Reinhold Batberger: Die Bibel der Hölle. Eine Vision des Dichters, Malers und Kupferstechers William Blake. Reihe „Das Bibelprojekt“ (HR 2 Kultur)

Blakes gedanklicher Kosmos

Der 1946 geborene, in Frankfurt am Main lebende Prosa- und Hörspielautor Reinhold Batberger hat für seinen Beitrag zur HR-2-Hörspielreihe „Das Bibelprojekt“ (vgl. FK 51-52/14 und MK 7/15) eine originelle Idee realisiert. In seinem Stück „Die Bibel der Hölle“ hat er keine der in der Bibel erzählten Geschichten und Gestalten aufgegriffen, sondern er hat das Buch „Die Hochzeit von Himmel und Hölle“ des englischen vorromantischen Dichters, Malers und Kupferstechers William Blake (1757 bis 1827) thematisiert. Blakes Bilder, deren Seelenlandschaften den zeitgenössischen Landschaftsmalern als Visionen eines „unglücklichen Verrückten“ galten – so ein Museumsdirektor im Hörspiel – korrespondieren mit den religiösen, philosophischen und künstlerischen Anschauungen des extrem Unzeitgemäßen. Erst einige Jahrzehnte nach Blakes Tod wurde das Werk nicht nur kritisch gewürdigt, sondern es fand vor allem bei Schriftstellern bis heute große Bewunderung, stellvertretend für viele andere von Swinburne bis Beckett sei insbesondere W.B. Yeats genannt.

Das 1790 veröffentlichte Buch „The Marriage of Heaven and Hell“ ist eines der Hauptwerke William Blakes und zählt zu den sogenannten „Prophetien“, in deren Zentrum die „Bibel der Hölle“ und die nicht ganz widerspruchsfreie Weltanschauung des „präraffaelitischen Dichters“ steht. In dem 50-minütigen Hörspiel führen der Dichter und „Blakes Luzifer“ durch einige „Kammern“ der Bibel der Hölle, in denen Blakes Visionen bildliche Konturen erhalten. Ihr Grundgedanke ist die Vorstellung einer prinzipiellen Harmonie als Emanation, als Aufhebung des dualistischen Denkens biblischer Exegetik. Blake propagiert die Einheit der Gegensätze Vernunft/Energie und Körper/Seele, er deklariert die Energie zum Lebensprinzip und die Sinne als „Fenster der Seele zur Außenwelt“. Er versteht die Hölle (das Böse) als energetisches Äquivalent des Himmels (des Guten).

In der vierten Kammer zitiert der Hörspielautor „Sprichwörter aus der Hölle“, mit denen Blake einige „Irrtümer“ der Bibel und der Theologie zu korrigieren beansprucht habe. Blake geriert sich zwar nicht als Hedonist, er stellt aber den Puritanismus theologischer Bibelauslegung und die Verteufelung der Sinnenfreuden an den Pranger. Die zehn Gebote seien die Ausgeburt einer repressiven Religion. Und auch der Teufel wird entdämonisiert, er habe wie Gott „einen Sitz in der menschlichen Brust“.

Der Hörspieltext stellt die Grundgedanken Blakes ohne Kopflastigkeit plausibel dar und führt den Hörer in Blakes gedanklichen Kosmos ein. Andrea Gettos tadellose Regie bringt ein gutes Sprecher-Ensemble zusammen, mit Heinrich Giskes in der Rolle des William Blake; Sabine Worthmann hat für das Stück einige Lyrics von Blake vertont.

30.04.2015 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK