Jan Georg Schütte: Altersglühen – Speed Dating für Senioren (ARD/NDR/WDR)

Dieser so wunderbare Fluchtversuch

14.11.2014 • Unzählige Drehbücher arbeiten in uns, schreiben uns. Die Autoren bleiben anonym. Ist das Leben ein Film? Wenn ja, wer sitzt vor der Leinwand? Dass wir selbst Drehbuchautoren sind, wollen viele nicht wissen. Sie warten lieber auf den großen Allesschreiber. Dass wir selbst unent­wegt Skripte anbieten, verwerfen, in den Sog fremder Phantasie geworfen werden, ist ein Gemeinplatz und doch wieder nicht. Das Schöne an diesem Film ist doch auch, dass er Schauspieler zeigt, die es gewohnt sind, ein fixes Drehbuch zu exekutieren, die hier aber auf eine luftige Drehbuchskizze stoßen, die sie auffordert, sich selbst zu entwerfen, die eigene Biografie im Spiel zu finden. So werden – es mag paradox klingen – aus Schauspielern Menschen, die sich selbst entwerfen dürfen, um ihre Schauspielerexistenz vergessen zu machen.

Der Autor und Schauspieler Jan Georg Schütte hat mit seinem Hörspiel „Altersglühen oder Speed Dating für Senioren“ (NDR) im Jahr 2011 den Deutschen Hörspielpreis der ARD gewonnen (vgl. FK-Heft Nr. 47/11). Mit diesem polyphonen Stück hatte er exakt jene Konstellation durchgespielt, die jetzt auf den (bis auf ein Wort) gleichnamigen Film übertragen wurde: Es werden Figurenskizzen entworfen, wenige biografische Koordinaten festgelegt und mit diesen Umrissen treffen die Schauspieler aufeinander und gehen in ein Speed Dating. Jedes Paar hat sieben Minuten Zeit, sich kennenzulernen, sich für den anderen zu entwerfen, den anderen von sich zu überzeugen. Insgesamt gibt es dreizehn Beteiligte, sechs Männer und sieben Frauen (eine von ihnen muss in jeder Runde aussetzen). Gedreht wurde der Film (Produktion: Riva) in einem Hamburger Herrenhaus. Jeder der sechs Tische war mit drei Kameras bestückt, die die Improvisationen live aufnahmen, so dass die Spiel- und Entwurfsstrecken organisch durchliefen, zumeist ohne steuernden Eingriff von außen, kein Cut. Gedreht wurde an nur zwei Tagen, anschließend wurden 20 Stunden Material im Schneideraum verdichtet.

Für diese filmische Versuchsanordnung hat Jan Georg Schütte (Buch und Regie) ein wunderbares Ensemble versammelt, das große Namen anbietet, aber auch Schauspieler, die keine Stars sind und nicht unter der Bürde der Prominenz ächzen oder diese spielend vergessen machen müssen. Es sind (in alphabetischer Reihenfolge) Mario Adorf, Senta Berger, Viktor Choulman, Jörg Gudzuhn, Michael Gwisdek, Matthias Habich, Brigitte Janner, Gisela Kleiner, Hildegard Schmahl, Christine Schorn, Jochen Stern, Ilse Strambowski und Angela Winkler.

Schon diese Aufzählung lässt den Reiz des Experiments ahnen: Es werden sehr unterschiedliche Stile und mimetische Annäherungsweisen sichtbar, man kann nicht nur die Figur betrachten, den Menschen, der in ihr steckt, sondern auch den Schauspieler auf der Suche nach seinen Ausdrucksmöglichkeiten. Es gibt Lücken, Risse, Unsicherheiten, Übersprunghandlungen, Pausen, Stockungen – alles ist eine große Abweichung von den sonstigen Routinen des Fernsehfilms. Und das berührt ungemein, weil diese strukturelle Differenz, diese experimentelle Offenheit sehr gut mit dem Inhalt des Stücks korrespondiert, da die Form des Ganzen dem Inhalt Leben und Authentizität zurückgewinnt, die ein konventionelles Drehbuch niemals hätte finden können.

Denn die Senioren, die sich da zum Speed Dating treffen, sind zwar lebens- und liebeserfahren, sie haben aber keinerlei Erfahrung mit einer solchen Kontaktanbahnung. Diese kleinen Geschichten, diese Gesten, diese Sehnsüchte rühren uns. Es gibt hochkomische Passagen, skurrile, bewegende und ernste. Es entstehen Augenblicksabenteuer und endlose Momente.

Michael Gwisdek und Jörg Gudzuhn spielen ein frauenentwöhntes Freundespaar, das in einer kargen Gartenlaube wohnt. Beide sehen sich nach einer richtigen Frau. Sehr, sehr kauzig sagt Gwisdek: „Ne Frau will zujehört werden.“ Sehr komisch, sehr kokett auch Brigitte Janner, die eine Frau spielt, die mit einem älteren, sehr gebrechlichen Mann liiert ist, hier aber einmal eine amouröse Abwechslung sucht. Matthias Habich, der einen vergleichbaren Part spielt – er ist ein Mann, dessen Frau an Alzheimer leidet – sucht die Begegnung als Antidepressivum. Er agiert schelmisch, aber auch vorsichtig.

Senta Berger forciert, attackiert; ihre kühle Geschäftsfrau passt zu keinem, weil sie keinen Gnadenblick hat. Hildegard Schmahl hingegen (sehr berührungsbereit) sucht einen Mann, mit dem sie Atmen kann, der sie im Innersten anrührt, mit dem sie ein gemeinsames Seelenlied singen kann. Ja, so pathetisch drückt sie sich aus. Und wie sie Maria Adorf ansingt, ihn anatmet, diesem Fremden ihre Sehnsüchte offenbart, das gehört zu den Höhepunkten dieses sehr kurzweiligen Films, denn Adorf, der Schauspieler, seine Figur, der Mensch muss mit diesem emotionalen Ansturm erst einmal zurechtkommen; er flüchtet in kleine Gesten, ist ganz Resonanzpartner für das große Liebeslied. Es ist ein Glück, sich selbst entwerfen zu dürfen, sei es auch nur bei einem Speed Dating, und für diese Art von Drehbuchschreiberei ist es nie zu spät. Das alles und vieles mehr erzählt dieser so wunderbare Fluchtversuch von einem Film, der dem Zuschauer erlaubt, all den auserzählten und runderzählten und toterzählten Geschichten zu entkommen. Wie geht es weiter mit diesen Paaren? Die Verlaufsandeutungen, die der Film (5,07 Mio Zuschauer, Marktanteil: 16,2 Prozent) im Abspann anbietet, beantworten diese Fragen zum Glück nicht.

• Text aus Heft Nr. 46/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.11.2014 – Torsten Körner/FK