„Toxic Tunes“: NDR-Forum für experimentelle Musik

 Künstler, die in einem weiteren Sinne experimentelle Musik produzieren, arbeiten am Rande der Wahrnehmbarkeit. Mit der neuen Konzert- und Sendereihe „Toxic Tunes“ will der NDR dazu beitragen, dass sich das ändert. Neu ist auch die Form der Präsentation: Bei „Toxic Tunes“ handelt es sich um eine Mixtur aus Performance- und Talk-Blöcken. Der NDR, dessen Redaktionen für Jazz und „Das neue Werk“ bei dieser Reihe kooperieren, spricht von einem „Gesprächskonzert“.

Als Veranstaltungsort dient der Resonanzraum, ein Konzertsaal im Hochbunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld. Zum ersten Mal im Radio zu hören sein wird „Toxic Tunes“ am 30. Januar von 22.05 bis 23.00 Uhr im Programm NDR Info. Die Sendung ist ein gekürzter Mitschnitt der zweistündigen Auftaktveranstaltung, die am 1. Dezember vorigen Jahres stattfand. In der Saison 2015/16 sind bis Juni drei weitere Konzerte geplant; nach dem Sommer wird die Reihe fortgeführt.

Tonbandgerät und Laptop

Die Premiere, die unter dem Motto „Soft Machines“ stand, bestritten Thomas Lehn, der Franzose Jérôme Noetinger und die in Berlin lebende Kolumbianerin Alexandra Cárdenas. Die drei Beteiligten eint, dass ihre Instrumente oder die Art der Klangerzeugung viel Gesprächsstoff hergeben. Lehn, der einst Klassik- und Jazz-Klavier studiert hat, musiziert seit rund 20 Jahren auf einem analogen Synthesizer der Firma EMS, erbaut in den späten 1960er Jahren. Noetinger nutzt ein „Instrument“, das auf den ersten Blick ähnlich altmodisch ist: ein Revox-Tonbandgerät, also ein Gerät, das eigentlich dafür vorgesehen ist, Klänge aufzunehmen und wiederzugeben. Cárdenas schließlich ist eine Vertreterin des „Live-Coding“: Sie erzeugt Musik, indem sie live auf ihrem Laptop programmiert. Gleichzeitig wird das, was auf ihrem Bildschirm vor sich geht, auf die hintere Bühnenwand projiziert.

Die Auftaktveranstaltung bestand unter anderem aus drei rund 15-minütigen Live-Blöcken, die die Musiker in unterschiedlichen Konstellationen bestritten. Zunächst spielten Thomas Lehn und Jérôme Noetinger gemeinsam, dann spielte Alexandra Cárdenas solo, und zum Abschluss traten alle Beteiligten gemeinsam auf. Kuratiert und moderiert wurde die erste Veranstaltung von Felix Kubin, den die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste für „Orphée Mécanique“ (BR) mit dem Preis für das Hörspiel des Jahres 2012 auszeichnete (vgl. FK-Heft Nr. 4/13). 2014 folgte der Deutsche Hörbuchpreis für dieselbe Produktion. Kubin ist auch an zahlreichen Musikprojekten beteiligt und führt das Label Gagarin Records. Bei der zweiten „Toxic-Tunes“-Veranstaltung am 2. Februar – ebenfalls von ihm kuratiert – wird er nicht nur durch den Abend führen, sondern auch als Musiker in Erscheinung treten.

Inhaltlich will „Toxic Tunes“ Entwicklungen in der Neuen Musik widerspiegeln, die sich in den vergangenen Jahren dank jüngerer Vertreter anderen Stilen geöffnet hat. Das Spektrum der Reihe soll zudem sogenannte Echtzeitmusik umfassen: live entstehende Musik, die nicht mit der Improvisation im Jazz zu verwechseln sei bzw. die „Klischees der Improvisation vermeiden“ wolle, wie Kubin es gegenüber der MK formulierte.

Visuelle Zusatzinformationen

In den Gesprächen mit den Musikern geht es, vereinfacht formuliert, um die Frage: „Wie macht ihr das?“ Kubin will mit seinen Gästen erörtern, wie ihre Sounds entstehen und wie sie sich „ihren Klangerzeugungstechniken angenähert haben“. Die Bühne sei bei „Toxic Tunes“ eine Art „offenes Studio“ – was man sowohl im Sinne von Radio- als auch Musikstudio verstehen könne. Kubin sagt, er wolle nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tiefergehende Informationen über die präsentierte Musik liefern, als es heute im Radio üblich sei. „Toxic Tunes“ steht somit auch für eine Rückbesinnung darauf, dass sich das Radio lange als Vermittlungsinstanz für unbekannte Klänge verstanden hat. Darüber hinaus soll es nach den Vorstellungen des Moderators in den Talk-Blöcken auch um die Inspirationsquellen der Musiker und deren finanzielle Lage gehen.

Bei der ersten Veranstaltung filmte Kubin teil­weise, während er seine Gäste interviewte: Wenn etwa Thomas Lehn die Funktionsweise einzelner Knöpfe seines altertümlichen Synthesizers demonstrierte, wurde dies live an die Bühnenrückwand projiziert. Solche aufschlussreichen visuellen Zusatzinformationen lassen sich – wie auch die Projektionen während des Cárdenas-Auftritts – in einem Radiomitschnitt naturgemäß nicht vermitteln. Daher stellt sich die Frage, ob es nicht angebracht wäre, zumindest ausschnittweise Bewegtbilder der Veranstaltung online zugänglich zu machen. Insgesamt erwies sich der Mix aus sperriger Musik und lockerem Gespräch als äußerst kurzweilig. Die Präsentationsform von „Toxic Tunes“ könnte durchaus auch auf andere Genres anwendbar sein.

26.01.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 14/2016

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