Jan Georg Schütte: Wellness für Paare (ARD/WDR)

Überdurchschnittliches Fernsehen

26.12.2016 • Als vor zwei Jahren Jan Georg Schüttes Film „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ (vgl. FK-Kritik) ausgestrahlt wurde, kam das einer Sensation gleich. Renommierte Schauspieler im fortgeschrittenen Alter hatten sich auf das Experiment eingelassen, ohne Drehbuch vor laufenden Kameras zu improvisieren, wobei lediglich das strenge Ritual der neumodischen Beziehungsanbahnung ein Gerüst für Handlung und Dialoge vorgab. Das Ergebnis war ein wunderbares Stück Fernsehen, wie man es zuvor noch nie gesehen hatte. Nachdem der Film anschließend völlig zu Recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, war klar, dass dieses Experiment nach einer Fortsetzung verlangte.

Mit „Wellness für Paare“ ist die Fortsetzung nun da. An den produktionstechnischen Rahmenbedingungen wurde dabei kaum etwas geändert. 21 Kameras zeichneten das improvisierte Geschehen binnen zweier Tage aus allen erdenklichen Perspektiven auf, was den Angaben zufolge insgesamt 111 Stunden Material ergab, aus dem Regisseur Jan Georg Schütte dann im Schneideraum die 90-minütige Endfassung destillierte (Produktion: Riva Film). Thematisch ging es diesmal nicht um die Anbahnung, sondern um die Aufbereitung mehr oder minder langjähriger Beziehungen. Den Handlungsrahmen bildete das titelgebende Wellness-Wochenende, das fünf Paare, vornehmlich mittleren Alters, in einem Wasserschlösschen gebucht hatten.

Das Angebot sollte für die teilnehmenden Damen und Herren neben den üblichen Annehmlichkeiten auch ein einstündiges, von jeweils einem erfahrenen Psychologen angeleitetes Paargespräch umfassen. Gebucht worden war das Wellness-Wochenende bei den meisten Paaren nur von einer Person, wobei die Partnerin bzw. der Partner über den Programmpunkt des Paargesprächs im Unklaren gelassen wurde. Womit schon einmal für ordentlich Konfliktstoff gesorgt war. Die Reaktionen der Überraschten reichten von schlichtem Erstaunen und der Frage, was das ganze denn eigentlich solle, bis zur (vorübergehenden) Weigerung, an solch einer Versuchsanordnung teilzunehmen.

In den Sitzungen selbst ging es nach kurzem Vorgeplänkel allerdings bald ans Eingemachte. Zweimal wurden Seitensprünge gestanden und auch das Problem des (einseitigen) Kinderwunsches kam gleich doppelt vor. Nur der selbständige Handwerker, der seiner Freundin eröffnete, seine Firma sei so gut wie pleite, weshalb es mit ihrem geplanten Frisiersalon nichts werden könne, fiel da etwas aus dem Rahmen. Was die jeweiligen (Schauspieler-)Paare aus diesen Problemstellungen machten, war das ein oder andere Mal vielleicht auch nicht untrivial, aber meistens sehr unterhaltsam und bisweilen sogar brillant.

Und man konnte dabei den Gesichtern der Figuren geradezu beim Arbeiten respektive Denken zusehen, wie man denn nun auf die Auslassungen des Gegenübers reagieren könnte. So etwa bei Anke Engelke, die hier eine Karrierefrau gab und von dem dringenden Kinderwunsch ihres jüngeren Partners, gespielt von Sebastian Blomberg, genervt war. Als alles darauf hindeutete, dass sie, sollte er davon nicht ablassen, die Beziehung für beendet erklären würde, machte er ihr eine derart fulminante Liebeserklärung, dass Engelke, sichtlich irritiert, nicht anders konnte, als klein beizugeben.

Eine Rolle, die vielleicht nicht ganz so überzeugend angelegt war, hatte bei diesen Paarsitzungen Bjarne Mädel und irgendwie wirkte der sonst so furiose Schauspieler („Der Tatortreiniger“) hier etwas gebremst. Nachdem ihm seine Frau gestanden hatte, zum ersten Mal in ihrem Leben mit jemand anderem als mit ihm Sex gehabt zu haben, zeigte er sich zwar verblüfft, gab aber bald darauf schon wieder den verständnisvollen Kuschelbär. Dass die Mitglieder des hochkarätigen Ensembles – neben den drei Erwähnten agierten hier Martin Brambach, Katharina Marie Schubert, Anneke Kim Sarnau, Michael Wittenborn, Gabriela Maria Schmeide, Magdalena Boczarska und Devid Striesow – beziehungsweise dass ihre Figuren am Schluss allesamt als geläuterte, mehr oder minder glückliche Paare das Schloss verließen, war womöglich nicht der Schluss, den Spielleiter und Autor Jan Georg Schütte sich gewünscht hatte. Aber so kann das eben laufen, wenn man seinen Akteuren freien Lauf lässt.

In der Summe war auch dieser Wellness-Trip überdurchschnittliches Fernsehen. Und damit hatte sich auch dieses Projekt gelohnt. An den Vorgänger „Altersglühen“ konnte „Wellness für Paare“ – wenn man diesen wohl unvermeidlichen Vergleich macht – dann aber doch nicht heranreichen. Zum einen wirkte dieses Erholungswochenende mit eingebauter Paartherapie wesentlich künstlicher und konstruierter. Es mag auf dem boomenden Wellness-Sektor ja so manch esoterische Grauzone geben, aber dass in diesem Rahmen zwischendurch mal eben Beziehungen zerpflückt werden, dürfte so nicht vorkommen. Zum anderen lieferte das Speed Dating einfach das bessere Ritual für einen Impro-Film. Gerade deshalb, weil dort auch die echten Regeln vorsehen, dass jeder mit jedem nur für eine begrenzte Zeit ins Gespräch kommt und dabei so gut wie keine weiteren Akteure (wie etwa Psychologen) benötigt werden. Aber davon einmal abgesehen: Mit „Wellness für Paare“ (3,80 Mio Zuschauer, Marktanteil 12,1 Prozent) ging es einem wesentlich besser als mit den meisten anderen Fernsehfilmen.

26.12.2016 – Reinhard Lüke/MK