Konstantin Flemig: BilderKrieg. Reihe „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen)

Vielleicht doch besser Katzenfotos?

„Ich wollte mal Naturfotograf werden“, erklärt Benjamin Hiller. Doch dann wurde er so ziemlich das Gegenteil: Kriegsreporter, ein relativ bekannter sogar. Leben kann er davon nicht wirklich. „Die letzte Reise hat mir 86 Euro eingebracht“, erklärt Hiller frustriert. Filmautor Konstantin Flemig begleitete den Mann in Krisengebiete. Sein Film „BilderKrieg“, mit dem die diesjährige Staffel „Junger Dokumentarfilm“ des Dritten Programms SWR Fernsehen eröffnet wurde, zeichnet dabei anhand der Betrachtungen des alltäglichen Handwerks eines Kriegsfotografen nicht nur ein Porträt des 34-jährigen Berliner Freelancers. In eingeschobenen Gesprächen, die der Autor und Regisseur vor Ort über die jeweilige Situation führt, werden auch Fragen nach den ökonomischen, ästhetischen und technischen Bedingungen aufgeworfen, unter denen ein verwertbares Foto entsteht.

Was genau ist also ein verwertbares Foto? Spannend an „BilderKrieg“ ist zunächst, dass Konstantin Flemig (Jahrgang 1988) diese Frage nicht nur im Stil eines puristisch beobachtenden Dokumentarfilms angeht. Packende Beobachtungen, bei denen der Filmemacher dem Reporter folgt, der schießende Soldaten im Schützengraben ablichtet, werden kontrastiert mit Fragen an eine „taz“-Redakteurin, eine der Abnehmerinnen von Hillers Fotos. Der Zuschauer hat mitbekommen, unter welch abenteuerlichen – und selbstausbeuterischen – Bedingungen diese Bilder entstehen. Trotzdem erklärt die Zeitungsmacherin, sie könne nicht immer auf Fotos von freien Mitarbeitern wie Benjamin Hiller zurückgreifen. Obwohl der für den Abdruck eines seiner Bilder nur lächerliche 15 bis 30 Euro erhält, muss die Zeitung aus Kostengründen häufig noch preiswerteres Agenturmaterial verwenden – das naturgemäß nicht so einmalig oder originell ist wie das eines eigenständigen Reporters.

Der Film zeigt, inwiefern der ökonomische Druck zu einer Einschränkung der Vielfalt in der Bildberichterstattung führt. Das ist zwar keine allzu neue Erkenntnis, aber „BilderKrieg“ ist dennoch ein streckenweise mitreißender Film, denn Flemig gelingen weitergehende interessante Beobachtungen des journalistischen Handwerks. In einer der schönsten Szenen sieht man, wie Hiller uniformierte kurdische Guerillakämpferinnen fotografiert, die eine militärische Übung spontan in einen gemeinsamen Tanz umwandeln. Das ist berührend und surreal zugleich. Aufschlussreich ist vor allem die Thematisierung der Verwertungslogik von Bildern. So spricht der Reporter mit gereiztem Unterton gewisse ästhetische Vorlieben seiner Abnehmer an. Der Fotograf hat gerade die Frontlinie zwischen der Terrororganisation IS und kurdischen Milizen besucht und weiß nur zu gut, auf welche Bilder die Redakteure zu Hause anspringen werden: „Wie schon beim ‘Arabischen Frühling’ sind es zwei Schemen – Männer mit Waffen, die ganz böse schauen, und Frauen mit weinenden Kindern“.

Derartige Klischees will Benjamin Hiller eigentlich nicht bedienen. Als Reporter vor Ort kennt er Zusammenhänge und Hintergründe aktueller Konflikte. Wie der Film hervorhebt, ist Hiller ein Spezialist für die Situation der Kurden, über die hierzulande eher am Rande berichtet wird. Bilder und entsprechende hintergründige Texte, die der Fotograf deutschen Zeitungen anbietet, müssen aber irgendwie ‘passen’. Sie müssen sich sozusagen in eine sich permanent wandelnde Mediendynamik einfügen. Deswegen muss Hiller neben den relevanten Fotos eben auch das unvermeidliche Bild der Mutter mit dem weinenden Kind abliefern, das die heimischen Redaktionen wollen und brauchen, um ihr alltägliches Themenpuzzle zusammensetzen.

Ein Bild, heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Doch hinsichtlich der Kriegsberichterstattung, hinter deren Kulissen Filmautor Flemig schaut, kehrt sich dieses Verhältnis nicht selten um. Wenn Fotos aus Krisengebieten einen Zeitungsartikel illustrieren, dann soll das Bild weniger sagen als Worte: Es soll einschlägige Klischees bedienen. So fragt Hiller sich zu Hause im Gespräch mit Kollegen ernüchtert, ob er nicht besser Katzen für YouTube-Videos fotografieren sollte. Das würde sich wenigstens lohnen.

Neben dem Aspekt der Normierung von Kriegsfotos wirft der 60-minütige Film noch weitere Fragen auf. Durch die Flut frei verfügbarer Bilder im Internet hat sich auch die Haltung des Betrachters verändert: „Traditionelle Fotos von Hungersnöten in Afrika funktionieren nicht mehr“, sagt der Kurator einer Ausstellung preisgekrönter Kriegsfotografien. Flemig spricht zudem noch das komplexe Problem der digitalen Manipulation an. Doch hier droht sich sein eigentlich hochinteressanter Film ein wenig zu verlieren. Am Beispiel Benjamin Hillers, der sich inzwischen – wie aus dem Abspann zu erfahren ist – anderweitig orientiert, soll verdeutlicht werden, inwiefern freiberuflich arbeitende Kriegsfotografen zu einer aussterbenden Berufsgruppe gehören. Ob das für Kriegsreporter generell oder nur für die spezifische Situation Hillers gilt, wird nicht ganz klar. Auch die eingeschobenen Schwarzblenden mit resümierenden Kommentaren wirken zuweilen etwas forciert.

So fällt „BilderKrieg“ (Produktion: Eikon Südwest) nach starkem Beginn leider etwas ab. Die Mischung zwischen Porträt, Medienanalyse und journalistischer Argumentation erscheint nicht ganz ausgewogen. Obwohl dem Film sehr intensive Momente gelingen, vermisst man bei der multifokalen Betrachtung zuweilen die Konzentration auf das Grundmotiv.

29.11.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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