Ein Problem mit den Freunden

Zur umstrittenen Programmreform des WDR bei Funkhaus Europa

Von René Martens

Wie erwartet hat der Rundfunkrat des WDR am 7. März den Plänen für die Reform des Radioprogramms Funkhaus Europa zugestimmt, die am 1. Juli wirksam werden soll. Der Programmausschuss des Rundfunkrats hatte bereits am 25. Februar entsprechend entschieden. Funkhaus Europa ist ein internationales und interkulturelles Hörfunkprogramm, das sich durch muttersprachliche Angebote und Spezialsendungen über Musik aus aller Welt auszeichnet. Kooperationspartner des WDR sind dabei Radio Bremen und der RBB, die Beiträge zuliefern. Der NDR übernimmt Teile des Programms. Die Zulieferungs- und Kooperationsverträge mit den genannten Partnern laufen zum 1. April dieses Jahres aus.

Die Planungen des WDR – für die der Sender auch Spargründe anführt, weil etwa im Vergleich mit 2014 in diesem Jahr 905.000 Euro weniger zur Verfügung stünden – hatten vorab Protest ausgelöst. 26.000 Menschen (Stand bei Redaktionsschluss dieser MK-Ausgabe) haben bisher bei der Plattform change.org eine Petition unterschrieben, in der sich der Protest gegen die Abschaffung von moderierten, musikjournalistisch aufbereiteten Spezial-Sendungen artikuliert. Diese Pläne werden in der Petition unter dem Schlagwort „WDR kills the Radio DJ“ zusammengefasst.

Folge der beschlossenen Programmreform ist, dass die Musikredaktion von Funkhaus Europa nun 31 Stunden einbüßt, weil Autoren-Sendungen wie „Globalista“ und „Soulfood“ eingestellt werden, auch „World Wide“, präsentiert von der britischen DJ-Ikone Gilles Peterson, und die Show des Berliner Produzenten- und DJ-Kollektivs Jazzanova entfallen künftig. 13 Stunden kommen an anderer Stelle hinzu.

Unternehmensberaterjargon

In der Beschlussfassung des Rundfunkrats – die der Blog „WDR-Dschungelbuch“ (Untertitel: „Handbuch für Freie MitarbeiterInnen beim WDR“) – einen Tag nach der Entscheidung des Gremiums zugänglich machte, wird die „Leit-Idee eines jungen europäischen Kulturradios“ proklamiert. Der WDR preist in einer am 7. März verschickten Pressemitteilung, das „Herzstück der Reform“ von Funkhaus Europa sei „die Erweiterung des muttersprachlichen Angebots montags bis freitags um eine 30-Minuten-Sendung für Flüchtlinge aus dem arabischen Raum“. Bisher gibt es eine derartige Sendung nur am Sonntag.

Doch Herzstück hin oder her: Gleichzeitig wird das türkischsprachige Angebot „Köln Radyosu“ von wöchentlich acht auf zweieinhalb Stunden gekürzt – und das in einer Zeit, in der Medienangebote aus der Türkei wegen der dort fehlenden Pressefreiheit „überhaupt keine Alternative darstellen“, wie es in einer weiteren Petition bei change.org heißt. Thomas Reinke, der Programmchef von Funkhaus Europa, erläuterte am 3. März in einem im Intranet des WDR veröffentlichten und als „Faktencheck“ kategorisierten Beitrag, von den „knapper werdenden Ressourcen“ sei „vor allem unsere türkische Sendung“ betroffen, „die bisher – anders als die restlichen täglichen Formate – auch samstags und sonntags stattfindet. Das können wir uns schlicht nicht mehr leisten.“ Auch vier weitere muttersprachliche Sendungen werden gekürzt, jeweils um die Hälfte auf 30 Minuten: „Radio Colonia“ (Italienisch), „Programma Na Russkom Jasyske“ (Russisch), „Polski Magazin Radiowy“ (Polnisch) und „Radio Forum“ (Bosnisch, Serbisch, Kroatisch).

Die Beschlussfassung beim WDR ist stark geprägt von wolkigem Unternehmensberaterjargon: Mal ist von einer „kompakteren Aufstellung“ die Rede, mal davon, man wolle „nachhaltig Ressourcen einsparen“, mal werden „synergetische Gründe“ angeführt. Formal ändert sich am Programm von Funkhaus Europa, dass der WDR künftig für das komplette Tagesprogramm an den Werktagen zuständig sein wird, während Radio Bremen das Tagesprogramm an den Wochenenden übernimmt. Radio Bremen ist aber vor allem von einer inhaltlichen Änderung betroffen. Der Sender produzierte bisher exklusiv für Funkhaus Europa auf die spezifischen Bedürfnisse des Programms zugeschnittene Nachrichten. Künftig wird Funkhaus Europa das Nachrichtenformat einer anderen WDR-Hörfunkwelle übernehmen.

Kritik von Radio Bremen

Der Rundfunkrat von Radio Bremen fasste auf seiner Sitzung am 10. März einen „Beschluss“ zu den „Programmschema-Änderungen von Funkhaus Europa“ – und machte diesen via Pressemitteilung bekannt: „Wir bedauern, dass das wellenspezifische Nachrichtenformat für Funkhaus Europa, das bislang von Radio Bremen produziert wurde, eingestellt wird und diese Entscheidung des WDR im Laufe der Umstrukturierungsüberlegungen nicht mehr verhandelbar war.“ Das muss man, gemessen an den Sprachregelungen, die öffentlich-rechtliche Kontrollgremien pflegen, schon als harte Kritik auffassen.

Was die Reformen konkret für den Funkhaus-Europa-Programmabnehmer NDR bedeuten, ist noch unklar. „Der NDR wird, wie bisher, in seinem digitalen Radioprogramm NDR Info Spezial von montags bis freitags bestimmte Programmstrecken von Funkhaus Europa übernehmen. Nach den neuen konzeptionellen Überlegungen des WDR werden wir über unsere Absichten im April 2016 den Programmausschuss und im Mai den NDR-Rundfunkrat informieren. Danach geben wir die Details unserer Planungen öffentlich bekannt“, sagte am 14. März ein NDR-Sprecher auf MK-Anfrage.

In der Debatte um das Programm Funkhaus Europa geht es auch um Grundsätzliches. Christoph Twickel schrieb bei „Spiegel Online“ am 8. März, die Veränderungen des Musikprogramms seien ein erneutes Beispiel für den „Kampf der Kulturen [...], den die Senderchefs und Intendanten kämpfen. Weg mit den Nischen, weg mit allem, was anders klingt, noch unbekannt ist, aufregend sein könnte. Weg mit all dem, was die Hörer – die man sich in den Chefetagen der Öffentlich-Rechtlichen offensichtlich vorstellt wie Laborratten, die auf Chartsfutter konditioniert sind – irritieren könnte.“ Der „Spiegel-Online“-Mitarbeiter ist selbst Moderator des „Nachtclubs“ von NDR Info, einer der wenigen Autorensendungen, die im Programm des öffentlich-rechtlichen Hörfunks noch verblieben sind.

Öffentlich-rechtliches Selbstverständnis

Keine gute Figur gaben in der Debatte um Funkhaus Europa WDR-Intendant Tom Buhrow und seine Hörfunkdirektorin Valerie Weber ab. Weber sagte in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Ausgabe vom 25.2.16), die Kritiker der Reform verbreiteten in Teilen „absoluten Unsinn“, und in der Rundfunkratssitzung erklärte sie, in der Petition zum Musikprogramm würden Informationen „bar jeder Realität“ verbreitet. Das lässt sich natürlich leicht behaupten, wenn man der interessierten Öffentlichkeit die komplette Planung vorenthält. Denn dass der Rundfunkrat des WDR öffentlich tage, sei „nichts wert, solange die Vorlagen an den Rundfunkrat in der Schublade verschwinden und erst wieder daraus hervorgezogen werden, wenn sie beschlossen werden“, kritisierte das „WDR-Dschungelbuch“ am Tag nach der Rundfunkratsentscheidung.

Tom Buhrow fiel in der Rundfunkratssitzung vom 7. März, als über die Funkhaus-Europa-Reform entschieden wurde, unter anderem dadurch auf, dass er den Wunsch einiger Gremienmitglieder, das Thema noch weiter zu diskutieren, mit der Äußerung „Verschiebung bedeutet: Mehr Kampagne zur Verhinderung“ konterte. Solch ein Ausspruch sollte eigentlich unvereinbar sein mit dem Selbstverständnis des Intendanten eines öffentlich-rechtlichen Senders. Buhrow offenbart hier eine beinahe feudalistische Haltung. Man stelle sich vor, der Vorstandsvorsitzende eines Großkonzerns hätte den Aufsichtsräten seines Unternehmens nahegelegt, es sei nun genug diskutiert, man möge doch bitte abstimmen. Erstaunlich ist die Wortmeldung Buhrows auch deshalb, weil der Intendant vorher betont hatte, das Funkhaus-Europa-Programm liege „fast unter der Wahrnehmungsgrenze von einem Prozent“. Warum ist es dann andererseits so wichtig, dass man bei der Diskussion auf die Tube drücken muss?

Zu den großen Problemen der öffentlich-rechtlichen Sender gehört derzeit, dass ihnen aus rechten und verschwörerischen Kreisen Ablehnung und sogar Hass entgegenschlägt, was sich oft in dem denunziatorischen Ausruf „Lügenpresse“ äußert. Es ist aber auch kein geringes Problem, dass – und das zeigt jedenfalls das aktuelle Verhalten Webers und Buhrows – die Hierarchen der Sender oft nicht adäquat umzugehen wissen mit jenen Kritikern des öffentlich-rechtliche Systems, die Einwände formulieren, gerade weil sie zu dessen größten Anhängern gehören. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat offenbar nicht nur ein Problem mit seinen Feinden, sondern auch mit seinen Freunden.

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PS: In einer Zuschrift vom 22. März weist ein MK-Leser (Name ist der Redaktion bekannt) ergänzend darauf hin, dass vom „inhaltlichen Kahlschlag bei Funkhaus Europa“ auch die Sendung „Radiopolis“ betroffen sei, „das einzige deutsch-griechische Radiomagazin in Deutschland“. Die Sendung sei zunächst „vom Samstagnachmittag in den Abend um 21.00 Uhr verbannt“ worden“ und „jetzt wird sie auch komplett eingestellt. Und das in einer Zeit, in der viele neuen griechischen Einwanderer nach Deutschland gekommen sind und die deutsch-griechischen Beziehungen kompliziert geworden sind.

18.03.2016/MK

Print-Ausgabe 14/2016

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