Wie ein Eisbär auf der schmelzenden Scholle: Michael Stegemann gibt im „WDR 3 Klassik Forum“ seinen Abschied als Moderator der Sendung bekannt

14.03.2021 •

Der Westdeutsche Rundfunk in Köln steht derzeit unter anderem wegen Hörfunkreformen in der Kritik. Speziell betroffen ist das Kulturprogramm WDR 3. Am 2. März hatte Kalle Burmester während der laufenden Sendung des „WDR 3 Klassik Forums“ bekannt gegeben, dass er sich als Moderator der Sendung zurückziehe, weil sein „Verständnis von Kultur und dem Kulturauftrag ein anderes“ sei als das von WDR 3. Am 13. März (Samstag) verkündete nun auch Moderator Michael Stegemann in der laufenden Sendung seinen Rückzug als Moderator des „Klassik Forums“. Grund seien die bevorstehenden Umstrukturierungen, es falle ihm schwer, sich den „neuen Axiomen anzupassen und zu unterwerfen“. Michael Stegemann, geboren 1956 in Osnabrück, moderiert das „Klassik Forum“ seit 1987. Er ist einer der renommiertesten Klassikradio-Moderatoren Deutschlands. Stegemann ist auch Komponist, Hörspielautor sowie Autor von Büchern unter anderem über Antonio Vivaldi, Maurice Ravel und Franz Schubert. Von der Universität Dortmund wurde Stegemann 2002 auf den Lehrstuhl für Musikwissenschaft berufen, mit den Schwerpunkten Musikgeschichte und Interpretationsforschung. Die MK dokumentiert im Folgenden in drei Passagen, wie sich Michael Stegemann in der „Klassik-Forum“-Sendung vom 13. März (9.05 bis 12.00 Uhr) als Moderator verabschiedete. • MK 

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«Christoph Prégardien und Andreas Staier am Hammerflügel mit dem Schubert-Lied „Der Wanderer an den Mond“, Deutsch-Verzeichnis 870, hier im „Klassik Forum“ auf WDR 3. In jener Sendung, die im Jahr 1986 im Herbst mit zwei großen Klausuren in Gummersbach und Münster begann. Der Musikredakteur Wilhelm Matejka hatte die Idee gehabt und hatte rund 30 junge und ältere erfahrene Stimmen eingeladen, an diesem Projekt mitzuwirken, das dann Anfang 1987 auf Sendung ging. Und im April 1987 habe ich mit Wilhelm Matejka und Joachim Kretschmar als Redakteuren mein erstes „Klassik Forum“ moderieren dürfen.

Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass mich das „Klassik Forum“, von heute aus gesehen, mehr als die Hälfte meines Lebens begleiten würde. Und ich war wohl nicht der Einzige. Es gab ganz viele kritische Stimmen für dieses so besondere Format, eine Sendung von drei Stunden ohne stündliche Nachrichtenunterbrechung, mit Symphonien, Konzerten und Kammermusikwerken in ganzer Länge – dass das sich bewähren sollte? Es hat sich bewährt! Das „Klassik Forum“ gibt es immer noch, so, wie es geplant war, und es hat in Spitzenzeiten mehr als 300.000 Hörer aus nicht nur dem Sendegebiet des WDR, sondern aus ganz Deutschland und sogar Europa und darüber hinaus – ein kleines Wunder.

Ich moderiere das „Klassik Forum“ jetzt seit 34 Jahren und da gibt es natürlich viele Konstanten. Eine von ihnen ist die Musik von Antonio Vivaldi, die schon in meinen ersten Sendungen eine Rolle spielte. Er war für mich, nachdem ich die Rowohlt-Monografie über Vivaldi geschrieben hatte, eine Welt, deren Entdeckungen bis heute nicht aufgehört haben. Immer wieder kamen neue Werke zum Vorschein, die man bis dahin nicht kannte, zum Beispiel seit etwa 2000 in der großen Reihe der Vivaldi-Edition. Und deswegen hab ich mir gedacht, auch heute muss und soll ein Konzert von Vivaldi dabei sein, eine der jüngeren Aufnahmen dieser Vivaldi-Edition, das Concerto in E-Moll für Violine, Streicher und Basso Continuo, im Ryom-Verzeichnis die Nummer 330. Solist ist Fabio Biondi, zusammen mit seinem Ensemble Europa Galante.»

[…]

«Das „Klassik Forum“ auf WDR 3 – heute meine letzte Sendung. Warum, meine Damen und Herren? Sie kennen sicher das geradezu ikonische Bild zum Klimawandel: ein Eisbär auf einer schwankenden, dahinschmelzenden Eisscholle. Und ein kleines bisschen so fühle ich mich auch. Ich habe das Gefühl, dass auch meine Eisscholle, mein Habitat als Autor und Moderator, wenn sie so wollen, dahinschmilzt oder sich doch so sehr verändert, dass ich mit ihm nicht mehr Schritt halten kann. Das „Klassik Forum“ erlebt seit einiger Zeit eine Umstrukturierung will ich nicht sagen, aber eine notwendige und sicher naheliegende Weiterentwicklung. Es geht darum, neue Hörerschichten zu erreichen, gerne sollen es auch jüngere Hörer sein, das Ganze soll lebendiger, moderner und vor allem emotionaler moderiert werden, vielleicht auch kürzer, vielleicht verständlicher und weniger abgehoben. Das hat sich für mich durchaus als eine Möglichkeit herausgestellt, aber ich hab damit unglaubliche Schwierigkeiten, es ist vielleicht einfach zu lange, dass ich diese Sendung mache, und deswegen fällt es mir einfach schwer, mich diesen neuen Axiomen anzupassen und zu unterwerfen.

Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters, in zwei Wochen werde ich 65. Und Sie kennen ja das Sprichwort, meine Damen und Herren: „Einem alten Hund kann man keine neuen Tricks beibringen.“ Und das gilt eben auch für alte Eisbären. Und deswegen, denke ich, ist es ein guter Moment, an dieser Stelle zu sagen: Es waren wunderbare Jahre, aber ich würde mich dann heute mit dieser Sendung verabschieden wollen.

Dass ich noch einmal die Gelegenheit habe, Lieblingsstücke – in Anführungsstrichen – zu senden und vorzustellen, freut mich natürlich ganz besonders. Und eines durfte auf keinen Fall fehlen, nämlich Mozarts „Don Giovanni“, mein absolutes Einsame-Insel-Werk. Und das vor allem in einer Aufnahme, die 1955 entstanden ist, in Wien, in dem sogenannten „Neuen Wiener Mozart -Stil“, der damals von Josef Krips initiiert worden ist. Mozarts „Don Giovanni“, das Finale des zweiten Aktes mit Cesare Siepi als Don Giovanni, Fernando Corena als Leporello und Kurt Böhme als Komtur, Lisa della Casa als Donna Elvira sowie dem Chor der Wiener Staatsoper und den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Josef Krips.»

[…]

«„Plaisir d’Amour“ von Johann Paul Aegidius Martini in der Salonorchester-Bearbeitung ihres Moderators Michael Stegemann. Und so schließt sich der Kreis, meine Damen und Herren, für mich nach 34 Jahren. Ich bedanke mich bei Ihnen ganz herzlich, dass Sie mich heute auf dieser Reise begleitet haben, vielleicht auch nicht nur heute, sondern in den letzten Jahren oder sogar Jahrzehnten. Als ich im April 1987 mein erstes „Klassik Forum“ moderiert habe, war ich der Jüngste in der Truppe der Moderatorinnen und Moderatoren. Heute bin ich der Älteste und darf mich mit dieser Sendung von Ihnen verabschieden.

Es war mir eine riesige Freude, so lange Jahre meine Begeisterung und meine Leidenschaft für Musik mit Ihnen teilen zu dürfen, vor allem natürlich auch immer wieder für die französische Musik. Ich hoffe, dass ich Ihnen damit viele neue Stücke und neue Eindrücke vermitteln konnte. Und einen ganz ausdrücklichen Dank für Ihr so langes und treues Interesse! Machen Sie’s gut. Alles Gute wünsche ich Ihnen, wünsche ich dem „Klassik Forum“, wünsche ich WDR 3. Und mit den Worten von Domenico Scarlatti am Ende seines Vorworts in den „Essercizi per Gravicembalo“: „Vivi felice.“»

14.03.2021 – MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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