Stephan Lamby: Nervöse Republik. Ein Jahr Deutschland (ARD/NDR/RBB)

Zehn Prozent für Frauke Petry

„Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik“ heißt ein vor zehn Jahren erschienenes Buch des Kommunikationsforschers und Filmemacher Lutz Hachmeister. Der Autor analysierte hier die Veränderungen in den Beziehungen zwischen den beiden Milieus und die Entwicklung der politischen Berichterstattung in der Bundesrepublik. „Der meinungsführende Journalismus hat sich in der Berliner Republik nach rechts bewegt, in Richtung eines neokonservativen Zentrismus“, lautete eine der Thesen des Buchs.

Politiker und Journalisten sind auch die Protagonisten in Stephan Lambys anderthalbstündigem Dokumentarfilm „Nervöse Republik. Ein Jahr Deutschland“ (Produktion: Eco Media), und obwohl der Titel klingt, als wäre er von Hachmeister inspiriert, gibt es einen maßgeblichen Unterschied: Lamby verfolgt keinen analytischen Ansatz, er greift nicht auf, ob und inwiefern sich der „meinungsführende Journalismus“ (Hachmeister) ideologisch entwickelt hat. Vielmehr zeichnet Lamby ein, so viel sei vorab gesagt, teilweise durchaus fesselndes Stimmungsbild. Ab dem Frühjahr 2016 sammelte er ein Jahr lang Beobachtungen von ausgewählten Ereignissen – etwa Landtagswahlen und Parteitagen – und sprach, teilweise unter dem Eindruck dieser aktuellen Ereignisse, mit Politikern und Medienmenschen über deren Befindlichkeiten sowie die einschneidenden Veränderungen, mit denen sie als Angehörige ihrer Berufsgruppe jeweils konfrontiert sind. Da Lambys Protagonisten vor allem in Berlin und Hamburg ansässig sind, lässt sich durchaus darüber streiten, ob der Begriff „Republik“ im Titel angemessen ist – oder ob es sich um eine zulässige Zuspitzung handelt.

Zudem lässt sich sagen, dass Lamby den Begriff „Nervosität“ weit auslegt. Der Gedanke drängt sich auf, als er den Tortenwurf auf Sahra Wagenknecht beim Parteitag der Linken im Mai 2016 zeigt. Lässt sich eine relativ altmodische und spaßguerillaartige Aktion, in der eine in linken Nischen formulierte Kritik an einer bisweilen nach rechts abdriftenden Rhetorik Wagenknechts zum Ausdruck kommt, vergleichen mit den an verschiedenen Stellen des Films aufgegriffenen Hassbotschaften, die Politiker auf digitalen Wegen empfangen?

Ein wichtiges Statement zur derzeitigen Verfassung des Journalismus formuliert der frühere „Stern-Online“-Redakteur Lutz Kinkel in der Anfangsphase des Films. In der Hoffnung auf aufmerksamkeitsträchtige Schlagzeilen und Auflagensteigerungen behandelten „wir“, also die Journalisten, die AfD, als wäre sie eine Partei, die ein Wählerpotenzial von 40 Prozent habe, sagt er. Die Äußerung stammt aus dem Frühjahr 2016, veraltet ist sie nicht. Die „Nervosität“, mit der sich dieser Film befasst, ist zu einem Teil gewissermaßen hausgemacht, das heißt, sie ist gewiss nicht nur, aber auch deshalb so ausgeprägt, weil Journalisten in einer Mischung aus Skrupel- und Gedankenlosigkeit einem gesellschaftlichen Milieu Auftrieb gegeben haben, das dem Journalismus, wie wir ihn in der Bundesrepublik seit 1945 kennen, gern den Garaus machen würde.

Kinkels Kritik ließe sich auch auf den Film „Nervöse Republik“ anwenden: Die AfD und „Volksverräter“ rufende Straßennazis sind hier im Vergleich zu anderen Parteien und Klientelen überproportional präsent. Die FDP taucht gar nicht auf (immerhin ein Fall von ausgleichender Gerechtigkeit, schließlich war die Partei in der politischen Berichterstattung jahrzehntelang überrepräsentiert), die Grünen finden kurz am Rande Erwähnung. Dass dagegen beispielsweise die AfD-Politikerin Frauke Petry, die sich in der Regel oberarmfrei interviewen lässt, in „Nervöse Republik“ so oft vorkommt – zirka achteinhalb Minuten und damit fast zehn Prozent des Films sind ihr vorbehalten –, hat immerhin den Vorteil, dass nun eigentlich kein Zuschauer des Films mehr glauben kann, sie vertrete eine vergleichsweise „gemäßigte“ Position. Nachdem Ende August 2016 der sächsische AfD-Landtagsabgeordnete Sebastian Wippel in einer Debatte über die innere Sicherheit anlässlich verschiedener Mordanschläge in Deutschland angemerkt hatte, diese hätten „leider nicht die Verantwortlichen in der Politik getroffen“, distanzierte sich Petry, die Vorsitzende der Fraktion, der Wippel angehört, davon nicht inhaltlich. Gegenüber Lamby sagt sie lediglich: „Das hätte man geschickter ausdrücken können.“

In einer Zeitschrift, die „Medienkorrespondenz“ heißt, bietet es sich angesichts der Fülle des von Lamby präsentierten Materials an, sich auf seine Gesprächspartner aus der Medienwelt zu konzentrieren. Die „Bild“-Zeitung ist im Film mit zwei Funktionsträgern vertreten: Julian Reichelt, der Vorsitzende der „Bild“-Chefredaktionen, spricht, bezogen sowohl auf seine eigene Position als auch auf die Medien im allgemeinen, von einem „dramatischen“ Machtverlust bzw. einem Verlust des „Verteilungsmonopols“. „Wenn ich von etwas persönlich überzeugt bin und das durchsetzen und in diesem Fall die Marke ‘Bild’ nutzen möchte, funktioniert das in einigen kleinen Teilen der Gesellschaft, aber nicht mehr als Massenphänomen“, ergänzt er. Das kann man für luzide halten, aber es spricht auch manches dafür, dass Reichelt hier im Windschatten einer im Prinzip korrekten Analyse auf leicht kokette Weise die Bedeutung der „Bild“-Zeitung kleinzureden versucht.

Neben Reichelt äußert sich der frühere „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann; in einem Wortwechsel mit Lamby geht es darum, ob Journalismus in einem weiteren Sinne kämpferisch sein darf. Diekmann sagt dazu unter anderem, dass er den vielzitierten Ausspruch des früheren „Tagesthemen“-Moderators Hanns Joachim Friedrichs, man dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, „schon immer für falsch gehalten“ habe. Bemerkenswert daran ist, dass einer der einflussreichsten Medienmacher der vergangenen zwei Jahrzehnte Friedrichs’ Haltung gar nicht zu kennen scheint. Dessen Äußerung stammt aus einem „Spiegel“-Interview von 1995, und die Antwort bezieht sich auf ein sehr spezielles Teilgebiet der Berichterstattung, nämlich den angemessenen Umgang mit Nachrichten von Katastrophen wie zum Beispiel Erdbeben. Friedrichs’ Devise lautet vollständig: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ In demselben Interview, das Friedrichs kurz vor seinem Tod gab, redet er über die politische bzw. „grüne Botschaft“ seiner Naturfilmreihe „Wunderbare Welt“. Sich als Autor von Naturfilmen mit einer „guten Sache“ gemein zu machen – damit hatte Friedrichs beispielsweise also überhaupt kein Problem.

Außer der Redaktion von „Bild“ besucht Lamby auch die von „Spiegel“ und „Spiegel Online“. Hier sammelt er in der Nacht der Brexit-Entscheidung Eindrücke und Stimmen. Die diensthabenden Online-Redakteure sind angesichts des Ausgangs des Referendums konsterniert. Um 5.10 Uhr an diesem Morgen spricht Lamby in der Redaktion des Mutterhefts mit Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der Auslandsressortleiterin Britta Sandberg. Sie zeigen die Titelbilder, die sie für die verschiedenen Möglichkeiten des britischen Referendumsausgangs vorbereitet haben. „Anstatt die inneren Strukturen und die politische Agenda des ‘Spiegel’ zu beschreiben“, stelle Lamby „nette Menschen vor“, schreibt zu dieser Passage der Dokumentarfilmer und Filmkritiker Rüdiger Suchsland in seiner Rezension von „Nervöse Republik“ für das Online-Magazin „Telepolis“. Wenn Lamby einen, sagen wir mal: Hachmeisterschen Ansatz verfolgt hätte, käme das im Film vielleicht auch vor. Die Art, wie Lamby arbeitet, liefert aber durchaus Einsichten aus der „Spiegel“-Welt. Ein Online-Redakteur blickt zum Beispiel drein, als treffe ihn der Brexit wie der Tod eines Verwandten.

Positiv ist anzumerken, dass Stephan Lamby nicht nur die üblichen Verdächtigen gefragt hat. Er hat mit vielen Journalisten gesprochen, die eher selten vor Fernsehkameras agieren, so mit „FAZ“-Politikredakteur Majid Sattar und mit Martin Hoffmann, dem Erfinder der App „Resi“, die Nachrichten in Form von Chats präsentiert.

„Nervöse Republik“ (1,12 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,8 Prozent) reißt auf anregende Weise viele Fragen an und man ahnt, dass dieser Dokumentarfilm in den kommenden Monaten immer mal wieder als eine Art Zettelkasten dienen könnte für Zitate und Impressionen. Als Journalist bleibt man bei so einem Film ja sowieso dran, weil man wissen möchte, was all die Kollegen zu sagen haben. Eine Frage drängt sich allerdings auf: Empfinden Zuschauer, die keine Journalisten sind, den Alltag und die Probleme von Journalisten als derart interessant, dass dies die Ausführlichkeit, mit der Lamby diese Themen behandelt, rechtfertigt?

04.05.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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