So autoritär wie bedrohlich

Der WDR, sein Kulturradio und der öffentlich-rechtliche Auftrag

Von René Martens
14.02.2021 •

Die Berichterstattung über öffentlich-rechtlichen Hörfunk ist von einer Asymmetrie geprägt. Was die Sender im Alltag produzieren, steht selten im Blickpunkt; die Aufmerksamkeit ist aber enorm, wenn angekündigt wird, dass Sendungen oder Formate abgeschafft, gekürzt oder auf weniger gute Programmplätze verschoben werden. Diese gesteigerte Aufmerksamkeit hat allerdings ihren guten Grund, weil solche Veränderungen in der Regel etwas aussagen über das Selbstverständnis der Sender und das Ausmaß ihrer Bereitschaft, den öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen.

So verhält es sich auch mit der angekündigten Abschaffung der werktäglichen Literaturrezensionen in der Sendung „WDR 3 Mosaik“, dem Morgenmagazin der WDR-Kulturwelle. Am 22. Januar erreichte diese Information einen Teil der Medien­öffentlichkeit, als von dem Wegfall der Rezensionen betroffene Schriftsteller und Literaturkritiker eine Protest-Petition veröffentlichten. Gerichtet war sie an Tom Buhrow, den Intendanten des WDR, an Valerie Weber, Programmdirektorin NRW, Wissen und Kultur (WDR-Jargon: NWK-Direktorin) und zuständig für die sechs Hörfunkwellen des Senders, sowie an Matthias Kremin, den Wellenchef von WDR 3. Intern bekannt gemacht hatte die umstrittenen Änderungen nach MK-Informationen Christiane Ehrhardt, die Chefin vom Dienst von WDR 3, auf einer Sitzung am 13. Januar.

Protest-Petition von Schriftstellern und Literaturkritikern

„Es werden im Jahr um die 250 Bücher weniger besprochen. Viele Verlage werden mit ihren Büchern im ‘Kulturradio’ WDR 3 gar nicht mehr vorkommen“, schreiben die Unterzeichner der Petition. Sie konstatieren außerdem „die Einschränkung einer demokratischen Öffentlichkeit auf dem Feld der Kultur“. Denn: „Es werden weniger Bücher Aufmerksamkeit bekommen, es werden weniger Perspektiven auf sie sichtbar werden.“

Der Protest der Autoren gegen die Einstellung ist möglicherweise auch deshalb relativ laut, weil renommierte WDR-3-Literaturformate bereits früheren Wellenreformen zum Opfer gefallen waren – etwa „Am Abend vorgestellt“ und „Meinungen über Bücher“. Die einstündige Literatursendung „Zeichen und Wunder“ wurde 2018 eher en passant eingestellt.

In einem Interview mit WDR-3-Wellenchef Matthias Kremin, das der WDR am 26. Januar im Pressebereich seiner Website veröffentlichte, sagte der Senderhierarch: „Wir wollen Literatur in WDR 3 zeitgemäß vermitteln – immer mit der Perspektive, das Publikum noch besser als bisher mit Rezensionen und kritischen Debatten auch im non-linearen Bereich zu erreichen und noch mehr Menschen für Literatur zu begeistern.“ An die Autoren der Petition schrieb Kremin: „Da wir die Welle als Gesamtstrecke betrachten, bedeutet dies nicht, dass die Literatur grundsätzlich einen geringeren Umfang aufweisen wird.“

Wir machen jetzt noch mehr und werden noch besser – es ist in Mode gekommen, dass die Führungskräfte von Medienunternehmen derart auf die Kritik an Abschaffungen, Kürzungen oder Umstrukturierungen reagieren. Abgesehen davon ist die maximale Vagheit von Kremins Äußerungen vielsagend. Wenn ihm an den auf die Barrikaden gegangenen freien Mitarbeitern tatsächlich etwas läge, hätte er ihnen konkret etwas angeboten.

Die WDR-Art, zu antworten: Schaun mer mal

Zum in derlei Debatten oft auftauchenden Schlagwort „zeitgemäß“ sagte Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe in der „Süddeutschen Zeitung“ (Aus­gabe vom 30./31. Januar 2021, S. 19): „Die Auseinandersetzung mit Büchern wird weder besser noch lesenswerter oder günstiger, wenn sie – vermeintlich – ‘zeit­gemäßer’ wird, sich in neuen Formaten auflöst und in sich ähnelnden Porträts und Interviews mündet.“ Landgrebe antwortete dies im Rahmen einer Umfrage, die die Zeitung anlässlich der bevorstehenden Abschaffung der regelmäßigen Rezensionen bei „WDR 3 Mosaik“ gemacht hatte. Insgesamt äußerten sich in diesem Rahmen die Spitzenvertreter von elf Verlagen, darunter Rowohlt, Wagenbach, Kiepenheuer & Witsch, der Carl-Hanser-Verlag und der Aufbau-Verlag.

Mit einer Formulierung im vom WDR selbst publizierten Interview trug Matthias Kremin noch zu einer Verschlechterung des WDR-Binnenklimas bei. Eine Mail, die an die freien Rezensenten gegangen war, bezeichnete er als „unabgestimmt“. Das klang so autoritär wie bedrohlich. Tenor: Informiert noch einmal jemand Autoren über einschneidende Entwicklungen, die diese direkt betreffen, ohne sich mit dem Wellenchef abzustimmen, gibt es Ärger.

Von den Veränderungen bei „Mosaik“ ist ein auch ein Pool von acht bis zehn freien Autoren betroffen, die dort bisher den täglichen Kulturkommentar sprachen („Zwischenruf“). Mindestens ebenso gravierend wie die Abschaffung der werktäglichen Buchrezension am frühen Morgen ist der Wegfall des „Samstags­gesprächs“ im „Mosaik“-Magazin („WDR 3 Gespräch am Samstag“). Zwischen 8.00 und 9.00 Uhr sind hier bisher 30 bis 40 Minuten lange Gespräche mit Personen aus dem Kulturbetrieb zu hören. Unter anderem der Schriftsteller Martin Mosebach und der Filmregisseur David Schalko waren hier zuletzt Gesprächspartner, auch Ökonomen, Kunstsammler, Soziologen kommen zu Wort. Das „Samstagsgespräch“ ist – auch wenn die Interviews naturgemäß von unterschiedlicher Qualität sind – gewissermaßen das „Mosaik“-Kronjuwel. Die Sendung steht unter dem Motto „Horizont erweitern“. Aber Horizonterweiterungen sind halt nicht jedermanns Sache, zumindest scheint das auf die eine oder andere Führungskraft beim WDR zuzutreffen.

Auf MK-Anfrage, ob schon feststehe, wie das wegfallende „Samstagsgespräch“ ersetzt werde, antwortete die WDR-Pressestelle am 5. Februar: „Hier wird zur Zeit geprüft, ob der Sendeplatz für diese Art von Interviews optimal platziert ist, oder ob Interviewformate an anderer Stelle mehr Raum bekommen.“ Dass ein Sender einen zentralen Baustein aus einem Programm herausbricht und auf Nachfragen dazu sinngemäß „Schaun mer mal“ antwortet, ist etwas irritierend.

Entmachtung der Fachredakteure

Im Jahr 2012, anlässlich einer der vielen vorangegangen Reformen bei WDR 3, konstatierte der Philosoph und Publizist Richard David Precht in Köln in einem „öffentlichen Arbeitsgespräch über ein kommendes Kulturradio“, es sei beim WDR ein „Entflechten von Kompetenzen“ zu beobachten – eine Entwicklung, die letztlich dazu führe, „dass Hierarchien stärker durchdesignt werden“. Unter der Überschrift „So einen WDR möchte ich nicht“ war Prechts Vortrag in Heft Nr. 18/2012 der „Funkkorrespondenz“ (heute „Medienkorrespondenz“) abgedruckt worden.

Der Prozess, den Precht hier bildhaft beschrieb, ging und geht weiter. Die zentralen Elemente sind die weitestmögliche Abschaffung des Mittelbaus und die Entmachtung der Fachredakteure. Die Entwicklung bei „Mosaik“ ist ein Beispiel dafür: Die alte Redaktion (mit dreieinhalb Stellen) wurde zum 1. April 2020 aufgelöst, die abservierten Fachredakteure haben nun andere Aufgaben bei WDR 3. Seitdem gibt es eine Struktur mit drei Chefs vom Dienst (CvDs) und rund einem Dutzend freien Producern, die jeweils nur wenige Tage pro Monat im Einsatz sind. Das Trio ist wiederum Christiane Ehrhardt unterstellt, also der Chefin vom Dienst der Gesamtwelle, über ihr steht Wellenchef Kremin.

Die CvDs, die im Zuge der Strukturreform zu „Mosaik“ stießen, brachten unterschiedliche Qualifikationen mit, waren bis dato aber nicht durch eine Affinität zum Kulturjournalismus aufgefallen. Mit ihnen und den Producern, die sich aufgrund der wenigen Einsätze im Monat kaum mit WDR 3 identifizieren, ist ein aufgeblähter Personalapparat entstanden, der in erster Linie dazu dient, den Einfluss von Fachredakteuren so gering wie möglich zu halten. Der Umbau bei „Mosaik“ war somit eine der vielen Maßnahmen der den WDR prägenden permanenten Kulturrevolution von oben. Im Ergebnis wird die wichtigste Sendung im Kulturradio des WDR – die Primetime-Sendung nach Hörfunkmaßstäben – nun nicht mehr von Kulturredakteuren gemacht.

Ein Generalverdacht gegen alles, was komplex ist

In einem Interview zu den Veränderungen bei „Mosaik“, das Matthias Kremin dem Berliner „Tagesspiegel“ gegeben hat und online am 27. Januar erschienen ist, sagte der WDR-Hierarch: „Die Redaktion hat gewechselt und bei dieser Gelegenheit haben wir uns gefragt, an welcher Stelle Veränderung Sinn macht.“ Das ist nicht ganz falsch, führt aber in die Irre. Tatsächlich hat der WDR die „Mosaik“-Redaktion ausgetauscht, um die aktuellen Veränderungen, gegen die sich das alte Team sehr wahrscheinlich zur Wehr gesetzt hätte, überhaupt herbeiführen zu können. Die Strukturreform war der entscheidende Kniff. Das war zum damaligen Zeitpunkt vielen Beobachtern aber gar nicht klar.

Kremin hatte das Amt des Wellenchefs bei WDR 3 am 1. Januar 2020 übernommen. Drei Monate später ging die Strukturreform über die Bühne. Außerhalb des Senders blieb der Umbau damals weitgehend unbemerkt – vermutlich weil sich, anders als jetzt, am „Mosaik“-Programm auf den ersten Blick nichts änderte. Rund ein Jahr nachdem Matthias Kremin seinen Posten als Wellenchef bei WDR 3 angetreten hat, betraut ihn der Sender jetzt auch noch mit der Leitung von WDR 5. Das wurde am 3. Februar bei einem senderinternen Jour Fixe bekannt. Kremin ist darüber hinaus stellvertretender Leiter des crossmedialen Programmbereichs Kultur (Fernsehen, Radio, Internet). Unter Arbeitsmangel dürfte er also nicht leiden.

Eine ähnliche Machtkonzentration gibt es beim WDR bereits: Seit 2015 ist Jochen Rausch Leiter des Bereichs Breitenprogramme, in dem die Hörfunk­wellen 1Live, WDR 2 und WDR 4 zusammengefasst sind, zudem ist er Programmchef von WDR 2 und WDR 4 – und stellvertretender Hörfunkdirektor ist er auch noch. Solche Konstellationen erleichtern das Durchregieren. Langjährige Beobachter des WDR-Innenlebens haben den Eindruck, dass der Sender eher wie ein Familienbetrieb geführt wird als wie eine öffentlich-rechtliche Anstalt.

Wie wird sich all das nun konkret auswirken auf die Entwicklung von WDR 3? Die Verlegerin Susanne Schüssler (Wagenbach) sagt in der bereits zitierten Umfrage der „Süddeutschen Zeitung“: „Literaturkritik ist Gesellschaftskritik, und wir brauchen Sendungen, die uns das Komplexe, Schwierige, Neue, Andere zeigen, das in Büchern verhandelt wird.“ Das scheint genau das zu sein, was Matthias Kremin und Hörfunkdirektorin Valerie Weber nicht vorschwebt. Mitarbeiter sagen, beide hätten einen „Generalverdacht gegen alles, was in irgendeiner Form komplex ist“. Kremin und Weber erwecken eher den Eindruck, dass sie Wechsel­hörern, die bei WDR 3 gelandet sind, etwas Bekömmliches bieten möchten – auf dass diese nicht gleich wieder umschalten. Dass dem bildungsbürgerlichen, kulturinteressierten Stamm­publikum derlei Wohlfühlradio nicht behagt, spielt keine Rolle.

Zu befürchten ist eine weitere Entintellektualisierung des Programms. Vorbild für die Anmutung, die für WDR 3 gewünscht wird, scheint der Privatsender Antenne Bayern zu sein, wo WDR-Direktorin Weber bis 2014 als Geschäftsführerin wirkte – und das vom Bayerischen Rundfunk veranstaltete Programm BR-Klassik, wo Moderatoren schon mal sinngemäß Sätze sagen wie: „Den Espresso heute Morgen habe ich ganz anders getrunken, als ich Mozart gehört habe.“

Wie eine Karnevalssendung bei Arte

So entsteht der Eindruck, dass der WDR gerade mit aller Gewalt versucht, seine Kulturwelle WDR 3 zu einem Programm umzumodeln, das tendenziell jedem gefallen soll, aber bloß nicht der kulturinteressierten Kulturradio-Zielgruppe. Das Grundmissverständnis scheint zu sein, dass die Senderspitze nicht begreifen möchte, dass es sich bei WDR 3 um eine Special-Interest-Welle handelt, an die man nicht dieselben Maßstäbe anlegen kann wie an ein Breitenprogramm.

Als eine Art Höhepunkt der aktuellen Strategie kann wohl die derzeit massiv beworbene Aktion „3x33. Ihre Klassik-Hitparade“ gelten. Noch bis Ende Februar können die Hörerinnen und Hörer von WDR 3 „ihr klassisches Lieblingsstück nennen“, heißt es in einer am 30. Januar veröffentlichten Pressemitteilung des WDR, der in diesem Zusammenhang von der „größten Klassik-Hitparade in Nordrhein-Westfalen“ spricht. Vom 3. bis 5. März laufen in der Zeit zwischen 6.00 und 18.00 Uhr dann jeweils 33 der am meisten gewählten Stücke.

Dass es Zielgruppen gibt, bei denen solche Mitmachaktionen gut ankommen, steht außer Frage. Das WDR-3-Publikum gehörte bisher aber nicht dazu, die Resonanz auf Verlosungen zum Beispiel ist erfahrungsgemäß verschwindend gering. Die „größte Klassik-Hitparade in Nordrhein-Westfalen“ bei WDR 3 – das ist ungefähr so, als würde Arte eine Karnevalssendung übertragen. Aber beim WDR ist halt sehr viel möglich.

14.02.2021/MK

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Immerhin: Noch weist WDR 3 unter der hier abgebildeten Grafik auf seiner Website ausdrücklich auf die Buchbesprechungen in der Sendung „Mosaik“ hin

Abb.: Screenshot


Print-Ausgabe 19-20/2021

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