Mariola Brillowska/Günter Reznicek: Die Gaumler (WDR 3/WDR 1Live)

Maikäfersüppchen

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Eine von dieser Redensart abgeleitete Fragestellung haben Mariola Brillowska und Günter Reznicek zur Grundlage eines dystopisch-alptraumhaften, aber in weiten Teilen auch sehr komischen Stücks Radiokunst gemacht: Was passiert, wenn Menschen zwar noch in Tablettenform die von ihnen benötigten Nährstoffe zur Verfügung gestellt bekommen, sich aber keine richtige Nahrung mehr einverleiben dürfen? Das fragen sich Brillowska und Reznicek in ihrem Science-Fiction-Hörspiel „Die Gaumler“ und liefern auch gleich die passenden Antworten dazu. Bei dem rund 50-minütigen Stück, das am selben Tag im Kulturprogramm WDR 3 und bei der WDR-Jugendwelle 1Live ausgestrahlt wurde, führte Mariola Brillowska Regie; die Musik kam von Nova Huta.

Die titelgebenden Gaumler sind eine im Verborgenen agierende Widerstandsbewegung, die zu Beginn des 22. Jahrhunderts durch heimliches Beschaffen und Zubereiten echter Nahrung die quasi diktatorisch verordnete Standardernährung mittels Pillen – es wurde „jede private Ernährung gesetzlich verboten“ – zu unterlaufen versucht. Unter echter Nahrung verstehen die sektenartig auftretenden Gaumler allerdings vieles, was manchem Gaumen heute noch arg gewöhnungsbedürftig vorkommen dürfte. Beispielsweise die sogenannte „Insekten-Cuisine“, deren begeisterte Verfechterin Herrmanda Gabelstein ist, „das pochende Herz der Bewegung“ (gesprochen wird Herrmanda von Mariola Brillowska). Ihr Mitstreiter Karl-Gusto del Gaumen (Günter Reznicek) ist von den kleinen Krabbeltieren, ob nun in Form von Maikäfersüppchen oder auf andere Art zubereitet, jedenfalls weniger angetan und hat es eher auf Fleisch, Wurst und Schinken abgesehen.

Die Geschichte, die in Form eines „siebengängigen Hörspielmenüs“ mit „musikalischen Amuse-Gueules“ präsentiert wird, beginnt mit dem Ende einer mehrwöchigen Fastenzeit von Herrmanda und Karl-Gusto. Nun wollen sich die beiden bei einem Geheimtreffen endlich einmal wieder etwas Gutes tun und nicht länger die öffentlichen Ernährungsverordnungen befolgen. In dem von Herrmanda zusammengestellten Geschenkkorb finden sich bereits verzehrfertige Insektenzubereitungen – das große Festessen kann beginnen. Für Karl-Gusto unternimmt Herrmanda noch einen Ausflug in den nahegelegenen radioaktiv verstrahlten Wald, um bei einer verschrobenen Einsiedlerin, die sich an eine strikte Diät aus Gemüsebrühe und Plutonium hält, Filetfleisch zu organisieren. Das wird auf dem abgelegenen Bauernhof in einem Kellerlabor in Form eines traurig singenden Klopses gezüchtet. Dank intransparenter Verarbeitungsmethoden und einer schalldichten Kellertür stört das aber keinen.

Ob vielleicht überhaupt alles Übel durch Transparenz verursacht wird? Schlimm wird es für alle Beteiligten jedenfalls erst, als bei der späteren Gaumlerrunde ein Novize freudig erzählt, wie er die vier Kilo Filetfleisch zubereitet hat – jedem, der an der Tafel sitzt, wird daraufhin schlecht und der anschließende Krankenhausaufenthalt entwickelt sich zum Psychotrip. Rein provokativ oder klamaukig wird das Hörspiel „Die Gaumler“ nie, auch wenn man als Hörer manchmal durchaus einen starken Magen braucht. Die kulinarisch hart gesottenen Gaumler übertreiben es und stehen damit durchaus in der Tradition der heutigen Menschen. Zugespitzt ist das auch die Erklärung, wie es überhaupt zur Abschaffung gewöhnlicher Nahrungsmittel kommen konnte: Die Ernährungsgesetze seien erlassen worden wegen zahlreicher Todesfälle durch Diäten, die sich am steinzeitlichen Nahrungsangebot orientierten, und wegen anderer experimenteller Ernährungsmethoden, durch die Menschen abnehmen wollten.

Als Radio-Performance zeichnet sich „Die Gaumler“ neben der relevanten, locker aufgemachten Ernährungsthematik durch einen quicklebendigen Charakter aus. Stellenweise erinnert das ganze an Live-Hörspiele mit improvisierten Dialogen, ist dabei aber in den Einzelheiten fein ausgearbeitet – eine beeindruckend runde Sache. Das äußerst empfehlenswerte Stück findet man zum noch bis November 2017 zum Nachhören im Internet-Hörspielspeicher des WDR.

09.12.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 16-17/2017

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