Dokumentarfilmer protestieren gegen schlechte ökonomische Bedingungen in der Branche

14.07.2017 • Renommierte deutsche Dokumentarfilmregisseure verdienen an einem Film im Schnitt 120 Euro brutto am Arbeitstag, der in der Regel zehn Stunden und mehr umfasse; sie bekommen also ein Honorar, das „etwas über dem Mindestlohn“ liegt – das ist die Quintessenz einer Protestnote, die zwölf Regisseure unterzeichneten, deren Filme beim ersten Dokumentarfilm-Festival des Südwestrundfunks (SWR) nominiert waren. Die Protestnote gegen die schlechten finanziell-strukturellen Bedingungen verlas der Filmemacher David Bernet bei der Preisverleihung am 30. Juni im Stuttgarter „Metropol-Filmtheater“. Bernet wurde für seine Produktion „Democracy – Im Rausch der Daten“ mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet, dem mit 20.000 Euro dotierten Hauptpreis des „SWR-Doku-Festivals“. Der mit 5000 Euro dotierte Filmkunst-Preis ging an Lutz Gregor. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Film „Mali Blues“ (Produktion: Gebrüder Beetz).

Die Protestnote basiert auf einer Untersuchung, für die zehn der zwölf unterzeichnenden Regisseure jeweils die finanziellen Daten zur Produktion ihres bei dem Doku-Festival nominierten Films zur Verfügung stellten. Die „gesellschaftliche Bedeutung des Dokumentarfilms“ stehe „im Widerspruch zum Status, den diese Filme im Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben – und zu unserem rauen Alltag“, heißt es in der „Stuttgarter Erklärung“ weiter. Am Ende äußern die Unterzeichner den Wunsch nach einem Gespräch „mit den Intendanten und Programmverantwortlichen“.

Die Sache mit dem Wetterbericht

Eine ergänzende Erklärung, die die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) auf ihrer Website veröffentlichte, ordnet das Honorar von 120 Euro im Vergleich zu dem Verdienst anderer am Film Beteiligter ein: „Ein Ton-Operateur verdient marktüblich an einem Arbeitstag um die 300 Euro netto. Ein Kamera-Operateur zwischen 400 und 500 Euro.“ Regisseure erhalten im Durchschnitt also nur ein Drittel jener Tagesgage, die jemand bekommt, dem es ein Regisseur überhaupt erst ermöglicht, Geld zu verdienen. Die Untersuchung ergab, dass die Regisseure im Schnitt 426 Tage an ihrem nominierten Film gearbeitet hatten.

Im Rahmen der Preisverleihung kritisierten die Regisseure außerdem, dass das Erste Programm der ARD pro Jahr lediglich zwölf 90-minütige Dokumentarfilme ausstrahle (dies geschieht in der Regel im Sommer gegen 22.45 Uhr oder später). Es sei ein großes Problem, dass die ARD den „großen, programmfüllenden Dokumentarfilm“ statistisch gar nicht separat erfasse, sagte AG-Dok-Geschäftsführer Thomas Frickel auf MK-Nachfrage. Alles laufe unter „Dokumentation/Reportage“, von „Trennschärfe“ könne keine Rede sein. Vor einiger Zeit, so Frickel, sei zum Beispiel der Wetterbericht „den dokumentarischen Sendungen zugeschlagen worden – offensichtlich, um die Statistik ein bisschen aufzuhübschen“.

Diese fehlende Trennschärfe offenbarte sich auch am 22. Juni bei einer vom Grimme-Institut organisierten Veranstaltung in Bonn. Auf die Frage, ob es nicht angebracht sei, mehr Dokumentarfilme ins Programm zu nehmen, sagte Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des Westdeutschen Rundfunks (WDR), allein sein Sender produziere pro Jahr 300 Dokumentationen.

„Umverteilung zugunsten des Genres“

Einen kurzen historischen Abriss der derzeit beklagten Entwicklung lieferte Stefan Eberlein, einer der für die Öffentlichkeitsarbeit zur Protestaktion zuständigen Filmemacher, in einem am 7. Juli bei „Spiegel Online“ erschienenen Interview. „Die ersten Weichen“ seien bereits „zur Jahrtausendwende“ gestellt worden, so Eberlein in dem Gespräch: „Damals ging der Leiter der Dokumentarfilmredaktion beim WDR, Werner Dütsch, in Rente, und das Budget seiner Redaktion wurde dramatisch gekürzt. Seitdem haben alle ARD-Anstalten die Finanzierung von Dokumentarfilmen massiv heruntergefahren. Statt mit einer Anstalt muss man jetzt automatisch mit mehreren zusammenarbeiten.“ Die gäben, ergänzt Eberlein, „alle nur wenig Geld – wenn sie denn überhaupt noch Aufträge vergeben“.

Die Unterzeichner der „Stuttgarter Erklärung“ plädieren nun dafür, die Budgets für den Dokumentarfilm zu erhöhen, ohne die Anzahl der Sendeplätze zu reduzieren. Die Anzahl müsse sogar erhöht werden, so die Filmemacher. „Das muss gewollt sein. Es geht um Umverteilung zugunsten des Genres“, proklamieren sie. Gefordert wurde „das Ende der Dumping-Honorare“. Als Fürsprecher reklamieren sie mittlerweile SWR-Intendant Peter Boudgoust für sich. Der hatte beim Festival in Stuttgart in seiner Begrüßungsrede gesagt, der Dokumentarfilm sei Teil der „DNA des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Boudgoust ist derzeit auch Präsident des deutsch-französischen Kultursenders Arte.

14.07.2017 – rm/MK