Zarah Schrade/Matthias Thönnissen: Schlafschafe. 6‑teilige Serie (ZDFneo)

Corona und die schleichende Zerrüttung

12.05.2021 •

Ein weiteres Mal beweist das ZDF, dass Serienproduktionen nicht zwingend jahrelange Entwicklungsphasen durchlaufen müssen. Wie schon im Vorjahr mit „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“, „Liebe. Jetzt!“ und „Lehrerin auf Entzug“ greift die ZDFneo-Redaktion in der neuen Serie „Schlafschafe“ konkrete oder indirekte Auswirkungen der Corona-Pandemie auf. Das ZDF etikettiert diese Art der Produktion als „Instant Fiction“, kein glücklich gewählter Begriff, denn schnell zusammen­gerührt wie Instantsuppen oder Instantkaffee sind diese Serien denn doch nicht.

In „Schlafschafe“ (Produktion: Tellux Film) widmet sich das Autorenduo Zarah Schrade und Matthias Thönnissen einem Phänomen, das im Zuge der Pandemie vielleicht nicht begonnen, aber eine enorme Anhängerschaft erhalten hat, jenem Personenkreis, der wissenschaftliche Erkenntnisse abtut und unterschiedlichen Formen des Irrglaubens anhängt. Als Bezeichnung haben sich die Begriffe „Corona-Leugner“ und „Verschwörungstheoretiker“ eingebürgert. In der Eigenwahrnehmung sehen sich diese Menschen als „Querdenker“, verstehen sich gar als Freiheitskämpfer und sehen alle anderen – daher der Titel der Serie – als „Schlafschafe“, die „die Wahrheit“ nicht sehen können oder nicht sehen wollen.

Es wäre leicht und billig, mit den einschlägig kursierenden verschrobenen Ideen Spott zu treiben. Aber so einfach machen es sich die Serienautoren nicht. Vielmehr lassen sie verdienstvollerweise deutlich werden, dass dieses ungute Gedankengut leider schon tief in einen nicht geringen Teil der Gesellschaft eingedrungen ist. Die Protagonisten gehören dem Mittelstand an, sind wie die Nachbarn von nebenan. Melanie (Lisa Bitter) war professionelle Kite-Surferin, danach Betreuerin in einem Fitness-Studio. Verheiratet ist sie mit dem Klimatechniker Lars (Daniel Donskoy). Nach der Geburt ihres Sohnes Janosch, der inzwischen das schulpflichtige Alter erreicht hat, widmete sich Melanie vollends der Mutterrolle. Jetzt möchte sie wieder arbeiten. Kein guter Moment für Bewerbungen, denn die Fitness-Studios sind aus Gründen der Corona-Vorsorge geschlossen.

Die ersten Anzeichen, dass Melanie sich zur Corona-Skeptikerin entwickelt, sind unauffällig, aber sie mehren sich. Im Gespräch mit einer befreundeten Krankenschwester (Amanda da Gloria) provoziert Melanie dann mit der Behauptung, Mund-Nasen-Bedeckungen würden den Kindern mehr schaden als nutzen. Schließlich findet Lars heraus, dass Melanie ihrem Sohn Janosch (Emil Brosch) Abführmittel ins Essen mischte, um ihn nicht zur Schule schicken zu müssen. Denn dort herrscht Maskenzwang, ihrer Meinung nach lebensgefährlich.

Geduldig versucht Lars, Melanie von ihren Irrtümern zu überzeugen. Die aber verrennt sich immer weiter, glaubt dubiosen „Studien“ und sogar einem Verschwörungsunternehmer, der von einem als Meteor getarnten Satelliten phantasiert, von dem aus Daten aus Rauchmeldern abgezapft werden. Filmaufnahmen des Meteors Himmelskörpers dienen dem Irrsinnsprediger als Beweis. Hintergrund der angeblichen Verschwörung: Wegen der Überbevölkerung sollen Kranke und Arme von den herrschenden Klassen gezielt infiziert und unauffällig umgebracht werden. Schließlich lässt sich Melanie sogar dazu gewinnen, bei einer Kundgebung der „Querdenker“ aufzutreten.

Lars und seinem Freund Dirk (Anton Schneider) gelingt es, den Urheber des Filmchens über den angeblichen Meteor ausfindig zu machen – ein Student, der das Verschwörungsprojekt als Seminararbeit gestartet hatte. Lars zeigt Melanie das Filmstudio, die Tricktechnik, den aus Knetmasse gefertigten „Meteor“. Ohne Erfolg. Sie ist der festen Meinung, Lars habe die Kulisse nur geschaffen, um sie von ihren Überzeugungen abzubringen.

Subtil beschreiben Zarah Schrade und Matthias Thönnissen (der auch die Regie geführt hat) den schleichenden Prozess der Entfremdung, bis hin zur Zerrüttung, die zur Trennung des Paares führt. Eine Allegorie auch auf den Zerfall innerhalb der Gesellschaft. Ebenfalls klingt an, dass Melanies Anfälligkeit für Verschwörungsgespinste ihre Gründe hat – Frustrationen wegen der langen Abwesenheit aus dem Beruf, die Trauer um die verlorene Zeit als aktive Sportlerin, Ängste aller Art, die ständige Sorge ums Geld: Raten fürs Haus, fürs Auto, Ausgaben hier, Kosten dort. Einmal bricht spontan aus ihr heraus, was sie lange unterdrückt hatte: „Herrgott Lars, vielleicht brauchen wir einfach kein Haus und nix von dem ganzen Scheiß!“ Kritische Seitenblicke gelten jenen Hochstaplern, die gezielt für Verunsicherung sorgen, finanziell aus dieser Entwicklung Profit ziehen und gerade in Zeiten einer weltweiten Pandemie auf willige Jünger stoßen.

„Schlafschafe“ wurde mit kleinem Ensemble gedreht, geht aber über den Kammerspielcharakter beispielsweise von „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ hinaus und umfasst zahlreiche Außenaufnahmen. Ein besonderes Merkmal ist das Durchbrechen der vierten Wand. Immer wieder mal sprechen Lars oder Melanie beiseite in Richtung Zuschauer, wie es im Theater bereits zu Shakespeares Zeiten üblich war. Im Fernsehen kennt man es aus deutschen Fernsehspiel-Inszenierungen im Stil des epischen Theaters und aus Importserien wie „Das Model und der Schnüffler“, „House of Cards“, „Hustle“, „Der Prinz von Bel-Air“ und vielen anderen.

Die Serie „Schlafschafe“ ist im Übrigen ganz klar primär fürs Anschauen via Internet gemacht, also für die ZDF-Mediathek. Darauf weist nicht nur die Kürze der einzelnen Episoden hin (im Schnitt 17 Minuten), sondern vor allem der absurde Ausstrahlungstermin im linearen Fernsehen: Bei ZDFneo werden die sechs Folgen am 12. Mai in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag von 0.45 bis 2.30 Uhr versendet.

12.05.2021 – Harald Keller/MK

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