Das neue „Jahrbuch Fernsehen“: Facebook, YouTube, Schlesinger

10.08.2017 • Fast jede Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat mittlerweile ihren eigenen Facebook- und Twitter-Account. Ob bei Talkshows wie „Hart aber fair“ (ARD) und „Maybrit Illner“ (ZDF) oder beim ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ – gern verweisen die Redaktionen insbesondere auf ihre Facebook-Accounts, auf denen die Zuschauer kommentieren und mitdiskutieren sollen. Auf Facebook muss der Zuschauer allerdings erst einmal selbst einen Account haben. Hat er ihn nicht, sieht er so gut wie nichts. Mit dieser Praxis werben ARD, ZDF und Arte in ihren Programmen unentwegt und unentgeltlich für US-amerikanische Großkonzerne, die ihre größten Konkurrenten sind, und treiben ihnen Mitglieder zu. In seinem Essay „Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter“ fragt Christian Bartels nach der Strategie der öffentlich-rechtlichen TV-Anbieter für den Umgang mit sozialen Medien und ob sie vielleicht sogar eine Haltung zu ihnen entwickelt haben.

Der Text von Christian Bartels ist zu lesen im „Jahrbuch Fernsehen 2017“, das am 31. Juli erschienen ist. Das Kompendium ist jetzt zum 26. Mal herausgekommen. Die erste Ausgabe erschien 1991. Seither bündelt das Jahrbuch als Forum für eine unabhängige Medienkritik in Deutschland „die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken und zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre“ („Spiegel Online“) und ist mit seinem aufwändigen und aktuellen Service- und Adressenteil für die Medienbranche „unverzichtbarer Wegbegleiter durchs Jahr“ („Neue Zürcher Zeitung“). Das „Jahrbuch Fernsehen 2017“ wird herausgegeben vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (Köln), vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP, Frankfurt am Main), von der „Medienkorrespondenz“ (Katholisches Medienhaus, Bonn) und dem Film Festival Cologne.

Um die zum Google-Konzern gehörende Videoplattform YouTube geht es im Essay, den die Journalistin Senta Krasser – die auch MK-Autorin ist – für das „Jahrbuch Fernsehen 2017“ verfasst hat. Bei YouTube, schreibt Krasser, seien Videos, die Meinung oder Informationen verbreiten, nicht besonders beliebt, weil Politik bei den eher jungen Nutzern „nicht ganz so cool“ sei. Das halte eine kleine Truppe von Digital Natives jedoch nicht davon ab, auf ihren Kanälen jungen Leuten Politik näherzubringen, und zwar völlig anders, als man es bis dato vom klassischen Fernsehen gewohnt war. Und so finden sich zwischen all den Jungs, die über ‘höllisch bescheuerte Games’ reden, und den Girls, die Schminktipps geben, ein paar Nachwuchsjournalisten, die den Israel-Palästina-Konflikt erklären, Regierungssprecher duzen oder Obdachlose mit der Kamera in ihrem Alltag begleiten“, so Krasser. In ihrem Beitrag „YouTuber als Politikvermittler“ stellt sie einige der YouTuber vor, die versuchen, mit ihren Formaten die fernseh- und politikabstinente Generation Y für Politik zu begeistern.

Ein Versagen der Medienaufsicht

Fürs neue „Jahrbuch Fernsehen“ hat außerdem die Journalistin Juliane Wiedemeier die Intendantin Patricia Schlesinger porträtiert, die seit gut einem Jahr versucht, den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zu reformieren. Heike Hupertz, die vor allem für die „FAZ“ und „epd medien“ schreibt, geht in dem TV-Jahrbuch der Frage nach, in welchen unterschiedlichen Formaten Büchersendungen im Fernsehen präsentiert werden.

In seinem Editorial kommt Lutz Hachmeister, Herausgeber des „Jahrbuchs Fernsehen“, zu dem Schluss, dass die deutsche Rundfunkaufsicht und Medienpolitik im Hinblick auf YouTube versagt hätten. Medienkontrolleure und -politiker würden sich „mit Hingabe“ an Anbietern von YouTube-Kanälen wie „PietSmietTV“ abarbeiten, während weltweit agierende Großkonzerne wie Google, Netflix und Amazon dem linearen Fernsehen in Deutschland ungehindert das Wasser abgrüben. „Im Grunde ist jede ‘Regulierung’ von Bewegtbild-Übertragungen schon hinfällig geworden, seit mit Online-Marken wie Youporn oder Pornhub für alle und jeden Hardcore-Pornografie überall empfangbar ist“, so Hachmeister. Das sei „eigentlich strafrechtsbewehrt, aber niemand kümmert sich darum.

Und jenseits der putzigen Piet-Smiet-Medienpolitik“, führt Hachmeister weiter aus, „haben Medienkonzentration und Marktdynamik durch erweiterte Aktivitäten der GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple), wie in der neuen Ausgabe des Buchs ‘Wer beherrscht die Medien?’ gezeigt werden konnte, noch einmal erheblich zugenommen.“ Schon rüstet sich auch die Deutsche Telekom für die neuen Zeiten – angekündigt sind Investments in dreistelliger Millionenhöhe für die Bewegtbild-Produktion (vulgo: Fernsehen, allerdings inklusive Sportrechte-Erwerb), ein aufsehenerregender Schritt über das bisherige ‘Entertain’-Angebot hinaus.“ 11.8.17/MK

Jahrbuch Fernsehen 2017, Köln 2017, 456 Seiten, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-9813465-7-2 (E-Mail-Bestellung unter: info@jahrbuch-fernsehen.de)

10.08.2017 – MK

Print-Ausgabe 16-17/2017

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