Philipp Käßbohrer/Lutz Heineking Jr.: Drinnen – Im Internet sind alle gleich. 15-teilige Serie (ZDFneo)

Von Bildschirm zu Bildschirm

18.05.2020 •

Die gegenwärtige technische Entwicklung begünstigt kurze Erzählformen. Smartphone und Tablet ermöglichen Film- und Hörerlebnisse in den kleinen Pausen, die der Alltag bereithält – eine Einladung an Fernsehschaffende, mit neuen Formen und vor allem technischen Mitteln zu experimentieren. In den USA etwa startete Jeffrey Katzenberg am 6. April seine neue Streaming-App Quibi, die speziell fürs Ansehen auf dem Handy Filme und Serien in fünf- bis zehnminütigen Fortsetzungshäppchen zeigt, aber bedingt durch die Coronakrise erst einmal nicht so erfolgreich ist wie erhofft (vgl. MK-Meldung).

Bereits 2008 fungierte die aus der US-amerikanischen Kultserie „Friends“ bekannte Schauspielerin Lisa Kudrow als Koautorin, Produzentin und Hauptdarstellerin einer Internet-Serie mit dem Titel „Web Therapy“. Kudrow verkörperte eine Psychotherapeutin, die nur noch via Internet praktizierte und stets aus der Webcam-Perspektive zu sehen war. Die zwischen drei und fünfzehn Minuten langen, von den Mitwirkenden improvisierten Episoden wurden zunächst im Web bei Lstudio.com gezeigt und ab 2011 vom Abo-Kanal Showtime als reguläre Serie mit rund 25 Minuten Laufzeit pro Folge neu aufgelegt

In Deutschland entstand 2012 nach ähnlichem Muster „Add a Friend“ (für den Pay-TV-Sender TNT Serie). Hier lag ein Fotograf nach einem Unfall im Krankenhausbett und nutzte den Laptop zur Kommunikation mit seinem Umfeld. Trotz dieser räumlichen Begrenzung gelang es den Autoren, konsekutiv strukturierte Inhalte der Genres Krimi und Melodram zu erzählen. Allerdings wurde das Prinzip der originären Web-Epik, die sich auf die Perspektive der Computerkameras und die Möglichkeiten der sozialen Medien beschränkt – vergleiche den Kinofilm „Unknown User“ (Originaltitel: „Unfriended“, USA/Russland 2014) –, nicht konsequent durchgehalten. So erhielt der Patient Besuche von Ärzten, Krankenschwestern und Freunden und er hatte einen Zimmergenossen. Ab der zweiten Staffel wurde der Schauplatz Krankenzimmer verlassen und damit das ursprüngliche Ausnahmemerkmal ganz aufgegeben.

Als Reaktion auf die Corona-Pandemie griff das Formatlabor „Quantum“ der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ eine ähnliche Idee auf. Entwickelt hatte sie Philipp Käßbohrer, Mitinhaber der Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF), die unter anderem auch Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ herstellte. Aus deren Mitarbeiterstamm rekrutieren sich denn auch die vier Autoren für die 15-teilige Serie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“; das Autorenquartett bilden Max Bierhals, Tarkan Bagci, Giulia Becker und Patrick Stenzel. Dies verdient Erwähnung, weil die Episoden bisweilen Sketch-Szenen umfassen, die an das „Neo Magazin Royale“ erinnern. Beispielsweise stößt die Hauptfigur, die für eine Werbeagentur tätige und durch die Coronakrise zur Heimarbeit gezwungene Charlotte Thielemann (Lavinia Wilson), auf das Web-Angebot „Chatroulette“, das dem Nutzer willkürlich Videogespräche mit Partnern in aller Welt vermittelt. Charlotte gerät unter anderem an einen Exhibitionisten und klinkt sich kichernd aus.

Ein andermal erhält Charlotte als Dank für eine gelungene Auftragsakquise von ihrer Chefin (Johanna Gastdorf) einen Vibrator geschenkt. Der setzt sich natürlich ausgerechnet dann selbsttätig in Gang, als sie via Web mit mehreren Gesprächspartnern verbunden ist. Ein andermal beteiligt sie sich an einem Online-Karatekurs und schlägt im Eifer des Gefechts den Computer zu Boden.

Intermezzi dieser Art durchziehen die gesamte Serie. Fortgesetzte Inhalte sind Charlottes Hadern mit ihrem Beruf und ihrer Ehe. Ihr Mann (Barnaby Metschurat) verbringt mit den gemeinsamen Kindern einige Zeit auf dem Land. Eigentlich hatte sie ihm längst ihren Scheidungswunsch mitteilen wollen. Angesichts der krisenbedingten Umbrüche bringt sie es aber nicht über sich. Auch das Ausscheiden aus dem ungeliebten Beruf ist vorerst nicht möglich. Charlotte muss die Aufgaben ihrer Chefin übernehmen, die an Covid-19 erkrankt ist, vom häuslichen Krankenbett in die Klinik wechselt und wenig später verstirbt. Allerdings nicht am Virus, sondern durch einen Autounfall gleich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.

All das erlebt und erfährt Charlotte Thielemann unmittelbar am Bildschirm oder agiert in der Sichtweite ihrer Webcam, zugleich das Auge des Zuschauers. Im Gegenschnitt sind die Gesprächspartner aus Charlottes Perspektive auf ihrem Computermonitor oder Handy zu sehen.

Ein Faible für schwarzen Humor und gescheite Popkulturanspielungen ist hilfreich, um Gefallen an dieser Produktion zu finden. Und ein wenig Geduld braucht’s auch. Denn anfangs erscheint die Serie eher wie eine Art Nummernrevue. Charlotte kommuniziert mit Kollegen, Eltern, ihrem Liebhaber und der befreundeten Ärztin Lisa (Nadja Becker), mit ihrer in Thailand weilenden Schwester Conny (Jana Pallaske) und mit einer ominösen Clara, der sie häufig Botschaften auf die Mailbox spricht.

Erst in der zehnten Folge wird enthüllt, dass Clara Charlottes andere Schwester war und bei einem Autounfall ums Leben kam, für den sich Charlotte die Schuld gibt. Damit erhält ihr oft neurotisch anmutendes Verhalten eine ganz andere Wertigkeit. Aus der Farce wird kurz eine Tragikomödie, in Folge 13 aber rudern die Autoren zurück. Claras Telefonnummer wurde neu vergeben. Auf diese Weise gerät Thielemann in Kontakt mit einem britischen Bühnenmagier. Ende offen.

„Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ (Produktion: BTF und Eitelsonnenschein GmbH) entstand sehr kurzfristig und unter von der Corona-Pandemie diktierten Bedingungen. Alle Beteiligten inklusive Regisseur Lutz Heineking Jr. arbeiteten von zu Hause aus und verständigten sich per Datenleitung. Im Abspann wird man informiert: „Kein menschliches Wesen musste für diese Serie sein Haus verlassen.“

Irritierend vielleicht, dass Lavinia Wilson und Barnaby Metschurat nebeneinander vor der Kamera agieren, aber die beiden Schauspieler sind auch im echten Leben ein Paar. Einmal läuft, vermutlich ungeplant, im Hintergrund eines ihrer Kinder durchs Bild. Mit Arnd Klawitter und Julika Jenkins sowie Victoria Trauttmansdorff und Wolf-Dietrich Sprenger waren hier noch zwei weitere Schauspielerehepaare mit „Kontakterlaubnis“ beteiligt.

Nachvollziehbar, dass unter diesen sehr speziellen Bedingungen eine disparate Serienproduktion entstehen musste, die an manchen Stellen verzettelt und mosaikhaft wirkt, im großen und ganzen aber angenehm unterhält. Schwächere Passagen werden getragen durch die Leistung der Hauptdarstellerin Lavinia Wilson, der eine ganze Bandbreite an Emotionen abverlangt wird: Mal verheddert sich Charlotte in Slapstick-Aktionen, mal wird sie von Zweifeln geschüttelt, mal ist sie den Tränen nahe oder ehrlich besorgt um ihre Eltern, die die Corona-Warnungen auf die leichte Schulter nehmen. Gerade auch Letzteres ist wie so vieles in dieser Serie gut beobachtet – wer mit dieser Elterngeneration zu tun hat, kennt die hier mit leisem Spott beschriebene Leichtfertigkeit.

Die zwischen acht und zwölf Minuten langen Web-Episoden wurden ab dem 3. April in täglicher Abfolge nach und nach jeweils ab 20.00 Uhr in der ZDF-Mediathek bereitgestellt und sind dort inzwischen komplett abrufbar. Am 7., 14., 21. und 28. April (dienstags) zeigte ZDFneo am späten Abend jeweils Zusammenschnitte von wechselnder Länge. 

18.05.2020 – Harald Keller/MK