Einschaltquote und Gefallsucht

Der frühere ZDF-Journalist Wolfgang Herles offenbart in einem Buch seinen Frust

Von Karl-Otto Saur

Journalisten haben es zur Zeit nicht besonders leicht. Schon das heute so häufig benutzte Wort von der „Lügenpresse“ zeigt das tiefe Misstrauen, das diesem Berufsstand im Augenblick besonders laut entgegengehalten wird. Es klingt häufig so, als ob der Leser, Hörer oder Zuschauer davon ausgehen müsste, dass er von den Journalisten vorsätzlich oder fahrlässig falsch informiert wird: sei es aus eigenem Antrieb, weil der Journalist seine eigene Meinung durchsetzen will, sei es, weil er sich instrumentalisieren lässt, ohne es zu merken.

Misstrauen gegenüber dem Journalismus ist nicht neu. Zeitungen galten (meistens) als mehr rechts, der öffentlich-rechtliche Rundfunk insgesamt als eher links. Im Konzert der unter dem Dach der ARD zusammengefassten Sender galt der Bayerische Rundfunk (BR) dabei immer schon als „schwarz“, der Westdeutsche Rundfunk (WDR) als „rot“. Politiker arbeiteten gerne mit dieser Kategorisierung, insbesondere wenn sie sich schlecht behandelt fühlten. Aber es wäre auch unnatürlich, wenn sich ein Journalist nicht auch von seinen Überzeugungen leiten ließe. Hanns Joachim Friedrichs, ein herausragender Journalist, langjähriger Moderator der ARD- „Tagesthemen“, predigte einst seinen Satz, den jeder Journalist beherzigen sollte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Und dennoch hat sich auch Friedrichs mit der einen oder anderen Sache gemein gemacht, sonst wäre er kein Mensch gewesen.

Meinungen, Gefühle, Erfahrungen

Und um Menschen handelt es sich ja auch bei Journalisten, Menschen mit Meinungen, mit Gefühlen, mit Erfahrungen. Und alles fließt in ihre Arbeit ein. Die Kunst des guten Journalisten ist, sich dessen auch bei der Arbeit bewusst zu sein. Das alles führt dann hoffentlich auch zur Fähigkeit der Selbstkritik. Wenn in der heute tatsächlich angespannten Situation ein Buch erscheint mit dem Titel „Die Gefallsüchtigen“, geschrieben von einem Journalisten, der über 40 Jahre im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem gearbeitet hat, vermutet der Leser vielleicht gerade dies zu finden: eine Art Selbstkritik.

Der Autor des Buchs ist Wolfgang Herles, viele Fernsehzuschauer kennen ihn. Er hat Karriere in diesem System gemacht, erst seit wenigen Monaten ist er in Pension. Er war unter anderem Leiter des ZDF-Büros in Bonn, als Bonn noch Hauptstadt der Republik war. Später war er Leiter und Moderator des ZDF-Kulturmagazins „Aspekte“. In den letzten Jahren seiner Karriere präsentierte er beim ZDF die Büchersendung „Das blaue Sofa“. Sein Buch ist also ein Resümee seiner eigenen lebenslangen Arbeit, auch der Arbeit seiner Kollegen. Und so findet sich auch gleich zu Beginn des Buchs eine Erinnerung an seine Ausbildung: „Die jungen Leute, die 1971 mit mir an der Deutschen Journalistenschule in München ihr Handwerk lernten, wollten nicht Moderator oder Talkmaster werden. Sie träumten davon, sich als Kommentatoren des Zeitgeschehens in den Wettbewerb der Meinungen zu stürzen. Die Mehrheit dieser angehenden Journalisten galt damals als links. Aber auch die anderen, zu denen ich zählte, wollten selbstverständlich die Welt erklären und verbessern.“

An dieser Stelle muss der Autor dieser Zeilen eine persönliche Bemerkung einfügen. Ich war 1971 einer der 29 Mitschüler, die Wolfgang Herles da als eher links charakterisiert. Die Studentenrevolte hatte noch Spuren hinterlassen, doch so richtig links war eigentlich niemand in diesem Jahrgang, so wie Wolfgang Herles vermutlich auch nicht so richtig rechts war. Er war vielleicht ein wenig ein Außenseiter, auch weil irgendwann das Gerücht aufkam, ein hoher CSU-Politiker habe sich für ihn verwandt, dass er in die Journalistenschule aufgenommen werde. Nach Abschluss der Journalistenschule blieb Herles in München und fing direkt beim Bayerischen Rundfunk an. 1984 wechselte er zum ZDF und machte bei dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender die oben beschriebene Karriere. Er war nie ein exponierter Eiferer, aber er akzeptierte das System genauso, wie es auch der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte akzeptierte, als er Herles 1987 zum Leiter des Bonner Studios berief, ein politisch wichtiger Posten, der im internen Personaltableau des ZDF der Union zugerechnet wurde.

Herles fiel später beim langjährigen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in Ungnade, weil er dessen Entscheidungen rund um die deutsche Wiedervereinigung kritisch gegenüberstand. Sein Intendant entsprach Kohls Wunsch nach Herles’ Ablösung. Das hat Wolfgang Herles tief verletzt, das wird auch aus dem Text im Buch heute noch immer deutlich. Doch andererseits hatte er auch nicht protestiert, als er vier Jahre zuvor auf die Wunschliste der Union für diesen Posten gesetzt worden war (der zweite Kandidat, den die Parteiführung vorgeschlagen hatte, war übrigens – es ist lange genug her – Bodo Hauser).

Keine Anekdoten aus dem Innenleben des Systems

Doch von dieser Geschichte findet man außer der Verbitterung über die Ablösung nichts in Herles’ Buch „Die Gefallsüchtigen“, das den Untertitel trägt: „Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik“. Herles geht kritisch mit den öffentlich-rechtlichen Medien insgesamt um und er untermauert seine Kritik mit zahlreichen Zitaten, die er akribisch im Anhang belegt. Doch er verbietet sich selbst, Episoden oder Anekdoten aus dem Innenleben des Systems zu erzählen.

Seinen Hauptvorwurf beschreibt Wolfgang Herles mit dem schönen Wort „Gefallsucht“. Er meint damit nur am Rande die zweifellos vorhandene Eitelkeit der Programmverantwortlichen, sondern rückt den Kampf um die Einschaltquote in den Vordergrund, der alles andere in der Programmplanung der Fernsehmacher überschattet. Da kann man ihm wenig widersprechen und er hat auch ein paar überzeugende Beweise dafür parat, die die Absurdität widerspiegeln. Von der nicht enden wollenden Flut der Krimis, den zahlreichen „Brennpunkten“, die sich vor allem Naturkatastrophen und spektakulären Unglücken oder Attentaten widmen, bis hin zur bereitwilligen Öffnung des Programms für Fußballübertragungen. Gegen all dies scheint heute kaum noch ein Programmplaner gefeit zu sein. Zu sehr ist im Bewusstsein der Verantwortlichen die Höhe des Marktanteils am Ende eines Monats.

Doch Herles trägt das alles so schlecht gelaunt vor, dass man sich fragt, wie er es so lange als Mitarbeiter in diesem System ausgehalten hat. In einem kleinen Einschub erzählt er, dass er sich einmal ernsthaft überlegt habe, zu einem der privaten Fernsehsender zu wechseln, um den Zwängen zu entgehen. Er gibt zwar zu, dass er deren Chancen und Möglichkeiten auch falsch eingeschätzt habe; aber überhaupt ernsthaft auf die Idee zu kommen, dass ausgerechnet dort jemand wie er eine Chance gehabt hätte, seine Unabhängigkeit zu beweisen, zeigt, dass er die tatsächliche Medienentwicklung überhaupt nicht wahrgenommen hat.

Und sein heutiges Rezept, eine grundsätzliche positive Veränderung der Programme zu erreichen, wenn das System in seiner bisherigen Form abgeschafft und der öffentlich-rechtliche durch einen steuerfinanzierten Rundfunk für Anspruchsvolle ersetzt wird, ist von ähnlicher Naivität. Sein Missfallen gegenüber dem heutigen System zeigt sich auch an einer Kleinigkeit in der Wortwahl. Herles vermeidet es so weit wie möglich, den Begriff „öffentlich-rechtliches Fernsehen“ zu verwenden. Es nennt es konsequent „Gebührenfernsehen“. Da ist er nicht weit weg von dem Kampfbegriff „Zwangsgebühren“, der inzwischen bei vielen Querulanten Karriere gemacht hat.

Zugegeben: Die Intendanten, die einst der Schnapsidee zugestimmt hatten, der zentralen Dienststelle für die Gebührenverwaltung den Namen „Gebühreneinzugszentrale“ (abgekürzt: GEZ) zu geben, haben es nicht verdient, in Schutz genommen zu werden. Doch wer wie Herles eine stattliche Pension bezieht, sollte auch nicht vergessen, woher das Geld dafür kommt. (Seit der 2013 erfolgten Umstellung auf den Rundfunkbeitrag heißt die Gebühreneinzugszentrale heute „Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio“, nun ja...) Bei den meisten Thesen, mit denen Wolfgang Herles seinen Unmut belegen will, gewinnt man letztlich den Eindruck, dass hier ein langjähriger und nun ehemaliger Mitarbeiter seinen Frust vor allem für sich selbst bestätigen muss.

Dass ein Berufsstand derart in Misskredit gerät

Der Eindruck, von einem konservativen Querdenker belehrt zu werden, verstärkt sich im zweiten Teil des Buchs. Dort beschreibt Herles seine Sicht, dass die Politiker nicht mehr in der Lage seien, sich ihren Aufgaben zum Wohle aller zu stellen. In seinen Augen wenden sie sich mehr und mehr zu einem billigen Populismus hin. Was Herles dafür an Beweisen vorlegt, streift viele aktuelle politische Fragen. Er ist zu Recht skeptisch bei so einigen Themen, die von vielen als positive Verheißung gesehen wurden und werden. Zu häufig stellte sich bei solchen Modethemen nach der ersten Euphorie heraus, dass Theorie und Praxis sehr auseinanderklaffen.

Auch Herles’ Versuch, die in seinen Augen wahrhaft wichtigen Themen zu behandeln, ist sicher ehrenwert. Doch er vergisst, dass auf der anderen Seite viele Reformen, die uns heute als selbstverständliche Errungenschaften erscheinen, nicht umgesetzt worden wären, wenn sich Politiker (und Wähler) nicht dafür geöffnet hätten. Natürlich muss das nicht jeder Bürger alles gut finden, und wenn zum Beispiel in zahlreichen Internetforen nach dem Motto „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ argumentiert wird, wenn dort eine „Petition“ mit dem Titel „Merkel muss weg!“ massenhaft verbreitet wird, sind das alle erlaubte Äußerungen. Wer sich im Augenblick allerdings die Mühe macht, sich in solchen Foren umzusehen, der muss wirklich erschrecken, welche politische Kultur sich derzeit bahnzubrechen versucht. Aber wir müssen es ertragen, so wie wir von anderen erwarten, dass sie Asylsuchende als Menschen behandeln und nicht als Plage. Und da hat auch der Journalismus seine Aufgabe.

Wir Schüler der Journalistenschule haben uns vor 43 Jahren sicher nicht so vorgestellt, dass der gesamte Berufsstand einmal derart in Misskredit gerät. Doch gerade hier können wir uns mit den Worten von Hanns Joachim Friedrichs trösten: Es gibt keinen Grund, sich mit der Sache der Lügenbeschwörer gemein zu machen.

11.11.2015/MK

Print-Ausgabe 11/2016

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