Daniel Sich/Stephan Koester: Paulus – Gefährliche Mission. Petra Gerster auf den Spuren des Apostels (ZDF)

Theologie und Abenteuer

06.06.2017 •

Es hätte seinen Reiz gehabt, im derzeit anlässlich des Jubiläums ‘500 Jahre Reformation’ gefeierten Lutherjahr dem Autor des Briefs an die Gemeinde in Rom, des „Römerbriefs“, auf diese ganz besondere Spur zu kommen. Schließlich löste dieses Schriftstück des Völkerapostels Paulus später bei dem Reformator so etwas wie ein „Damaskuserlebnis“ aus. Hatte Luther doch hier eine Antwort auf seine Frage nach dem gnädigen Gott gefunden. Dieses Stück Literatur unter den Paulusbriefen im Neuen Testament gilt als theologisches Vermächtnis des Apostels, der als Gründer der weltumspannenden katholischen Kirche verstanden wird. Für Martin Luther barg der Brief die entscheidende Erkenntnis, dass der Gerechte aus dem Glauben lebt; er muss den Himmel nicht verdienen, denn jedem, der seine Sünden bereut, steht der Himmel offen.

Petra Gerster, die beim ZDF normalerweise die „Heute“-Nachrichten moderiert, hat sich für die Dokumentation „Paulus – Gefährliche Mission“ auf die Spuren des Apostels begeben. Luther wird dabei zwar erwähnt, auch seine Befassung mit dem Römerbrief, aber dies wird eher am Rande gestreift. Luther dient noch an anderer Stelle als eine Art Referenzgröße: So wie es dessen Reformation ohne den Buchdruck und die Möglichkeit der schnellen Vervielfältigung von Thesen und Gedanken nicht gegeben hätte, so auch nicht die schnelle Ausbreitung des Christentums ohne die Kommunikationsmöglichkeiten, die Paulus extensiv nutzte, vor allem in seinen Briefen. In zwanzig Jahren sei er rund 16.000 Kilometer durch die damals bekannte Welt gereist, habe dreimal Schiffbruch erlitten, sei verschiedenen Mordanschlägen entgangen und mehrfach in Kerkerhaft genommen worden, so erfahren wir in dem Film. Ein Leben wie ein Abenteuerroman.

Doch die Information ist sachlich, selbst die Spielszenen sind eher zurückhaltend kühl gestaltet, obwohl etwa Schiffbruch, Kerker oder Verfolgung ausreichend Stoff für spektakuläre Bilder geboten hätten. Herausgearbeitet wird, wie sich von Jerusalem aus das Christentum dank des Einsatzes von Paulus ausbreitet, wie der Apostel die Konfrontation mit dem traditionellen Götterkult der Griechen nicht scheut, auch, wie er auf dem Areopag in Athen mit seinen Vorstellungen und Missionsversuchen scheitert. Paulus war, so wird vermittelt, ein Mann der Schrift, der Jesus nicht persönlich begegnet war, sich aber von dessen Zeitgenossen über dessen Lehre hat berichten lassen. Und er war der Vertreter der ‘liberalen’ Fraktion, der die sogenannten Heidenchristen in die christliche Urgemeinde zunächst in Jerusalem, später auch anderenorts aufnehmen wollte. Dem standen die anderen gegenüber, die nur beschnittene Juden aufnehmen wollten. Das Apostelkonzil im Jahr 48 in Jerusalem fand dazu einen Kompromiss.

Paulus war und blieb der Außenseiter. Doch der Erfolg gab ihm Recht. Und der Film (Buch: Daniel Sich, Regie: Daniel Sich/Stephan Koester) versucht auch, das geläufige Bild von Paulus, der den Frauen geraten hatte, in der Gemeinde zu schweigen, zu widerlegen. Schließlich habe er in Kabala auf dem europäischen Festland eine Frau getauft – die erste Christin Europas. Ihm seien Frauen in Führungspositionen nicht fremd gewesen, möglicherweise habe er sogar Christinnen in der Leitung einzelner Gemeinden installiert. Offen bleibt in der Dokumentation, auch in den Aussagen der Wissenschaftler, wann und wo diese Tradition versandet ist. Petra Gersters Kommentar dazu verwies auf die bis heute von Männern dominierte römisch-katholische Kirche, die sich mit Frauen in Leitungsämtern schwer tut. Denn das Neue und wohl damals auch Attraktive an der Botschaft von Paulus war: Er hat „Freiheit und Gleichheit aller Menschen vor Gott in Jesus Christus“ in der Welt verankert.

Zweimal gibt Gerster den Hinweis auf Paulus’ sogenanntes ‘Hohelied der Liebe’: Im 1. Korintherbrief, Kapitel 13, heißt der später besonders bei Brautleuten beliebte Vers: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Paulus – Poet und Missionar, irgendwie auch Abenteurer und ganz sicher Theologe. Ob Jesus je eine Kirche hat gründen wollen, wir wissen es nicht. Aber Paulus wollte Strukturen, vor allem einen theologischen Überbau schaffen. Wohl zu Recht gilt er als der Gründervater der katholischen Kirche.

Die am Pfingstmontag zu sehende 45-minütige Dokumentation lebt vor allem von aus dem Off gesprochenen Texten, die illustriert werden mittels aufwendiger Spielszenen, durch die Statements der Wissenschaftler und die Präsentation von Petra Gerster. Das ist fundiert und nachvollziehbar, konventionell durch und durch. Und informativ.

06.06.2017 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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