Susanne Bohlmann: Eckart von Hirschhausen – Der Sünde auf der Spur (ZDF)

Klarheit gewinnen

06.06.2021 •

Es ist (noch) Brauch, dass das ZDF an Feiertagen etwas „Besinnliches“ präsentiert. Früher führte etwa „Heute“-Moderatorin Petra Gerster – die im Mai in Pension – ging durch Sendungen wie „Auf den Spuren des Apostels Paulus“ (Pfingsten 2017) oder „10 Fakten zum Christentum“ (Ostern 2018). In diesem Jahr zu Pfingsten begab sich Eckart von Hirschhausen auf die „Spur der Sünde“. Es ist eine inzwischen typische ZDF-Feiertags-Populärsendung, das heißt, es wird ein prominenter Fernsehschaffender als Präsentator engagiert, diesmal Hirschhausen („Frag doch mal die Maus“, ARD), der inzwischen alles wegmoderiert, was ihm angeboten wird. Und es gibt eine Auswahl an Gesprächspartnern, mit denen er das in diesem Fall von Regisseurin und Autorin Susanne Bohlmann vorgegebene Skript möglichst authentisch wiedergibt. Der Vorteil besteht darin, dass kirchliche Themen auf diese Weise populär präsentiert werden können, mit dem Effekt, dass die Zuschauerzahl möglichst nicht so dramatisch einknickt, wie es bei solchen Sendungen befürchtet wird, die von der üblichen Audience-Flow-Komposition des ZDF-Hauptprogramms abweichen.

Das ist zunächst nichts Verwerfliches. Schließlich muss das Publikum gegen 18.00 Uhr anders bedient werden als am späten Abend. Und der Autor, Comedian und Moderator Hirschhausen ist inzwischen erfahren genug, um jede Klippe zu umfahren. Ob mit einem Sozialarbeiter in Berlin oder mit einer Influencerin in Köln, einer Bischöfin oder einem früheren Porno-Produzenten, einem Primatenforscher oder einer Neurologin – Eckart von Hirschhausen gelingt es, die Gesprächspartner zu nachvollziehbaren Antworten fern jeder Floskeln zu bewegen.

Umgekehrt war zum Thema Wut das Gespräch mit der Frau, die eine Hassmail an Hirschhausen geschickt hatte, sehr oberflächlich und endete mit einem gemeinsamen Teetrinken vor dem Berliner Adlon-Hotel. Dass Hirschhausen selbst fast den ganzen Film über allein oder mit Gesprächspartnern mal drinnen und mal draußen im Bild ist, mag dem Format geschuldet sein. Immerhin kommt der Film optisch teilweise aufwendig daher. Während etwa Hirschhausen mit einem seiner Partner per Skype spricht, wird dieser zugleich von einem Team gefilmt. Beide Aufnahmen werden dann gegeneinander geschnitten. Die Credits weisen vier Kamerafrauen aus.

Die sieben Todsünden Hochmut, Geiz (oder Habgier), Wollust, Zorn (oder Wut), Völlerei, Neid und Faulheit (oder Trägheit) mögen heutzutage antiquiert erscheinen, sie waren aber über Jahrhunderte eine – von den Kirchen gepredigte – Richtschnur für ein gelingendes Leben, wenn man sie meidet. Und unabhängig von der persönlichen Einstellung zur Religion mag die Vermeidung dieser „Sünden“ wohl auch heute nicht wenigen Menschen noch helfen, den Alltag zu bewältigen. Eckart von Hirschhausen, von Haus aus Arzt, wenn auch nicht mehr praktizierend, weiß um die körperlichen Folgen etwa von Gier, Völlerei und Trägheit – Bluthochdruck, Diabetes und Leberzirrhose sind nur einige der Konsequenzen.

Trägheit sei die größte Sünde in diesen Zeiten, sagt die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs am Beginn des Films. Weil die Menschen so wenig täten, obwohl bekannt sei, was gesellschaftlich und moralisch notwendig sei. Mit dem Astrophysiker, Philosoph, „Welterklärer“ und ZDF-Moderator Harald Lesch kam dann am Schluss dieser Dokumentation (1,83 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,0 Prozent) ein weiterer TV-Promi zu Wort. Für ihn ist Trägheit indessen ein willkommener Gegensatz zum beschleunigten Alltag vieler Menschen. Er hält es für wichtig, sich mit der eigenen Zeit zu beschäftigen. Trägheit oder Faulheit nicht als Grundprinzip, aber als sinnvoller Gegensatz zur Hetze. Er hält die geringe Demut für die größte Sünde. Hilfreich wäre gewesen, diese beiden Protagonisten wären in der Sendung einmal miteinander ins Gespräch gekommen.

Demut lernen – dem stimmt auch Eckart von Hirschhausen am Ende seiner Spurensuche zu. Hinzu kommen für ihn die Suche nach Gerechtigkeit, verantwortliches Handeln, „vielleicht auch mehr von Nächstenliebe und Übernächstenliebe, über meine Familie hinaus, für die Menschen, die weit weg sind oder noch nicht da“. Und: Nichts dazuzulernen, das sei die größte Sünde.

Erstaunlicherweise, so Hirschhausen, könne einen „die Beschäftigung mit den sogenannten Todsünden helfen, Klarheit zu gewinnen“. So kann dies eine Hilfe zum Leben sein, eine Anleitung zum Glücklichwerden. Wobei solche Maximen ganz schön anstrengend sein könnten, so Hirschhausen, zumal heutzutage nicht mehr ganz klar sei, wer sagt, was wichtig und richtig und was falsch ist, wo die Grenzen unseres Handelns sind. So das Fazit der 45-minütigen Dokumentation (Produktion: Gruppe 5).

06.06.2021 – Martin Thull/MK

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