Tim Staffel: Sandräuber (RBB Kulturradio)

Plane Plausibilität

„Überall auf der Welt“, so lässt uns das Vorwort zu Tim Staffels neuem Hörspiel wissen, „verschwinden die Strände.“ Und als sei das nicht schon arg genug, müssen die Menschen ins Landesinnere migrieren, um dort „Zuflucht und Arbeit zu finden“. Dass das nicht so ohne weiteres gelingen wird, können wir uns denken und müssen es befürchten, wenn wir einigermaßen wachen Auges das politische Geschehen in großen Teilen der Welt verfolgen.

In einer Art negativen Utopie finden sich im Hörspiel „Sandräuber“ (eine Koproduktion von RBB und NDR) die Flüchtenden in einem „Urban Village“ zusammen und hausen dort in einer selbst errichteten Gegenwelt. Ob das Stück hier und heute spielt, wird nicht wirklich klar. Der angedeutete utopische Charakter des klapprigen Habitats lässt eher eine leicht nach vorne verschobene Gegenwart vermuten oder eine wiederbelebte Vergangenheit – denkt man an den Kopenhagener Stadtteil „Freistadt Christiania“, ein in die Jahre gekommenes Dorado der Anarchie der 1970er Jahre. Weltverbesserung ist im Urban Village von Tim Staffels Welt das Gebot der Stunde. Es gilt, den Untergang aufzuhalten, den ein Baulöwe durch den Raubbau von Sand bedenkenlos ins Rollen bringt.

Man erfährt vieles in diesem 53-minütigen Hörspiel, das vor allem zu Beginn Feature-Züge in Text und Realisierung aufweist. Etwa dass das Sandkorn sozusagen das Salzkorn, granum salis, des Lebens ist. Dass Abbau von Sand in industriellem Ausmaß die Fischbestände der Meere auf ein Minimum schrumpfen lässt. Oder dass die megalomanen Phantasien arabischer und nicht-arabischer Magnaten in Dubai im wahrsten Sinne auf Sand gebaut sind. Und zwar nicht nur weil den Investoren das Geld ausgegangen ist, sondern auch weil nicht genügend Sand aus der Wüste herangekarrt werden konnte, um ein ganzes Archipel in Form einer Weltkarte aufzuschütten. Außerdem war der Sand nicht geeignet. Der Wüstensand hält nicht zusammen, wird im Stück behauptet. Er taugt nichts, schwimmt weg: „Zu glatt, zu rund, durch den Wind.“

Warum also mit Sand bauen, wenn er doch nichts taugt? Die Antwort ist kurz und lapidar: Es gibt immer welche, die damit das große Geld machen. Davor sollte uns eigentlich die Politik bewahren. Dieses gut gemeinte Postulat gibt dem Autor die Möglichkeit, Widersprüche und damit versuchte Spannung ins Geschehen einzubinden. Dargestellt wird ein dramaturgischer Dualismus durch die Senatorin Senta und den Bauunternehmer Bernd, ihren früheren Liebhaber, inzwischen aber nurmehr guter Freund. Dass es da auch noch einen von der Mutter verschwiegenen gemeinsamen Sohn gibt, ahnt man bald. Der Sohn, der sich zum Geldverdienen als Sandtaucher in gefährlichen Untiefen bewegt, hat im Village das Flüchtlingsmädchen Elli kennengelernt. (Von weither winken Romeo und Julia.) Dann gibt es da noch einen Geologen mit Migrationshintergrund, der versucht, als Oppositionsvertreter der Frau Senatorin fachwissenschaftlich auf die Sprünge zu helfen. Vergeblich, wie man sich denken kann. Denn seit wann zeigen Senatorinnen oder Senatoren mehr Einsicht als andere Menschen?

Um das eher langsam rollende Spannungsgeschehen anzuschieben, kommt es zu einer folgenschweren Begegnung zwischen dem Bauunternehmer und dem Sandtaucher Toni, also zwischen Vater und Sohn – auch wenn beide nicht voneinander wissen. Toni begehrt gegen den Baulöwen auf und wird von ihm – also seinem Vater – bei einer Rauferei im Sand erstickt. Notwehr sei es gewesen, sagt der Bauunternehmer und schwört die anderen, die die Auseinandersetzung gesehen haben, darauf ein, zu schweigen. Nur bei dem Flüchtlingsmädchen Elli gelingt es ihm nicht. Sie macht die Senatorin ausfindig, in der sie richtigerweise die Mutter ihres Toni vermutet. „Können wir irgendwo in Ruhe reden?“, fragt sie zum Schluss die Mutter, die noch nichts vom Tod ihres Sohnes weiß.

Tim Staffel, der ja kein unerfahrener Autor und sowohl im Hörspiel- als auch im Theaterbereich unterwegs ist, hat hier einen Plot und ein Stück abgeliefert, das mit Versatzstücken der Unterhaltungsdramaturgie arbeitet. War da mal ein „Radio-Tatort“ angedacht? Sollte daraus ein Krimi mit politischem Anspruch werden? Warum ist der Sand des Stücks so gemischt, dass er als Treibsand in alle Richtungen driftet? All das sind Fragen, die durch die Umsetzung im Hörspiel noch verschärft werden. Staffel, 1965 in Kassel geboren, hat bei Andrzej Wirth in Gießen studiert, einem der bedeutenden Theaterwissenschaftler und Kritiker der letzten Jahrzehnte. Zu dessen Studenten zählen zum Beispiel Helgard Haug und Daniel Wetzel (das Autorenduo Rimini Protokoll) sowie Moritz Rinke und René Pollesch, die wie Tim Staffel die mittlere Generation politisch arbeitender Theaterautoren vertreten.

Womöglich hätte ein anderer Regisseur als der Autor selbst eine andere Dimension in dieses Hörspiel eingebracht, hätte aufgeraut, wo zu viel plane Plausibilität dem künstlerischen Anspruch im Wege steht und hätte den transparenten Duktus des Weltverbesserns etwas verschleiert. So blieb die Ambition des Autors, seinem Werk fast wie mit erhobenem Zeigefinger Überzeugungskraft zu verleihen, was das Stück aber nicht braucht. Ein interessanter, aber zu überfrachteter Ansatz – weniger wäre mehr gewesen.

22.07.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK