Arnold Stadler/Oliver Sturm: Evangelium Pasolini. Reihe „Das Bibelprojekt“ (HR 2 Kultur/Deutschlandfunk)

„Es ist, als ob ich in die Hölle hinabsteige“

Die Bibel inspiriert noch immer Autoren, ebenso wie auch Maler und Musiker. Diese Erkenntnis gab den Ausschlag für einen Programmschwerpunkt der Hörspielabteilung des Hessischen Rundfunks (HR), der bereits Anfang 2014 mit einer ersten Adaption umgesetzt wurde. Entscheidend mag dabei auch das Gespür von HR-Dramaturgin Ursula Ruppel dafür gewesen sein, dass es durchaus Radiohörer gibt, die weniger mit fun and glory geködert werden wollen (ein im Übrigen weit verbreiteter Irrtum) als vielmehr mit Intellekt und Empathie.

Der Reihentitel für den Schwerpunkt lautet „Das Bibelprojekt“, Koproduktionspartner des HR ist dabei der Deutschlandfunk bzw. Deutschlandradio Kultur. Auf die erste Produktion, das Hörspiel „Herr Hagenbeck hirtet“ von Brigitte Kronauer, folgten weitere Ursendungen namhafter Autorinnen und Autoren, von Robert Wilson („Tower of Babel“) über Marlene Streeruwitz („Maria“) bis zu Thomas Harlan und Michael Farin mit ihrem Stück „Hiob Gesicht Gottes“ (vgl. MK-Kritik hierzu). Als abschließende Folge der Reihe mit insgesamt 21 Hörspielen wird am 28. Dezember dieses Jahres um 21.00 Uhr Werner Fritschs Stück „Call Me Moses“ bei HR 2 Kultur ausgestrahlt.

Vorletzte Ursendung dieses ambitionierten und groß angelegten Projekts war die Produktion „Evangelium Pasolini“, eine künstlerisch besonders wagnisreiche Annäherung an den Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ („Il Vangelo Secondo Matteo“), den der italienische Regisseur im Jahr 1964 fertigstellte. Angesichts Pasolinis bekannter kommunistischer Überzeugungen und seiner nie verleugneten Homosexualität (wozu sich zu bekennen in den 1960er Jahren auch in der Filmwelt Mut gehörte) reagierten nicht nur Klerus und Politik äußerst indigniert angesichts dieses Films, sondern auch das Kinopublikum war überrascht. Aber „Das 1. Evangelium – Matthäus“ wurde zu einem der wichtigsten Werke Pasolinis und einer Art Vermächtnis nach seinem gewaltsamen Tod. Der berühmte Regisseur wurde am Wasserflughafen von Ostia westlich von Rom Opfer eines Mordes, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Am Morgen von Allerseelen, dem 2. November 1975, wurde der brutal zugerichtete Leichnam Pasolinis von einem Hund, mit dem Spaziergänger unterwegs waren, aufgespürt.

Um diesen Mord kreisen noch heute Mutmaßungen wie die Geier. Er wird für Arnold Stadler, den Autor des 65-minütigen Hörspiels „Evangelium Pasolini“, zum Angelpunkt für die Intertextur von Matthäus-Evangelium, Film und der Biografie Pasolinis. Der 1954 im oberschwäbischen Meßkirch geborene Schriftsteller, Kritiker und promovierte katholische Theologe wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter bereits 1999 dem Georg-Büchner-Preis. Dem Evangelium wagt auch Stadler sich nur auf dem indirekten Wege über Pasolinis Film zu nähern – ähnlich wie Pasolini, der in Petrus für sich die Mittlerfigur gefunden hatte. Er selbst habe, so sagte Pasolini in einem Interview, als „Ungläubiger und Kommunist“ sich mit Matthäus nicht unmittelbar auseinandersetzen können.

Arnold Stadler gelingt das fast unmöglich Scheinende, das Evangelium – also ein hoch-spirituelles Phänomen – auf dem Wege über ein visuelles Medium (Film) durch Sprache und Beschreibung – also rein akustisch – wiederzugeben. Antizipiert wird die Situation, indem er während der Betrachtung von Pasolinis Film den Film, zudem aber auch seine Eindrücke dazu beschreibt. Er bleibt dabei unprätentiös, ist niemals pastoral, auch nicht belehrend und bleibt lakonisch zurückhaltend auch in der Deskription hochemotionaler Momente im Film. Wie anders wäre es auch möglich gewesen, Wucht und Majestät der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach zu kommentieren, die Pasolini im Wesentlichen eingesetzt hat, vor allem Introitus und Cantus Firmus („Erbarme dich“).

Oliver Sturm, der schon so viele Hörspiele inszeniert hat, zeigt hier – das darf unumwunden gesagt werden – meisterhaftes Können. Es gelingt ihm, den tief verzweifelten, aber auch realistisch-bösen Tonfall aufzugreifen und doch auch den zarten und zutiefst humanen Akzenten des „Vangelo Secondo Matteo“ nachzuspüren. Die Mischung von Originalton, Sprecherstimmen und Kommentar ist – im Wortsinn – eine Komposition von unaufdringlicher Intensität, die auch völlig unerwartete Sätze von Pasolini auffängt. Etwa wenn er in einem Interview sagt: „Ich liebe diesen Jesus aus ganzem Herzen.“ Aber auch erklärt, dass er sich als „Ungläubiger, als Marxist nicht in prosodischer Treue“ zum Evangelium verhalten könne. Für Stadler ist Pasolini jedoch durch diesen Film zu „einem der großen Theologen unserer Zeit“ geworden.

Regisseur Oliver Sturm hat sich, so scheint es, von einem anderen Selbstzeugnis Pasolinis leiten lassen, der kurz vor seinem Tod in seinem letzten Interview gesagt hatte: „Ich zahle den Preis für das Leben, das ich geführt habe. Es ist, als ob ich in die Hölle hinabsteige.“ Bei allem Furor des Schmerzes ist Oliver Sturms Regiehandschrift aber auch von dem geprägt, was der Theologe Stadler die apokatastatis ton panton, „die Versöhnung mit allem“, und „ein Vermächtnis“ nennt. Der Film – und damit auch die Radioproduktion – endet nicht mit dem grausamen Selbsthass, der sich in Pasolinis Worten manifestiert, sondern mit den vom Evangelisten niedergeschriebenen Worten des auferstandenen Jesus: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

29.10.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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