist ja eine merkwürdige Geschichte mit Madsack in Hannover. Es gab mit der „Hannoverschen Presse“ eine starke SPD-lizenzierte Zeitung nach 1945 , aber Ihr Vater hat die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“, bei der er dann seit 1956 Chefredakteur war, als eine liberal-konservative Zeitung zum Marktführer gemacht und später hat sich die SPD dann an dieser Zeitungsgruppe wirtschaftlich beteiligt und die sozialdemokratisch gegründete „Presse“ wurde in diese Gruppe integriert.

Ja, so wie mein Vater eigentlich auch war, der dann mit seinen Leitartikeln versucht hat, Pluralität in sich selbst herzustellen. Meinem Vater ist seine Vergangenheit in seiner eigenen Stadt nicht vorgehalten worden, er hatte einen guten Leumund. Übrigens hat er die niedersächsischen Orden dann doch angenommen, aus der Hand von Ministerpräsident Alfred Kubel, der im KZ war, weil der ihm gesagt hat: Herr Plog, nun müssen sie mal aufhören mit den Selbstverwürfen.

Aber diese Vergangenheitsfragen haben in unserer Erziehung keine besonders große Rolle gespielt. Mein ältester Bruder war sicherlich noch geprägt durch das Dritte Reich, vor allen Dingen durch die Erfahrung, dass nun plötzlich alle im Widerstand gewesen sein wollten, die er noch anders erlebt hatte. Der mittlere Bruder, der ja Journalist war, und ich selbst hatten diese Erfahrung nicht. Meine Eltern wählten nach dem Kriege sicherlich immer treu die CDU. Und als wir dann beide wählen konnten, mein Bruder Karsten und ich, und mit ihnen zur Wahl gingen, wussten sie, dass wir ihre Stimmen sozusagen neutralisieren würden. Aber das hat sie dann auch nicht gestört, auch meinen Vater nicht. Meine Mutter hat dann, als sie älter wurde, die Grünen gewählt, weil mein ältester Sohn auf der „Grünen Liste“ Präsident des Studentenparlaments geworden war. Insofern gibt es auch da eine Entwicklung. Meine Mutter war eine Hannoveranerin, richtige Hannoveranerin. Aus einer kleinbürgerlichen, eher aufstiegsorientierten Familie.

Noch einmal zu Ihrem Vater. Er wurde dann sogar Generalbevollmächtigter von Madsack. Also, er war schon eine Figur in der Stadt. Haben Sie das mitbekommen als Jugendlicher, dass er zu den Honoratioren in Hannover gehörte?

Ja, schon. Mein Vater lud dann häufig Politiker nach Hause ein. Aller Farben. Ich glaube, mein unbefangener Umgang mit Politikern kommt auch daher. Da war mal der Oberbürgermeister August Holweg von der SPD, der Vorgänger von dem „ewigen“ Bürgermeister Herbert Schmalstieg, oder Bruno Brandes von der CDU. Es ging plural und offen zu. Mein Vater bemühte sich, zu allen Seiten Kontakt zu haben. Insofern war mein Vater in der Stadt eine Figur. Es ist ja auch nicht so schwer. Denn ich meine, so wahnsinnig viele Leuchttürme im Sinne von „Gesellschaft“ gab es da ja nicht. Er war dann Präsident des Rotary-Clubs in Hannover – zweimal sogar, glaube ich. Alles das, was in einer bürgerlichen Biografie ein bisschen angelegt ist.

Rotarier-Präsident waren Sie ja auch einmal, in Hamburg.

Ich wurde in Hannover als junger Anwalt Rotarier und habe gedacht, da kannst du gar nicht „Nein“ sagen. Dann war ich auch bei den Rotariern in Hamburg. Ich bin ausgetreten zusammen mit Jürgen Großmann, weil man uns trotz gewichtiger Argumente nicht beurlauben wollte. Ich habe mir zudem gesagt: Das ein ganzes Leben zu machen, ist schwer erträglich. Auch weil es doch letztlich selbsternannte Eliten sind.

Und man muss sich immer diese Vorträge anhören...

Und nicht jeder kann 15 Minuten frei so über ein Thema reden, dass es wirklich unterhaltsam ist. Es kam hinzu: Ich war ARD-Vorsitzender und hatte eine Menge zu tun, Großmann war in Georgsmarienhütte heftig beschäftigt. Die Rotarier sind häufig beachtliche und in aller Regel nette Leute, aber nichts im Leben, das diese rituelle Regelmäßigkeit hat wie ein rotarysches Mittagessen, ist für mich erträglich [lacht].

Rudolf Augstein und andere waren als Hannoveraner identifizierbar

Sie sind lange in Hannover geblieben, als Rechtsanwalt, bis Sie 1977 zum NDR gingen. Es gibt ja viele Hannover-Stereotype, aber was unterscheidet die Stadt wirklich von anderen in der Größe vergleichbaren Städten? Es ist nicht wie Hamburg oder Köln, das ist klar…

Das wissen die Hannoveraner auch. Hannoveraner haben zu ihrer Stadt ein ganz merkwürdiges Verhältnis. Sie wissen, dass man dort gut leben kann. Hannover ist eine ganz liebenswerte und lebenswerte Stadt. Ich wohnte damals im Hindenburg-Viertel am Stadtwald Eilenriede, es gibt weitere wunderschöne Viertel wie Waldhausen in der Nähe des Maschsees oder Kleefeld. Die Hannoveraner leiden unter der Fremdeinschätzung ihrer Stadt.

Es gibt also einen Hannover-Komplex im doppelten Wortsinn...

Hannover-Komplex, darunter leiden die Hannoveraner tatsächlich, obwohl sie wissen, dass sie zwar in keiner Weltstadt, aber in einer Stadt leben, in der es sich gut leben lässt. Sie trauen sich nicht, das deutlich zu sagen und gegen die Fremdeinschätzung anzugehen. Ich habe immer wieder diese Erfahrung gemacht – Hannoveraner erkenne ich sofort an der Stimmfärbung. Also Rudolf Augstein und andere, alle waren als Hannoveraner identifizierbar. Wenn man in Spanien irgendwo am Strand oder in Frankreich einen Hannoveraner trifft, dann kann es einem immer noch passieren, dass man sagt: „Woher kommen Sie denn?“ Und man weiß im Grunde, der oder die kommt aus Hannover. Und dann sagt der oder die: „Aus der Nähe von Hamburg.“ Also, Sie haben ein ganz gespaltenes Verhältnis zu ihrer Stadt. Sie finden es toll, dort zu leben. Sie wissen, dass diese Stadt von außen nicht besonders hoch angesehen ist. Ein- oder zweimal im Jahr will man sich zur Weltstadt wandeln, nämlich zur Messestadt oder Expo-Stadt. Dann spielen alle Weltstadt, ohne dass es eine gäbe. Es hat so was niedlich Bemühtes. Und noch etwas Besonderes: Hannoveraner sind in einer Weise miteinander/untereinander verbunden, verkumpelt, die über alle sonstigen politischen Grenzen hinweggeht. Und wenn man aus Hannover herausgeht, wie ich nach Hamburg, dann gehört man nicht mehr wirklich dazu.

Das heißt: Wenn man weg ist, ist man weg.

Man ist weg…und man gehört im Grunde nicht mehr dazu… Ich bin seit langem im Aufsichtsrat der Madsack-Gruppe. Wie in allen Verlagen sind auch dort in der Zeitungskrise schwierige Fragen zu lösen. Natürlich sind alle im Aufsichtsrat gut und gleichwertig unterrichtet. Doch daneben gibt es unter den Hannoveranern, die sich immerzu irgendwo sehen und begegnen, viele informelle Kommunikationsstränge, in denen man nicht ist, obwohl man da geboren ist, als Anwalt gearbeitet und sich immer zu Hannover bekannt hat. Ich habe nie den Hannoveraner in mir verleugnet. Aber wenn man nicht mehr in der Stadt ist, dann haben die Hannoveraner das Gefühl, der ist jetzt was Besseres oder fühlt sich vielleicht so. Jedenfalls gehört man nicht mehr dazu.

Herr Wulff ist nicht auf den Gedanken gekommen

Ich glaube, Hannover 96 ist ein sehr starkes Fokussierungsinstrument in der Stadt.

Das war bei mir deswegen anders, weil ich eben der dritte von drei Brüdern war. Mein ältester Bruder Johann entschied sich für Arminia Hannover, in der Oberliga Nord damals, mein zweiter Bruder, Karsten, für Hannover 96, und für mich hatten sie dann vorgesehen, als den dritten noch nicht richtig geschäftsfähigen jungen Bruder – Linden 07. Linden 07 stieg aber jedes Jahr ab und darum habe ich mich schon als Schüler für den FC St. Pauli entschieden. Das ist eine Konstante in meinem Leben geworden und geblieben. Weil es passt!

Zwar auch häufig abgestiegen, aber dann häufig wieder aufgestiegen.

Und mit einer deutlich anderen Mentalität.

Das stimmt. Der einzige Verein, der sich jüngst der „Bild“-Umarmung in den Flüchtlingsfragen verweigert hat.

Das finde ich großartig.

Das hat er gut gemacht, der Geschäftsführer vom FC St. Pauli. Das hat er sehr kühl gemacht und…

…unaufgeregt. Sie hatten das gar nicht öffentlich gemacht. Nur „Bild“-Chef Kai Diekmann dachte, daraus eine Geschichte machen zu können.

Ja, dann twittert er wie wahnsinnig in der Welt herum… Bei Hannover 96 hat Klubpräsident Martin Kind, den ich auch für den Film interviewt habe, den Verein zu seinem persönlichen Reich gemacht.

Kind ist ein ganz typischer Hannoveraner. Wenn ich gelegentlich doch zu 96 gehe – Madsack hat da auch eine Loge im Stadion –, dann ist man sich schon doch wieder nah. Man hat sozusagen ein Bekenntnis zu Hannover eingebracht. Nur, sie würden nicht an mich denken. Hamburg hat mich für meine Lebensleistung ausgezeichnet, mit der Auszeichnung, die in dieser Stadt ohne Orden machbar ist: der Ehrenprofessur. Woraufhin ich mich dann erst einmal bemüht habe, auch eine ‘richtige’ Honorarprofessur zu erwerben. Und Hannover, Niedersachsen, für die bin ich weg. Was vielleicht auch daran lag, dass die Leute, die ich gut kannte, da nicht mehr regierten. Jedenfalls, Herr Wulff ist als niedersächsischer Ministerpräsident nicht auf den Gedanken gekommen, mich als verdienten Bürger Niedersachsens auszuzeichnen. Kein Gedanke.

Dieses enge Netzwerk, vielleicht auch diese ideale Größe Hannovers mit 500.000 Einwohnern, irgendwie doch jetzt sehr in der Mitte von Deutschland, vom Zonenrandgebiet direkt auch in die verkehrstechnische Mitte. Bedingt das auch diese erstaunliche Brutstätte für bundespolitisches Personal?

Ich glaube schon. Alles ist nah und erreichbar und man ist sich auch nah. Und die Niedersachsen waren auch in der Vergangenheit nicht so getrennt durch politische Gräben. Links, rechts, das spielt in Niedersachsen keine überragende Rolle. Es gab immer ungewöhnliche Freundschaften, auch über politische Grenzen hinweg. Das war bei mir übrigens auch immer so. Auch als es noch kontroverser zuging. In Hannover haben sie ein ganz gutes Trainingscamp. Ein Land wie Niedersachsen ist ja nicht ohne Bedeutung.

Ja, es ist das Land mit den meisten Binnen-Außengrenzen in Deutschland.

Richtig.

Neun Bundesländer grenzen an Niedersachsen.

Es ist ein großes Land. Hat auch eine gewisse wirtschaftliche Potenz. Ist ein gutes Spielfeld. Es sind allerdings auch nicht alles Hannoveraner, die in Niedersachsen politisch bedeutend geworden sind.

In Sachen NDR: Ein Sieben-Seiten-Brief an Gerhard Schröder

Stimmt. Sigmar Gabriel kommt aus Goslar. Christian Wulff aus Osnabrück.

Gabriel hat sich nie als Hannoveraner verstanden. Viele würden ihn eher Richtung Braunschweig verorten… Er hält bestimmt mit Eintracht Braunschweig.

Braunschweig. Durch Gerhard Glogowski, den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten.

Wulff ist Osnabrücker und eigentlich in diesem Sinne kein typischer Hannoveraner.

Gerhard Schröder ist Ostwestfale, aber man…

Schröder ist für mich aber die Verkörperung von dem, was Hannover ausmacht. Er hat sich in allen Zeiten gerne zu Hannover bekannt, ist da immer wohnen geblieben, wohnt da immer noch. Geht auch zu 96. Schröder hat auch so eine Form von Leutseligkeit und Nähe, einen Humor, der hannöversch ist.

Das merkt man bei der Abschiedsrede, die er auf Sie gehalten hat, als Sie als NDR-Intendant ausgeschieden sind. Eine Rede die übrigens sehr witzig ist.

Die war gelungen und auch noch weitgehend frei gehalten.

Hat so eine angenehme Lässigkeit.

Na ja, der war wie immer ja nur partiell vorbereitet, aber wie immer hatte er – für einen Politiker – einen erstaunlich ehrlichen Auftritt. Ich erinnere mich an meine Anfänge als Intendant. Meine erste große Personalie war der Funkhausdirektor in Hannover und Schröder wollte natürlich die alten Verhältnisse fortsetzen, er wollte Lea Rosh behalten. Warum auch immer. Ich habe sie als Person und Journalistin immer hoch geschätzt, weniger jedoch ihre hierarchischen Fähigkeiten. Und genau auf die kommt es bei einer Funkhausdirektorin an.

Sie driftete dann so weg in dieser Diskussion über das Holocaust-Denkmal…

Jedenfalls: Ich hatte Schröder zu Beginn meiner Amtszeit als Intendant einen Sieben-Seiten-Brief geschrieben. Warum man diesen NDR anders führen müsse und warum die Politik sich viel mehr zurückziehen müsse. Und dass der NDR jetzt einen Staatsvertrag hätte, der das zulasse. Ich habe schon damals angekündigt, ich würde Personalfragen anders lösen, und als erstes die Regel durchbrechen, nach der ein Funkhausdirektor die „Farbe“ des Ministerpräsidenten haben müsse. Cuius regio, eius religio. Anfangen würde ich bei ihm als Ministerpräsident in Niedersachsen, denn sonst hätte ich keinerlei Glaubwürdigkeit. Das hat er natürlich nie gelesen. Das war ein Sieben-Seiten-Brief…

Zu lang für ihn, ja.

...und er hat ihn auch nicht lesen lassen. Ich schlug also Arno Beyer vor und jedenfalls nicht Lea Rosh. Beyer ist wohl nicht in der CDU, aber sicher konservativ. Vor allem ein hervorragender Fachmann fürs Radio und ein Mann mit Führungserfahrung. Und dann kam Schröder in mein Büro und hatte gerade lauter Ärger. Die Geschichte mit Doris Köpf war durch die Zeitungen gelaufen. Und dann sagte er zu mir: „Na, so fängst du also bei mir an.“ Dann habe ich gefragt: „Hast du den Brief denn mal gelesen?“ Es endete schließlich schon halb scherzhaft mit der Frage: „Kann ich dich noch mit irgendwas erpressen?“ Antwort: „Nein.“ Dann war er wieder weg.

Aber Schröder ist auch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Einige Monate später war der Landesempfang im NDR-Landesfunkhaus Niedersachsen. Da redete Schröder und sagte: „Wir sind jetzt hier zum ersten Mal mit dem neuen Funkhausdirektor. Wie Sie wissen, war ich absolut gegen seine Berufung. Heute muss zugeben: Der Beyer macht seine Sache sehr gut. Eigentlich bin ich ganz froh.“ So ist Schröder. A sagt er, dass er dagegen war, und B sagt er, dass er sich vielleicht doch geirrt hat. So kenne ich ihn eigentlich und genau das schätze ich an ihm.

Da sah man eine Prozession mit einem Sarg

Sie kannten ihn ja schon früher aus der Rechtsanwaltszeit in Hannover.

Er war Anwalt, ich war Anwalt und wir haben gelegentlich zusammen strafverteidigt. Ich habe am Anfang meiner Karriere gelegentlich strafverteidigt. Und das ging mit ihm durchaus. Wir haben auch eine kleine aufmüpfige Anwaltszeitschrift gemacht, die hieß programmgerecht „Einspruch“.

„Das Lamm beißt“ hieß dort Ihre Kolumne.

Ja. Werner Holtfort war dabei, der jetzt lange schon tot ist, Bertram Börner und ich. Und wer war noch dabei? Schröder natürlich. Der kam später dazu und da wollten wir die Anwaltsvertretung ein bisschen aufmischen und haben unter anderem einen als SS-Sturmbannführer enttarnt. Das ist sogar im „Spiegel“ aufgenommen worden.

War Götz von Fromberg, der spätere Sozius von Gerhard Schröder, damals auch schon dabei?

Nein, den kenne ich irgendwo von der 96-Tribüne und aus dem weiteren Umfeld von Jürgen Großmann. Ich habe keinerlei eigene Einschätzung über ihn. Über Sigmar Gabriel schon, natürlich. Ich war auch befreundet mit Leuten von der anderen Seite. Im NDR-Verwaltungsrat war ja lange Werner Remmers...

…der niedersächsische Kultusminister…

…der nachher dann einen Schlaganfall hatte.

Der politische Ziehvater von Christian Wulff.

Remmers war sehr katholisch, aber sicher liberal. Aus dem Emsland. Den habe ich dann mal besucht, zu Hause. Ich kam zu früh, wie eigentlich immer, und da sah man eine Prozession mit einem Sarg. Und einer der Sargträger war Werner Remmers, der auch die Totenwache gehalten hatte. Das war schon ein erstaunlicher Mann. Den mochte ich. Das ist auch irgendwie hannöversch, obwohl es nicht immer Hannoveraner sind. Im Landtag gab es ein Klima, dass man mit den verständigeren Leuten auch der anderen Seite befreundet sein konnte. Es gab sogar das Gerücht, zwei Abgeordnete, einer der Union, einer der SPD, hätten eine gemeinsame Geliebte. Es kam nicht darauf an, ob diese Geschichte stimmte; wichtig ist, dass jedermann davon ausging, dass es so hätte sein können.

Streit um die Berichterstattung des NDR

Wir haben ja ein bisschen vorgegriffen. Sie kommen ja zum NDR mitten in diesem Getümmel um die Kündigung des NDR-Staatsvertrags durch die CDU-Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg und Ernst Albrecht. Es war so, dass Stoltenberg anfing…

Als ich kam, war die Kündigung noch nicht ausgesprochen. Es gab Streit um die Berichterstattung des NDR über das Kernkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein und um die Fernsehserie „Der Betriebsrat“. Ich war ja vorher Anwalt in einer konservativen Praxis. Da war ich der einzige, der irgendwie eher links verortet war, aber es spielte keine Rolle, so lange der eigene Umsatz stimmte. Beim NDR sollte ein neuer Justiziar gewählt werden – ich wusste gar nicht, dass die Suche schon Monate gedauert hatte. Der Regierungswechsel in Niedersachsen zeichnete sich ab, so dass auch viele aus der Ministerialbürokratie sich für diesen Job interessierten. Ich war der letzte Kandidat, der von Martin Neuffer, dem damaligen NDR-Intendanten, eingeladen wurde. Übrigens ein Name, der zu Unrecht völlig vergessen ist.

Vorher Oberstadtdirektor in Hannover, davor Referent von Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf. Er hat die kulturelle Stadtpolitik in Hannover forciert, etwa mit den Nanas von Niki de Saint Phalle, die nicht alle schön gefunden haben.

Er war nicht sehr kommunikativ, aber ein großartiger Mann. Ein Intellektueller, sehr freiheitlich denkend und handelnd. Bei dem war ich dann am Sonnabend beim Essen und da sagt der zu mir: „Also, Herr Plog, das hat mir gut gefallen heute Nachmittag. Das habe ich ihnen vorher nicht gesagt: Aber wir kommen jetzt – heute – zur Endausscheidung der Kandidaten. Wenn sie wollen, nehme ich sie da noch rein.“ Es war sicherlich auch ein bisschen Spieltrieb dabei, dass ich mich dann darauf eingelassen habe. Gerade wenn man von außen kommt, Anwalt war, mein Vater Journalist. Ich habe selbst ja auch gelegentlich zu rechts- und justizpolitischen Themen Beiträge geschrieben. Und dann habe ich gesagt: „Das mache ich.“

Nach dieser Endrunde bin ich auf der Rückfahrt nach Hannover erst einmal auf einen Rastplatz gefahren und habe mich gefragt: ‘Was machst du da eigentlich? Die wählen dich vermutlich wirklich.’ Am nächsten Morgen um zehn rief Neuffer bei mir zu Hause an: „Herr Plog, bereiten Sie sich mal auf einen Umzug vor.“ Von alldem hatte ich in meiner Anwaltssozietät natürlich kein Sterbenswort gesagt und der Wechsel musste schon deswegen um ein Vierteljahr geschoben werden. Auch im Verwaltungsrat brauchte es zwei Anläufe. Dort hatte gerade die Union die Mehrheit. Sie haben mir gesagt, sie müssten die Entscheidung vertagen und sich noch weiter informieren, weil ich im „Randbereich der Baader-Meinhof-Szene“ verteidigt haben sollte.

Das war natürlich ein Stigma.

Wobei ich allerdings den vertreten habe, der Ulrike Meinhof angezeigt hat.

Das war der Hannoveraner, dieser Lehrer.

Fritz Rodewald. Er ist seines Lebens danach nicht mehr froh geworden. Die ganz Linken hielten ihn für einen Verräter, für die Rechte war er ein Verbündeter der Terroristen.

Die Union macht den NDR-Verwaltungsrat beschlussunfähig

Am Ende wurden Sie dann aber gewählt und waren NDR-Justiziar.

Ja, ich wurde dennoch gewählt und dann fing das mit Stoltenberg an. Stoltenberg beschwerte sich über die Brokdorf-Berichterstattung und kündigte später den NDR-Staatsvertrag. Ich erlebte das im Verwaltungsrat des NDR. Da waren vier Minister rot und vier Minister schwarz. Um überhaupt eine Mehrheit zu bekommen, gab die Stimme des Vorsitzenden den Ausschlag. Der Vorsitz wechselte jedes Jahr, damit Links und Rechts abwechselnd jeweils ein Jahr die Mehrheit hatten. Als Neuffer den Vertrag von Peter Merseburger verlängern wollte und die Sozialdemokraten den Vorsitz hatten, zog die Union aus und machte das Gremium fünf Wochen beschlussunfähig.

Als sie die Serie „Der Betriebsrat“ dann absetzten, ohne sie gesehen zu haben, gab es anschließend eine Direktorensitzung. Ich war gerade erst im NDR angekommen und ganz junger dynamischer Anwalt. Neuffer fragte das Direktorium: „Was sollen wir jetzt machen?“ Ich wartete als Youngster erst einmal und schaue zu den alten Haudegen. Keiner sagt irgendwas. Da sag ich: „Herr Neuffer, ich schlage vor: Wir setzen die Sendung nicht ab, strahlen weiter aus und parallel dazu rufen wir die Gerichte an, in Sachen Staatsvertrag.“ Das war keine Heldentat. Man muss im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowieso nicht Widerstandskämpfer sein, sondern braucht nur ein gewisses Maß an Zivilcourage. Im Übrigen wird man eigentlich durch das System sehr gut geschützt. Es machen nur zu wenige von den Möglichkeiten Gebrauch.

Und so sind wir dann zu Gericht gezogen und haben letztlich Recht bekommen. Das Urteil hat den neuen Staatsvertrag, der 1980 kam, stark beeinflusst. Das ist ein liberaler Staatsvertrag und er hat den Rückzug der operativen Politik aus den Gremien ermöglicht. Heute stimmt kein Regierungsvertreter im Verwaltungsrat mehr mit. Hamburg mit damals Hans-Ulrich Klose als Bürgermeister wollte eigentlich nur politisch verhandeln und nicht klagen. Er hat sich dem NDR später angeschlossen, als die politischen Verhandlungen gescheitert waren.

Albrecht hatte sich als neuer Ministerpräsident in Niedersachsen seinem schleswig-holsteinischen Kollegen Stoltenberg angeschlossen.

Und dann traf das Bundesverwaltungsgericht diese wunderbare Entscheidung: Das ist keine Auflösungskündigung, sondern eine Austrittskündigung. Und als „Belohnung“ für diesen Erfolg wurde ich dann zum stellvertretenden Intendanten gewählt. Die Mehrheiten waren dann so, wie sie waren. Friedrich-Wilhelm Räuker, Mitglied der CDU, wurde Intendant.

Das muss ja nicht ganz einfach gewesen sein, mit Räuker. Er galt als Choleriker.

Das war gelegentlich mehr als nur schwierig. Ich war ja ganz neu da und nicht sehr erfahren, aber auch einfach Anwalt und hatte Spaß an Auseinandersetzungen. Ich schrieb Räuker bei Differenzen in der Woche fünf, sechs Briefe, so in dem Tenor: ‘Ich glaube, Sie sind nicht nur kommunikationsunwillig, Sie sind kommunikationsunfähig’. Dann ging es aber auch wieder wochenlang ganz ordentlich.

Das war ja ein harmonisches Verhältnis zwischen Intendant und Stellvertreter...

Nein, das war es nicht. Räuker ist dann sogar noch einmal wiedergewählt worden und dann wurde für eine kürzere Zeit Peter Schiwy NDR-Intendant. Damals waren die Gremien aber inzwischen so besetzt, dass diese Freund-Feind-Geschichten weitgehend überwunden waren. Schiwy war vergleichsweise liberal. Er hat sich dann selbst verabschiedet, als die politischen Mehrheiten in den Staatsvertragsländern wechselten und er Interessen in den aufkommenden privaten Medien entdeckte. Die Behauptung, er sei politisch vertrieben worden, ist eine Legende. Ja, und dann wurde ich 1991 – aus meiner Sicht: endlich – NDR-Intendant. So war das.

„Herr Plog, Sie sind ja auch im Gespräch für den WDR“

Noch einmal zurück zu Ernst Albrecht. Was war das für ein Typus, im politisch-biografischen Sinne?

Das war einer, der unnahbar war. Man konnte sich ja mit manchem reiben und war sich dann aber auch näher, weil man sich rieb. Mit Albrecht nicht. Der war von einer erstaunlichen Glätte. Als die Personalie Schiwy ins Haus stand, bin ich zu Albrecht in die niedersächsische Staatskanzlei gefahren, da war er noch Ministerpräsident, und sagte zu ihm: „Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie Ihre Interessenlage ist. Und warum sie eigentlich nun Herrn Schiwy wollen und warum ich das nicht machen soll.“ Da sagte er: „Herr Plog, Sie sind ja auch im Gespräch für den WDR. Und da passen Sie sehr viel besser hin. Ich habe der Union empfohlen, Sie im WDR zu wählen.“

Sehr tricky. Das klappte dann ja nicht.

Das klappte nicht. Und warum? Da kann man sehen, wie die Politik in solchen Fällen tickte. Willi Weyer, den FDP-Innenminister in Nordrhein-Westfalen, habe ich besucht, weil er mich angerufen hatte: „Herr Plog, es gab hier immer eine sozialliberale Mehrheit, aber ich bin so unter Druck der Bundespartei, die wollen die Koalition im Bund sprengen und sie wollen das im WDR schon mal vorarbeiten. Ich darf und kann Sie daher Sie nicht wählen.“

Interessant. Personelle Symbolpolitik wie bei einer Bundespräsidentenwahl. So dreimal um die Ecke gedacht.

Ich bin also zu Weyer hingefahren, um mit ihm zu reden, und er kam im wahrsten Sinne mit Skiern über die Fläche angefahren, mit seiner Frau. Er war ja auch Präsident des damaligen Deutschen Sportbundes. Die fuhren auf Langlaufskiern, kamen nach Hause und dann hat er Tränen in den Augen gehabt – und mir die Liste von Anrufen gezeigt. Er hat gesagt: „Ein einziger FDP-Mann hat sich für Sie ausgesprochen.“ Das war der Bundestagsabgeordnete Torsten Wolfgramm. Ich weiß nicht, ob Sie den noch wahrgenommen haben.

Nur vom Namen her.

Der war parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion während der sozialliberalen Koalition und er war seinerzeit der Geschäftsführer des Studentenwohnheims, in dem ich in Göttingen gewohnt hatte. Er war der Einzige. Gut, und dann wurde Friedrich Nowottny WDR-Intendant. Und das war ja auch keineswegs eine schlechte Lösung. Dennoch: Ich habe mich schon damals gefragt und frage mich das immer noch: Wie kann man sich eine solche Aufgabe einfach zutrauen, als Journalist ohne jede Führungs- und Management-Erfahrung? Nowottny ist ja nicht der einzige Journalist geblieben, der Intendant wurde, obwohl er keine solchen Erfahrungen hatte.

Wenn vom Bildschirm bekannte Journalisten Intendant werden

Es gibt diesen Journalistenmythos bei der Besetzung von Intendantenpositionen. Das funktioniert häufig nicht, siehe Lothar Loewe beim SFB, das war ja noch viel härter. Das geht so nicht.

Lothar Loewe, mit dem war ich befreundet, weil der so witzig war und kein schlichter Rechter, wie mancher vermutete, einfach ein liberaler Unabhängiger. Doch als Intendant in diesem innerlich zerfallenden Sender war er eine ziemliche Katastrophe. Fritz Pleitgen war auch Journalist, aber er hatte Führungserfahrung, als Studioleiter, als Chefredakteur und als Programmdirektor. Er war sicher eine gute Lösung für den WDR. Im Übrigen sollte man einmal darüber nachdenken, warum die Gremien immer Lösungen vom Schirm aussuchen, also Leute, die ihnen vom Fernsehschirm bekannt sind... Und warum Leute, die vom Bildschirm einen Medienmehrwert mitbringen, sich das eher zutrauen als Leute aus dem Hörfunk. Der Medienmehrwert verändert Menschen und Einschätzungen. Nicht immer sinnvoll!

Das beeindruckt Rundfunkräte. „Ich bring die Liebe mit“ und so weiter…

Das stimmt. Gut, aber für mich selbst ist alles in allem schon alles logisch und richtig verlaufen. Ich war im Norden und mit dem NDR richtig positioniert. Und als es dann schon etwas routinierter weiterging, da kam ja dann noch ein Nebenjob beim deutsch-französischen Kultursender Arte dazu. Da wurde für mich ein weiterer Traum wahr.

Sie waren ja schon früh in Frankreich als Austauschschüler.

Ja, 1957 von Hannover in der Schule nach Nancy. Und das ist wirklich eine unglaublich schöne Erfahrung gewesen. Ich wurde da von der französischen Familie wirklich geradezu adoptiert. Der zweite Vater, „Papa Bobby“, nahm immer dann auch seinen Urlaub, wenn ich einmal im Jahr kam, und das war unglaublich anders. So ein spielerisches Element. Ich komme ja, wie gesagt, aus dem etwas konservativ-liberal protestantischen Norden und in Frankreich war dann eine andere Welt, die war total diesseitig und lustbetont und damit im Grunde auch total rational. Die Deutschen sind ja die großen Romantiker. Das ist ja manchmal nicht leicht auszuhalten. Ob es um den sauren Regen geht, um die Energiepolitik, um Griechenland oder was auch immer: Ganz unbefangen sagen wir den anderen, was sie tun sollen. Wie denn? Auch jetzt mit den Flüchtlingen. Ich finde die deutsche Reaktion sympathisch, aber sie ist ja völlig unbedacht. Die Franzosen haben ein richtiges massives Migrationsproblem, das in keiner Weise gelöst ist, und wenn wir denen nun empfehlen, sie sollen zig Tausend weitere Flüchtlinge aufnehmen, dann sagen die: ‘Wir sind schon jetzt froh, dass die Lage in den Vorstädten von Paris und an vielen anderen Stellen nicht explodiert.’

Wobei es bei vielen Intellektuellen in Frankreich merkwürdig ist, dass sie dann Heidegger so verehrt haben, eine gewisse Zeit lang. Das ist dann das Schwarzwäldische, Hegelianische, Deutsche…

Das Deutsche ist immer voller Zauber. In meinem Winzerort in Frankreich gibt es einen Piloten, einen absoluten Top-Flieger, der jetzt pensioniert ist, mein Trauzeuge, der hatte so einen Traum: Einmal nach Bayreuth. Im letzten Jahr waren wir dann mit zwei französischen Ehepaaren in Bayreuth. Es hat sie fasziniert. Anderes Beispiel: Es gibt in kaum einer Stadt so viele Liederabende – Schumann, Schubert – wie in Paris. Das ist die Seite, die sie an den Deutschen fasziniert. Die andere Seite, die für sie irrationale in der Politik, erschrickt sie gelegentlich. Unsere plötzliche Wende in der Energiepolitik – ob da Verträge waren oder nicht –, von heute auf morgen, obwohl es in Deutschland weder Erdbeben noch Tsunamis gibt. Ohne den Hauch einer Abstimmung mit unseren Nachbarn in Europa: Deutschland macht es anders. Dann die Griechenland-Politik. Die deutsche Position ist sicher gegen die Mittelmeerländer durchgesetzt worden. Und jetzt mit den Flüchtlingen sind wir schon wieder dabei, den Nachbarn zu erzählen, wie man es richtig macht. Was wir machen, ist ja die eine Sache, aber den anderen Nationen zu sagen, was sie vernünftigerweise machen sollten, das ist eine andere Sache. Es geht ja nicht um die klassischen Asylfälle: Es geht um Völkerwanderung.

Wulff hatte Vorstellungen, über die man längst hinaus war

Kommen wir wieder auf den Rundfunk zurück. Wulff hat es ja dann, ein wenig in der Nachfolge von Albrecht, mit so einer halben Androhung einer Staatsvertragskündigung versucht…

Er hat ihn sogar gekündigt.

Ach so.

Dann gab es einige eher kleinere Veränderungen. Es zogen zum Beispiel Beobachter aus den Staatskanzleien in den NDR-Verwaltungsrat ein, wenn auch ohne Stimmrecht. Die sitzen jetzt dabei, obwohl sie nicht dorthin gehören.

Stimmt. Vier teilnehmende Beobachter.

Und es wurde noch ein bisschen Regionalisierung über den Tisch geschoben. Wulff war wirklich kein angenehmer Partner.

Das hat mir auch der frühere ZDF-Intendant Markus Schächter einmal gesagt.

Weil Wulff Vorstellungen hatte, über die man längst hinaus war. Das machte man nicht mehr so. Keiner der anderen. Ole von Beust als Erster Bürgermeister in Hamburg war ein Liberaler, der mir im Hinblick auf die Staatsvertragskündigung von Wulff schon mal sagte: „Ich weiß gar nicht, was der da macht.“ Also, das war nicht mehr konsensfähig, auch mit den anderen Konservativen nicht. Er mischte sich in alles selbst ein. Er hat auch die unionsangehörigen Gremien unter Druck gebracht. Unverhohlen verlangt, dass man Personalien mit ihm abspricht. Und dann hat er eben den Staatsvertrag gekündigt. Später hat er dann auch bei meinem Nachfolger erneut eine Kündigung des NDR-Staatsvertrages angedroht. Wulff wurde erst anders, als er plötzlich Bundespräsident wurde. Da war ich ja schon gar nicht mehr im Amt und da habe ich ihn anders erlebt – bei seinem überraschenden Auftritt beim 70. Geburtstag von Manfred Bissinger wurde das für mich erkennbar.

Er hat sich sehr um Wulff gekümmert. Bissinger entdeckte immer, zunächst zusammen mit Hans-Ulrich Jörges, Bundespräsidentenkandidaten, schon Roman Herzog, dann Horst Köhler…

Ja, da war er nah dran.

Und hat dieses Wulff-Buch „Besser die Wahrheit“ verlegt, das dann Carsten Maschmeyer und andere wieder aufkauften. Ich glaube, sonst hat es niemand gekauft.

Das ist ja auch Hannover. Das ist immer so ein bisschen Gemauschel. Wenn man in Skandinavien, also Norwegen und Schweden, über die Dänen redet, dann sagen die: „Das sind die Sizilianer des Nordens.“ Die Hannoveraner, die Niedersachsen haben im deutschen Norden diese Rolle. Es geht alles immer ein bisschen. Es könnte auch ein bisschen über die Hecke gefressen worden sein. Macht nichts. Es gibt diese leichte Kumpanei. Alle kennen alle. Man kennt die wechselseitigen Interessen. Leben und leben lassen. Weniger hanseatischer Kaufmann...

Ein Lehrbeispiel für Maßlosigkeit im Journalismus

Wobei Wulff ja wahnsinnig darunter gelitten hat, dass er als linkisch und unbeholfen galt und er bei den richtigen Männern in Hannover nicht mitspielen durfte. Als er dann Macht bekam, hat er das natürlich genossen.

Mag so sein. Wie gesagt, ich konnte mit ihm nicht. Als er Bundespräsident war, wurde das anders. Nun war ich nicht mehr in einem anderen Lager, sondern er war auch „mein“ Bundespräsident. Er hat mich dann nach Berlin eingeladen und man merkte, dass auch er das Gefühl hatte, dass man das Verhältnis auch anders hätte handhaben können. Meine letzte Erfahrung mit Wulff: Meine Frau und ich fahren zu einer Fete zu Großmann nach Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Ich fahre, sie liest die Sonntagspresse. Darunter „Bild am Sonntag“ natürlich und da stand die Schlagzeile: „Wulff im Kloster“.

Er kannte eine Nonne, die ihn in schwieriger Zeit beraten hat.

Wulff also im Kloster. Dann kommen wir dann auf der Fete an und finden uns in Oktoberfestumgebung. Als erstes kommt Veronica Ferres, die ich natürlich lange kenne und die sagt: „Du musst dich jetzt mal sofort an den Tisch von Wulff setzen.“ Der war also keineswegs im Kloster. Ich sage: „Wieso denn das? Sitzen da nicht seine Freunde?“ Am Ende saßen dort Manfred Bissinger, Otto Schily und ich. Die von der Union machten einen Riesenbogen um diesen Tisch.

Frau Wulff, die jetzt ja auch wieder Frau Wulff ist, ist übrigens die Tochter eines meiner Klassenkameraden. Auch so ist Hannover. Horst Körner war Mittelläufer bei der A-Jugend-Leistungsklasse von Hannover 96. Eines Tages ruft er bei mir an und sagt: „Du bist doch jetzt ein wichtiger Mensch beim NDR. Meine Tochter hat eine Ausbildung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit/Marketing. Kannst du dir die mal angucken?“ Sag ich: „Klar guck ich mir die an.“ Da habe ich Bettina Körner kennengelernt. Eine sympathische, gescheite Frau, der freilich für einen Job im NDR noch jede Erfahrung fehlte.

Für Wulff war das natürlich auch ein erotisches Erweckungserlebnis. Muss man ja ganz klar sagen. Seine erste Frau war so eine biedere Juristin und Pferdenärrin und auf einmal lernt er jemanden kennen, der ihm nochmal ein paar Sachen zeigt.

Sie ist ganz sicher lebenslustig! Das ist etwas, was alle Menschen im Auge behalten sollten. Leben ist heute und nicht morgen.

Wie auch immer man das realisieren kann.

Dann gab es die versöhnliche Begegnung bei Bissinger. Ja, und dann kam dieser politische Absturz von Wulff. Das war ja unter anderem auch eine peinliche Mediengeschichte. Ich teile die Ansicht, dass Wulff Fehler gemacht hat, die das Verbleiben im Amt unmöglich machten. Aber die Art und Weise, in der ihn die gesamte Medienmeute gejagt und dann auch erlegt hat, war ein Lehrbeispiel für Maßlosigkeit im Journalismus. Noch schlimmer allerdings war das gemeinsame Trauern der Meute am Grabe des Erlegten.

Etwa die „Süddeutsche Zeitung“, die am Anfang voll mit dabei war und dann die Medienethik wiederentdeckt hat…

Ja, da kann man noch mal eine Menge über den Journalismus lernen.

Die „Süddeutsche“ wusste ganz einfach, dass sie keine Karten mehr in dem Spiel hat, weil die „FAZ“ mit Frank Schirrmacher und die „Bild“-Zeitung das Feld abgeräumt hatten. Also blieb ihr nur die Rolle als moralische Instanz, die sich sagt: ‘Jetzt aber mal pro Wulff.’ Das ist sehr berechenbar.

Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk war Teil der Meute und hat sich – soweit ich es überblicke – auch nicht mit anderen Sichtweisen oder differenzierterem Vorgehen hervorgetan. Was im Übrigen politischen Druck auf den Rundfunk anbelangt: Ich glaube, auch die Politik hat dazu gelernt. Ich weiß, dass mein Nachfolger Lutz Marmor in diesem Punkt wirklich ein ordentliches Haus vorgefunden hat und den Kurs der Unabhängigkeit von allen Seiten fortsetzt. Ich denke auch nicht, dass Tom Buhrow beim WDR ein Problem mit parteipolitischen Interventionen hat.

Als die Einschaltquote mit ins Spiel gebracht wurde

Das könnte natürlich auch daran liegen, dass die ARD-Anstalten zu den Ministerpräsidenten sehr nett sind, weil die Sender politisch von ihnen abhängen. Ich sehe auch eher eine Problemverschiebung: Es geht nicht mehr so sehr um politische Eingriffe oder Zensur, sondern um interne Angstmomente, unter der alles entscheidenden Devise: Funktioniert das im Sinne der Einschaltquote? Können wir das dem Publikum zumuten? Dadurch wird das Programm insgesamt harmloser, konventioneller, so knapp über dem Kinderfernsehen. Dann schon lieber richtiges Kinderfernsehen.

Ich glaube immer noch, dass es richtig war, in der Konkurrenz mit den Privatsendern die Quote mit ins Spiel zu bringen. Als wir so kritisiert wurden nach dem Motto: ‘Alle müssen bezahlen, aber keiner nutzt ARD und ZDF mehr.’ Das war in den 1985er/1990er Jahren absolut die Generallinie. Diese muss man vielleicht jetzt korrigieren. Man muss sich auf den Auftrag, auf die Stärken konzentrieren und teure Dinge lassen, die andere auch können. Mit den Streaming-Möglichkeiten des Internets gibt es einen kompletten Szenenwechsel.

Es gibt Milliardeninvestitionen von Amazon, Netflix und demnächst wahrscheinlich Apple und Google in audiovisuelle Produktionen. Plus Pay-TV. Bei jüngeren Nutzern ist der Fokus auf deutsches Fernsehen nicht mehr so bedeutend, wenn sie nicht ohnehin zum Zielpublikum von RTL gehören.

Ja, da stellt sich die Frage: Wie sind eigentlich die strategischen Positionen von ARD und ZDF für das Streaming-Zeitalter? Ich kenne sie nicht, diese Strategie. Und ich erkenne sie auch nicht. Sie sollte aber nicht länger geheim gehalten werden. Viele sagen immer noch: Das lineare Fernsehen wird sich noch lange halten. Das glaube ich nicht. Wenn du ein System für die nächsten zehn Jahre aufstellen willst, dann brauchst du eine Strategie. Schon die Mediathek-Frage – die Tatsache, dass da Restriktionen ohne den Gang nach Karlsruhe akzeptiert wurden, verstehe ich nicht. Die notwendigen Auseinandersetzungen mit der Politik müssen geführt werden. Nicht deshalb, weil solche Auseinandersetzungen angenehm sind, sondern deswegen, weil die Politik sonst immer wieder über die Hecke frisst.

Sie wollten ja sogar mal mich bei Grimme aus dem Amt haben.

Wollte ich?

1993. Das weiß ich noch. Ich hatte mal so einen unbotmäßigen Artikel über die ARD in der „Woche“ geschrieben. Da haben Sie dann ordentlich…

…naja, aus dem Amt treiben, das ist sicherlich übertrieben. Vielleicht habe ich Ihre Geschichte auch verdrängt. Kann sein. Den unverschämtesten Artikel in der „Woche“ hatte Bernd C. Hesslein, ein ehemaliger NDR-Mitarbeiter, geschrieben – nur echt mit C. Bissinger hatte ja bei der „Woche“ kein Archiv. Und da hat er gesagt: „Kannst du mir mal mit dem NDR aushelfen?“ Die danach bestehende Kooperationsvereinbarung habe ich nach solchen Tiraden gegen den NDR dann allerdings gekündigt. Ich habe klar gestellt, dass mein Selbstvernichtungstrieb nicht groß genug sei, um weiter mit seinem Blatt zu kooperieren.

Die „Woche“ bezahlte ihre Autoren ziemlich gut und wollte dafür natürlich ein wenig Remmidemmi haben.

Manfred Bissinger hat seinem Verleger mit der „Woche“ die Tür zur Welt aufgemacht. Die „Woche“ hat natürlich Riesenverluste gemacht. Aber sie war unstreitig ein großer Versuch, eine andere Wochenzeitung ins Leben zu rufen. Nach ihrem Ende hat Bissinger dann diesen Corporate-Publishing-Bereich aufgebaut.

Kellermeier dachte, er komme aus dem Verdacht nicht heraus

Kommen wir noch zu Jürgen Kellermeier, der ja beim NDR einer Ihrer wichtigsten Mitarbeiter war. Eine tragische Geschichte, er hat sich umgebracht.

Ja, das war sicher der Beste auf der Ebene der Hierarchie. Was ja nicht heißt, dass er nicht auch Fehler gemacht hätte. Aber die Kommentare von Kellermeier muss man sich heute mal anhören, wenn man sich die Frage stellt, ob man den „Tagesthemen“-Kommentar weiter behalten sollte. Der hatte eine Meinung, der war durchsetzungsfähig, der war total loyal, der war mutig – und das war einfach ein guter Freund. Das ist in den letzten Jahren ein bisschen verlorengegangen durch diese Geschichte…

...mit Doris J. Heinze, der NDR-Fernsehfilmchefin, die unter Pseudonym dem NDR Drehbücher verkauft hatte.

Die er mir gegenüber nie eingeräumt hat. Ich hatte das Wort von Kellermeier, dass da nichts sei. Und wenn da was gewesen wäre, hätte man das lösen können. Ich meine, dass man im Beruf mal eine Frau kennenlernt, das ist ja nicht außergewöhnlich. Das ist ja auch mir so gegangen. Nur, dann ist meine Frau sofort aus dem NDR ausgeschieden. Man hätte Frau Heinze etwa in die Studio-Hamburg-Gruppe nehmen können. Nur eben aus der Zuständigkeit von Kellermeier heraus.

Und das war für ihn so eine Geschichte von Ehre und Würde?

Kellermeier dachte, er komme aus dem Verdacht, dass er persönlich von diesen Doris-Heinze-Drehbüchern unter Pseudonym gewusst habe, nicht heraus. Er fühlte sich von seinen journalistischen Kollegen gnadenlos gehetzt. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass er das nicht wusste. Aber ich kann das nicht beweisen. Er sah keine Chance, aus der Geschichte rauszukommen. Ich bin dann von seiner Frau über seinen Selbstmord informiert worden. Er war eindeutig mein bester Mann beim NDR. Und ich kannte viele Leute, die in seinen letzten Lebensjahren enger bei ihm waren, die es alle nicht haben kommen sehen. Ein Psychiater unter anderem, der immer mit uns gemeinsam in den Urlaub fuhr.

Kein Verständnis für Abrechnungen nach Pensionsantritt

Im Nachhinein ist es ein symbolisches Unglück, weil diese „Süßstoff“-Geschichte, also die Diskussionen um die Trivialisierung von Fernsehfilmen, Heinze als Fernsehspielchefin mit ihren Drehbüchern und ihre persönliche Affäre mit Jürgen Kellermeier zusammenfielen. Es gab einen Zeitpunkt, an dem es in der ARD wahrscheinlich verpasst wurde, einen Anschluss an die neue dramaturgische Komplexität internationaler Serien, was ja schwer ist, weil man dafür auch richtig Geld braucht. Zeit und Geld.

Da braucht man richtig Geld. Beste Autoren. Das hätte natürlich auch Heinze nicht gestemmt. Das muss man wohl sagen. Ich selbst habe Heinze das Drehbuchschreiben für Honorar im NDR verboten, weil ich fand, das lasse sich nicht mit ihrer hierarchischen Stellung vereinbaren. Da hat sie diesen Trick erfunden. Trotzdem, Kellermeier ist bis heute jemand, den ich vermisse. Ich habe viele Leute irgendwo hingebracht. Da gab es Fehler und es gab richtige Entscheidungen. Die Männer haben in aller Regel vergessen, dass man sie irgendwohin befördert hat, oder finden: ‘Ja, richtig, der hat mich mal zum Programmdirektor gemacht. Ach, ja. War das nicht ein bisschen spät?’ Man weiß, dass das so ist, darum sollte man darüber nicht enttäuscht sein. Aber Kellermeier, dass der so aus dem Leben gegangen ist, hinterlässt einfach eine Lücke, weil man gemeinsam auch zurück schauen könnte, und mit dem konnte man auch gemeinsam nach vorn gucken. Kellermeier war auch ein Stratege von Rang.

Apropos Strategie, es gibt ja jetzt zunehmend Leute – wie zuletzt Bettina Reitz vom Bayerischen Rundfunk – die so im Absprung sagen: ‘Das öffentlich-rechtliche System ist in diesem Zustand nicht mehr zu reformieren.’ So ein wenig Endzeit DDR. Oder Wolfgang Herles vom ZDF mit seinem Buch „Die Gefallsüchtigen“, der ging auch gerade in Pension.

Ich habe keinerlei Verständnis für diese Abrechnungen nach Pensionsantritt. Jeder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat die Möglichkeit, seine Meinung zu sagen und für sie anzutreten. Vor irgendwas müssen diese Leute ja während ihrer Amtszeit Angst gehabt haben. Davor, dass sie ihren Job verlieren? Ihre unstreitig gute Altersversorgung? Wenn man sich bei Kontroversen nicht durchsetzt, dann kann man doch auch von sich aus gehen! Wenn man wegen des goldenen Käfigs bleibt, dann sollte man auch nach Dienstende den Mund halten. Das Ganze ist und bleibt peinlich und stellt Fragen an die Verfasstheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ich selbst bin fernab davon, zu kritisieren, wie meine Nachfolger ihr Amt im täglichen Geschäft ausüben. Nicht nur weil ich den Alltag nicht mehr genau kenne. Ich bin zu weit weg. Um eine Parallele zu ziehen: Ich bin zwar wieder als Rechtsanwalt zugelassen, trete aber keineswegs vor den Gerichten als Anwalt auf. Ich habe das verlernt. Das macht mein Sohn inzwischen und vielleicht überhaupt sehr viel besser. Ich nutze die Anwaltszulassung als Basis für die Beratungen, um die ich gebeten werde. Die ARD ist nicht unter meinen Mandanten... Und überhaupt: Was Kritik an den Nachfolgern anbelangt, bestimmte Dinge tut man nicht.

Das simpelste Format, das Face-to-face-Interview, das wir ja jetzt auch hier machen, sowas könnte man aber doch wirklich wieder im Programm haben. Warum kann das die BBC mit „Hardtalk“ und die ARD oder das ZDF können’s nicht? Günter Gaus hat da ja schon Mitte der 1960er Jahre Standards gesetzt. Ich habe ja Ihrem Nachfolger mal aus Verzweiflung gesagt: „Ich mache es. Ich kann das auch.“

Ja, das denke ich auch.

Aber man hat dann so das Gefühl, das wäre vielleicht qualitativ schon ein unangenehmer Ausreißer nach oben, aber es ist klar, dass man das für wenig Geld haben könnte in irgendeinem der vielen Kanäle…

Und es wäre natürlich nicht mehr so zuschauerträchtig wie früher.

Aber es bleibt als Programmwert.

Wenn da die Multiplikatoren erreicht werden, die heute „Die Zeit“ lesen. Meine Güte. Meine Söhne, die nur noch wenig lesen, aber alle Informationen aus dem Internet holen, lesen „Die Zeit“ und sagen mir: „Du musst endlich wieder die ‘Zeit’ abonnieren.“

Wie halten ARD und ZDF das eigentlich aus?

Ja, das hat er formidabel gemacht, der Giovanni di Lorenzo. Der hat sich als „Zeit“-Chefredakteur richtig reingekniet. Hat diesen softeren, katholischen, femininen Ton getroffen, der offenbar gut ankommt.

Erstaunlich. Er macht ein bemerkenswert gutes Blatt, das allen ökonomischen Trends zuwiderzulaufen scheint. Dort kann ich eine publizistische und ökonomische Strategie erkennen. Die erkenne ich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegenwärtig nicht. Vielleicht gibt es sie trotzdem. Vielleicht.

Es gibt in der ARD dieses Generalsekretariat, was dann eine Zeitlang keine Leitung hatte und quasi personell brachlag, jetzt gibt es dort wieder jemanden, aber niemand nimmt das ernst.

Offenbar nicht. Es geht jetzt aber auch um Fragen ganz anderer Größenordnung, die auf dieser Ebene nicht bewältigt werden können. Etwa ob man im Streaming-Bereich mit Privaten, etwa den Verlegern, zusammenarbeiten könnte. Oder der kräftige Ausbau der Mediatheken. Es gibt immerhin eine verfassungsrechtliche Entwicklungsgarantie.

Gut, dann müsste man für die Streamings eine Marge an die Produzenten und Autoren abgeben. Da kann man ja verhandeln.

Das muss man doch.

Klar.

Man hätte sogar denken können: ‘Wir stellen Produkte in einem gewissen Umfang auch für kommerzielle Aktivitäten zur Verfügung’ oder ‘Wir machen Kooperationsmodelle’, damit man endlich einmal die ewige Front zu den Privaten begradigt. Das ist ja fatal, was ARD und ZDF an Kritik hinnehmen, jeden Tag. Ich bekomme vom NDR die morgendliche Presseschau. Ehrlich gesagt: Wie halten die das eigentlich aus?

15.12.2015/MK

Print-Ausgabe 17/2016

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