Pola Beck/Tom Lass: Liebe. Jetzt! 6‑teilige Reihe (ZDFneo)

Konzentration auf das Wesentliche

03.07.2020 •

Nach der Serie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“, linear gesendet im April und weiterhin online abrufbar (vgl. MK-Kritik), bewies das ZDF ein weiteres Mal ein schnelles Re(d)aktionsvermögen und ließ für seine Mediathek und die anschließende Ausstrahlung bei ZDFneo erneut einen Mehrteiler unter Corona-Bedingungen produzieren. Bei den Dreharbeiten waren die einschlägigen und einschränkenden Schutzmaßnahmen einzuhalten, die Inhalte wurden von der grassierenden Pandemie bestimmt. Die Produktionen unterscheiden sich gravierend: „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ war eine Fortsetzungsserie; „Liebe. Jetzt!“, seit dem 1. Mai in der ZDF-Mediathek abrufbar und am 3. Mai bei ZDFneo zu sehen, versammelt inhaltlich und personell unverbundene Episoden mit dem Oberthema ‘die Liebe in den Zeiten der Corona-Pandemie’.

„Liebe. Jetzt!“ ist also eine Reihe, wie sie in etwas unglücklicher Anlehnung an den angelsächsischen Begriff häufig als „anthologische Serie“ beschrieben wird. Diese Erzählform aus den Anfangstagen des kommerziellen US-amerikanischen Fernsehens erfährt seit einiger Zeit eine Renaissance. In den frühen Jahren des Mediums erwarben Werbekunden ganze Programmblöcke und überschrieben sie jeweils mit dem Firmennamen. Beispiele sind „Lux Playhouse“, „Kraft Mystery Theater“ und „Revlon Mirror Theater“. In einer anderen Variante dienten prominente Präsentatoren als Dachmarke: „Bob Hope Presents The Chrysler Theatre“, „Robert Montgomery Presents“, „Alfred Hitchcock Presents“. Rein über das Genre definiert waren US-amerikanische Reihen wie „Panic“, „Twilight Zone“ und „Outer Limits“ oder in Deutschland „Merkwürdige Geschichten“ – die Vorläufer heutiger TV-Anthologien wie der britischen ITV-Produktion „Black Mirror“.

„Black Mirror“, der schwarze Bildschirm, bezieht sich in der gleichnamigen Serie allegorisch auf das Fernseh- und Computerdisplay. Auch in den sechs Folgen von „Liebe. Jetzt!“ (Produktion: Studio Zentral) ist der elektronische „Zauberspiegel“ immer wieder von Belang. In Episode 1 mit dem Titel „Plötzlich Paar“ sieht sich Thorsten (Jürgen Vogel) wegen der möglichen Coronavirus-Erkrankung seines Mitbewohners gezwungen, bei seiner Freundin Jana (Natalia Belitski) einzuziehen. Sie, die ungeplant von ihm schwanger wurde und damit nicht glücklich ist, empfindet die plötzliche Nähe als unangenehm. Beide beginnen eine Paartherapie, die in Form einer Videokonferenz abgehalten wird. Die Therapeutin (Dela Dabulamanzi) ist nur aus der Warte ihrer Computerkamera zu sehen. Anders Jana und Thorsten – sie konnten gemeinsam und in wechselnden Einstellungen eingefangen werden, weil ihre Darsteller, Jürgen Vogel und Natalia Belitski, auch in der Realität ein Paar bilden.

Dasselbe gilt für Clelia Sarto und Aleksandar Jovanovic, den Protagonisten der sechsten Folge (Titel: „Ain’t No Sunshine“). Bella und Tom haben sich eigentlich schon getrennt, der Hausrat ist verpackt, wartet auf Abholung. Doch der Corona-Ausbruch legt die Spedition lahm. Jetzt sitzen die beiden zwischen den Umzugskartons und arbeiten ihre Missverständnisse, Fehler, aber auch schöne Momente ihrer Partnerschaft auf.

Episode 2 (Titel: „Ja, nein, vielleicht“) erzählt von der Beziehungsanbahnung via Handy und Laptop, die dritte Folge („Der Kuss“) von einer Beinahe-Affäre am Arbeitsplatz, die an der Verpflichtung zur Heimarbeit scheitert. In der vierten Folge („Was sich liebt…“) wird die Protagonistin zum Zusammenleben mit ihrem anstrengenden Vater gezwungen. In Folge 5 („Nachtschwärmer“) muss Lena ihren 35. Geburtstag per Videokonferenz feiern, empfindet dabei umso stärker die nachfolgende Einsamkeit und klickt sich gelangweilt durch die unterschiedlichsten Partnervermittlungsangebote: Sie stößt dabei auf Exhibitionisten, Sonderlinge, einen Internet-Seelsorger und schließlich auf eine befreundete Steuerexpertin. Aus dem flüchtigen Kontakt entwickelt sich eine ernsthafte Romanze.

Die Besetzung ist reduziert, als Kulisse dienen den mit kleinstmöglichem Team gedrehten Epi­soden jeweils private Wohnräume. Häufig ergibt sich eine Einheit aus Raum und Zeit und damit eine erzählerische Verdichtung, die die Schauspieler stärker gefordert haben dürfte als das schrittweise Arbeiten unter normalen Bedingungen. Kleine Regungen und Gesten finden viel mehr Aufmerksamkeit als in Serien mit schnellerem Schnittrhythmus und vielen Bildtotalen. In diesem Sinne ist exemplarisch, dass die Regisseurin Pola Beck dem vielbeschäftigten, auch international tätigen Aleksandar Jovanovic, der meist Figuren mit zwielichtiger Aura verkörpert, Gelegenheit bietet, sich in einer gerade mal 25-minütigen Handlung als facettenreicher Charakterschauspieler und Sänger zu beweisen.

Damit sind die Stärken dieses intimen Formats mit seinen mal komischen, mal tragischen Kammerspielen umrissen. „Liebe. Jetzt!“ ist ein willkommener Gegenentwurf zu jenen Spektakeln, die unter dem dümmlichen Schlachtruf „Das Fernsehen ist das neue Kino“ als neue Serienqualität gefeiert werden.

Die auf der Produktions- und Handlungsebene von „Liebe.Jetzt!“ erzwungene Nähe, die Konzentration auf das Wesentliche – das erfordert eine kluge Kameraarbeit; die Erzählungen (ZDFneo nennt sie „Liebesgeschichten im Kurzformat“) benötigen starke Dialoge. In diesem Fall gelungen: Die Texte sind geschliffen, überzeugend alltagsnah, nie prätentiös. Auch dann nicht, wenn, wie in der Episode „Nachtschwärmer“, anspruchsvolle ethische und religiöse Fragen erörtert werden. Es gibt deutsche Serien mit längerem Produktionsvorlauf, die nicht annähernd diese Qualität erreichen.

Regisseurin Pola Beck (Folgen 1, 4 und 6), Regisseur Tom Lass (Folgen 2, 3 und 5), Autor Alexander Lindh und Schauspielerin Lea Zoë Voss setzen mit „Liebe. Jetzt!“ ihre Zusammenarbeit fort. Alle vier waren zuvor an der für den ARD/ZDF-Webkanal Funk produzierten Jugendserie „Druck“, der deutschen Adaption des norwegischen Formats „Skam“, beteiligt.

Die Drehbücher für die sechs Folgen von „Liebe. Jetzt!“ schrieben (in dieser Reihenfolge) Lena Krumkamp, Luisa Hardenberg, Alexander Lindh, Annette Lober, Malte Welding und Jane Ainscough. Als weitere Schauspieler mit dabei sind, neben den genannten, Leonard Schleicher und Sarina Radomski (Folge 2), Sebastian Schwarz, Maryam Zaree und Marie Burchard (Folge 3), Nina Gummich, Bernhard Schütz und Dimitrij Schaad (Folge 4) sowie Isabel Thierauch, Kara Schröder und Mehmet Ateşçi (Folge 5).

03.07.2020 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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