Torsten Körner: Aus dem Fenster (Nordwestradio)

Einmal nach Friedenau

Fenster sind für den heutigen Menschen, der in geschlossenen Räumen einen großen Teil seines Lebens verbringt, die Hauptverbindung zu den menschgemachten wie natürlichen Elementen der Außenwelt. Wie wichtig ein Fenster für eine menschenwürdige Raumgestaltung ist, zeigt sich insbesondere daran, welch negative Assoziationen fensterlose Räume hervorrufen, die ja meistens in irgendeiner Form als Abstellkammern oder als Gefängnisse dienen.

Der in Berlin-Friedenau lebende Fernsehkritiker und Buchautor Torsten Körner (der auch für die MK schreibt) hat mit dem von Radio Bremen produzierten und in dessen Programm Nordwestradio ausgestrahlten Hörspiel „Aus dem Fenster“ nun dem unterbewerteten Zentrum eines jeden Raumes eine Hommage gewidmet. Die rund 55-minütige Radioarbeit basiert Körners gleichnamigem Buch, das Ende 2015 im Elektrischen Verlag erschienen ist. Es versammelt in der Manier eines Tagebuchs Beobachtungen und Gedankenspiele, die Körner beim regelmäßigen Blick durch das Fenster seiner Wohnung in der vierten Etage festgehalten hat.

Diesen farbenprächtig geschilderten, traumtänzerischen bis soziologisch präzisen Sprachbildern, deren Zahl für die Hörspielinszenierung etwas eingekürzt wurde, gibt der Schauspieler Matthias Brandt seine Stimme. Unterlegt von minimal eingesetzten Fieldrecordings mit Spatzengetschilpe und schön begleitet von den sanft-dumpfen Klängen einer Bassklarinette (Komposition: Michael Riessler) interpretiert er die Notizen. Dabei gelingt es Brandt, textlich unterschiedlich angelegte Stimmungen wie Enthusiasmus und Distanziertheit zu vermitteln und dabei im Grundton durchgängig die ruhige Gelassenheit mit seiner Stimme zu transportieren, die etwa auch das Bild eines längere Zeit aus dem Fenster gelehnten Menschen vermittelt.

So blättert man mit Matthias Brandts Stimme als Scout gleichsam durch eine Art sprachlich gehaltenes Fotoalbum, was sich als äußerst kurzweiliges Hörvergnügen entpuppt. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Torsten Körner sich auf Humor und Selbstironie versteht. Auf eine liebenswerte Weise extrahiert er den literarischen Gehalt aus alltäglichen Beobachtungen. Junge Pärchen ziehen am Fenster vorbei und werden mit freundlichen, großväterlichen Blicken bedacht. Neue Nachbarn planieren einen kleinen Vorgarten samt Apfelbaum und bringen mit ordentlich geschnittenem Rasen die Vorstadt ins Zentrum. Drei Frauen aus dem gegenüberliegenden Haus meiden die Straße, denn sie leiden entweder unter schweren Krankheiten oder einer chronisch unzufriedenstellenden Ehe.

Körner vollzieht auch den Schritt, die computerisierte Welt in seine Texte einfließen zu lassen. Denn beinahe ebenso wichtig wie die physischen Fenster aus Glas sind mittlerweile die Pixelfenster auf zahllosen blickfangenden Bildschirmen. An einer Stelle kommt es zu einer klug hergestellten Überlappung der Bedeutungsebenen aus der physischen und der digitalen Welt. Dazu wird lediglich die Frage „Wollen Sie dieses Fenster wirklich schließen?“ mehrfach wiederholt. So wird mit dem durchdachten und behutsamen Einsatz sprachlicher Mittel ein effektvolles Ergebnis erzielt. „Aus dem Fenster“ (Regie: Holger Rink) ist ein wunderschön beschaulich anmutendes Hörspiel und verführt vielleicht sogar den ein oder anderen dazu, einmal nach Friedenau zu kommen, um sich dort umzuschauen. Manche würden sich vielleicht gleich wünschen, dort zu wohnen.

12.08.2016 – Rafik Will/MK