Andreas Brune/Sven Frauenhoff/Franco Tozza/Christian Paschmann: Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei. Krimi- und Actionserie, 25. Staffel, 10 Folgen (RTL)

Eine neue Generation

21.09.2020 •

Hartnäckig hält sich die Fama, mit „Deutschland 83“, ursprünglich für RTL produziert (vgl. diesen MK-Artikel und diese MK-Kritik), sei erstmals eine deutsche Serie in die USA verkauft worden. Gründlich falsch, denn schon Edgar Reitz’ „Heimat“ und Wolfgang Petersens Serienfassung von „Das Boot“ fanden ein US-amerikanisches Publikum. Auch eine RTL-Serie ganz anderer Machart gehört in diese Kategorie: Der spanischsprachige US-Abonnementkanal V-me zeigt derzeit bereits die 20. Staffel von „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“ unter dem Titel „Alerta Cobra“, immer dienstags im Hauptabendprogramm und auf mehreren Wiederholungssendeplätzen.

In Deutschland sind die motorisierten Ordnungshüter derweil bei der 25. Staffel angekommen. Eine stolze Zahl und nicht der einzige Superlativ. Die Serie brachte es bis zur 24. Staffel auf zehn Pilotfilme und 346 reguläre Folgen und wird in zirka 120 Länder verkauft. Die Produktion kann für Stunts auf eine eigene Autobahn zugreifen; wohl nicht mehr zu zählen sind die Fahrzeuge, die im Lauf der 24 Produktionsjahre in krachenden Actionszenen zermalmt wurden. Aufwändige Stunts und Effektszenen sind das besondere Merkmal dieser deutschen Serie. Wiederholt wurden Stuntleute der Herstellerfirma Action Concept bei den internationalen „Taurus World Stunt Awards“ ausgezeichnet.

Man kann „Alarm für Cobra 11“ also als Erfolgsmodell bezeichnen. Umso erstaunlicher, dass mit der aktuellen Staffel neue Wege beschritten wurden. Für die personelle Konstante sorgt weiterhin Schauspieler Erdogan Atalay in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Semir Gerkhan. Atalay ist seit der ersten Staffel dabei und fungiert mittlerweile auch als „Creative Producer“. Ein weiteres bekanntes Gesicht ist Gizem Emre als Dana Gerkhan, Semirs Tochter, die als Polizeikommissarin vorwiegend im Innendienst arbeitet. An dieser Stelle verdient einmal Erwähnung, dass RTL schon früher als andere – erinnert sei hier an „Sinan Toprak ist der Unbestechliche“ nach einer Idee von Orkun Ertener (vgl. FK-Heft Nr. 10/01) – Serien mit türkischstämmigen Hauptfiguren produzieren ließ.

In der zweiten Hauptrolle neben Erdogan Atalay ereignen sich, fast schon ein Running-Gag, häufige Wechsel. Es kamen und gingen unter anderem die Schauspieler Johannes Brandrup, Mark Keller, Gedeon Burkhard, Tom Beck und René Steinke. Bisher also allesamt Männer. Das ändert sich jetzt mit der aktuellen Staffel: Neue Partnerin an Gerkhans Seite wurde Kriminalkommissarin Vicky Reisinger, gespielt von Pia Stutzenstein. Die 31-jährige Stutzenstein ist indes keineswegs die erste Frau im „Cobra“-Erzähluniversum. 2003 wurde die erste Staffel des Serienableger „Alarm für Cobra 11 – Einsatz für Team 2“ bei RTL gezeigt (2005 gab es eine zweite Staffel). Dort bewies Julia Stinshoff in der Hauptrolle der Hauptkommissarin Susanna von Landitz, dass Frauen bei Autoartistik und Prügelakrobatik durchaus mithalten können.

Ein Vergleich der jeweiligen Auftaktepisoden ist recht aufschlussreich. Die weltläufige Hauptkommissarin Landitz musste sich von ihrem raubeinigen Partner Frank Traber (Hendrik Duryn) noch plumpe Machosprüche anhören und sich vor männlichen Augen erst einmal beweisen. 2020 ist die Geschlechterzugehörigkeit kein Thema mehr. Frotzeleien gibt es hier wie dort. Bei Vicky Reisinger und Semir Gerkhan gelten sie aber vor allem der Altersfrage und Gerkhans überfürsorglichem Blick auf seine Tochter. Dana Gerkhan und Vicky trennen nur wenige Jahre – die nächste Generation hat die Startlöcher verlassen.

Ebenfalls augenfällig sind die dramaturgischen Unterschiede. „Einsatz für Team 2“ folgte konsequent einer ‚Jahrmarktsdramaturgie’, einer Art Stationenmodell. Abgelöst von der Handlung oder nur vage zusammenhängend werden dabei in schnellem Takt Reize gesetzt, in diesem Fall zirzensische Attraktionen, unterbrochen von nur kurzen Verschnaufpausen. Ein Vergleich: In Brian De Palmas Kinofilm „Mission: Possible“ von 1996 bildete ein Hubschrauberabsturz die Klimax der finalen Actionsequenz. In „Einsatz für Team 2“ war solch eine Szene eine von vielen vergleichbaren Ranges, die über die gesamten 90 Minuten Spielzeit der Pilotfolge verteilt wurden. Wenn denn der undurchdachte, aber beliebte Spruch „Das Fernsehen ist das neue Kino“ jemals angebracht war, dann hier.

Ganz anders nun aber die neuen Folgen von „Alarm für Cobra 11“, die von einer getrageneren Version der bekannten Titelmelodie eingeleitet werden. Das Team um die Headwriter Andreas Brune und Sven Frauenhoff und das Regie-Duo Franco Tozza und Christian Paschmann verzichtet nun bemerkenswerterweise weitgehend auf jene Sensationen, die doch ursprünglich zur Marke „Cobra 11“ gehörten. Die Figuren und ihre Vorgeschichten rücken in den Vordergrund, die Inhalte gewinnen an Relevanz.

Semir Gerkhan war fast ein Jahr lang in der Türkei, um die Freilassung seiner wegen eines angeblichen Drogendelikts inhaftierten Mutter (Özay Fecht) zu erreichen. Im Kollegenkreis gibt er an, der Weg durch die Instanzen habe Monate in Anspruch genommen. Tatsächlich hatte er, wie zunächst nur durch kurze Rückblenden kenntlich wird, auf eigene Faust den wahren Täter gesucht – und erschossen. Der Sohn dieses Mannes wurde Zeuge und will sich an Semir Gerkhan rächen – ein Erzählstrang, der sich horizontal durch die Episoden zieht, die zusätzlich jeweils eine abgeschlossene Handlung aufweisen.

Die Hintergrundgeschichte von Vicky Reisinger könnte aktueller kaum sein. Die junge Frau ist von der Dortmunder Kriminaldirektion zur Autobahnpolizei gekommen, hatte dort einer Gruppe von Polizisten mit rassistischer Einstellung angehört. Ihre Haltung hat sich gewandelt, aber die Vergangenheit wirkt nach. Semir Gerkhan weiß das. Reisinger muss sich sein Vertrauen erst verdienen.

„Alarm für Cobra 11“ war schon früher weniger eindimensional, als das schnelle Urteil es will. Es gab konsekutive Handlungselemente, Genrevariationen und -parodien, beispielsweise im Westernstil, nach Art des Mafiafilms oder im Jahr 2010 eine Hommage an John Carpenters Klassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“. Neun Jahre später kam man in der „Tatort“-Redaktion des Hessischen Rundfunks (HR) auf dieselbe Idee (vgl. MK-Kritik), um sie dann ziemlich zu verhunzen. Mit dieser neuen, nur sechs und damit weniger Folgen als früher umfassenden Staffel aber beginnt bei „Alarm für Cobra 11“ eine andere Ära. Natürlich wäre es wenig zeitgemäß, mit Chemie vollgestopfte Elektro- und Hybridautos in Massenkarambolagen zu Bruch zu fahren, wie man es in den Anfangstagen mit ausgemusterten Gebrauchtwagen tat. Dennoch ein mutiger Schritt seitens der Produktionsfirma und des Senders. Man darf gespannt sein, ob er sich auszahlt.

Zum Staffelstart am 20. August zeigte RTL die ersten beiden Episoden direkt nacheinander. Die Auftaktfolge (20.15 bis 21.15 Uhr) hatte 2,17 Mio Zuschauer beim Gesamtpublikum (Marktanteil: 8,8 Prozent), die zweite Episode (21.15 bis 22.15 Uhr) sahen 2,05 Mio Zuschauer (Marktanteil: 8,4 Prozent). Seit dem 27. August läuft nun donnerstags um 20.15 Uhr jeweils eine weitere der insgesamt zehn neuen Folgen (außer am 3. September). Die dritte Folge am 27. August hatte 2,14 Mio Zuschauer (Marktanteil: 7,9 Prozent).

21.09.2020 – Harald Keller/MK

Diese Serie ist seit vielen Jahren ein Erfolgsmodell für RTL: Inzwischen sind die motorisierten Ordnungshüter bei der 25. Staffel angekommen

Foto: Screenshot


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