Jan Georg Schütte/Wolfgang Seesko: Paartherapeut Klaus Kranitz – Bei Trennung Geld zurück. 9‑teilige Hörspielserie (Bremen Zwei)

Ideenreiche Improvisationen

24.11.2017 • Das Versprechen klingt verführerisch: Warum jahrelange quälende Sitzungen beim Psychoanalytiker absolvieren, wenn man seine Beziehungsprobleme auch in drei halbstündigen Sitzungen lösen kann? Gut, billig sind 1500 Euro für insgesamt anderthalb Stunden auch nicht gerade. Aber dafür gibt es bei Erfolglosigkeit, will heißen: wenn es anschließend doch zu einer Trennung kommt, auch das Geld zurück. Paartherapeut Klaus Kranitz geht die Sache etwas aggressiver an als andere Kollegen im Eheberatungsmarkt und dient sich in Radiospots seinen potenziellen Klienten als „Ihr härtester Freund“ an.

Die Versuchsanordnung in der für die gerade neu gestartete ARD-Audiothek konzipierte Hörspielserie ist bestechend einfach: Drei Paare, die in drei Sessions ihre Probleme lösen – das ergibt eine neunteilige Serie mit Episoden, die zwischen elf und zwanzig Minuten lang sind. Die können nicht nur zeitsouverän gehört werden, sondern auch in einer eigenen Dramaturgie: Freunde des horizontalen Erzählens könnten zum Beispiel erst die erste Sitzung aller drei Paare, dann die zweite, dann die dritte hören oder sie folgen nach der ersten Episode einfach erst einmal ihrem Lieblingspaar. Aber natürlich kann man auch direkt einem Paar durch alle drei Episoden folgen – wofür sich der produzierende Sender Radio Bremen bei der Ausstrahlung entschieden hat: Die Serie ist an drei jeweils 55 Minuten langen Terminen ganz linear im Programm Bremen Zwei zu hören.

Wer noch nie von Jan Georg Schütte gehört hat, der könnte die Auseinandersetzungen zwischen den Paaren und dem manchmal etwas unverschämten Therapeuten für verdammt gut geschrieben halten. Aber Schütte ist, hier zusammen mit seinem Koautor und -Regisseur Wolfgang Seesko, ein Meister der Improvisation. Ähnlich wie das Stück „Altersglühen oder Speed Dating für Senioren“ (NDR), das 2011 mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet wurde (vgl. FK-Heft Nr. 47/11) und drei Jahre später in einer eigenständigen Version des Stoffs ins Fernsehen kam (vgl. FK-Kritik), funktioniert auch die Hörspielserie gänzlich ohne Manuskript.

„Paartherapeut Klaus Kranitz“ spielt in demselben Milieu wie in Schüttes Fernsehfilm „Wellness für Paare“ (ARD/WDR), in dem sich ein Kurzurlaub in einem schönen Hotel für den in der Regel nicht eingeweihten Partner als Paartherapie entpuppt (vgl. MK-Kritik). Diese böse Überraschung bleibt den Akteuren der Hörspielserie erspart. Hier wissen beide Parteien, worauf sie sich einlassen, und wissen es doch nicht. Denn es sind nicht nur die drei Sessions, die an den Nerven zerren. Klaus Kranitz gibt seinen Klienten zwischen den alle zwei bis drei Wochen stattfindenden Sitzungen auch noch Hausaufgaben auf.

Beim Ehepaar Lagarde, gespielt von Katja Danowski und Hans Löw, geht es um einen strittigen Kinderwunsch, auf den Kranitz mit einem recht unkonventionellen Therapievorschlag reagiert, der unter anderem die Arbeit bei einem „seriösen Escort-Service“ involviert. Beim Ehepaar Kasbohm, gespielt von Anne Weber und Peter Lohmeyer, geht es um die Probleme, die die große Gehaltsdifferenz zwischen der erfolgreichen Frau und dem brotlos schriftstellernden Mann mit sich bringt. Teil der Therapie-Hausaufgabe ist dabei ein temporärer Umzug in eine Hartz-IV-Gegend. Das Ehepaar Möhring, gespielt von Cornelia Schirner und Albrecht Ganskopf, hat Probleme mit dem Sex, genauer: mit zu viel Sex. Doch auch dafür hat der Paartherapeut, der eigentlich aus der Immobilienbranche kommt, eine Lösung.

Schauspieler und Regisseur Jan Georg Schütte lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Figur des Klaus Kranitz selbst zu spielen. Denn er spielt nicht nur gerne etwas schmierige und ambivalente Charaktere, er zeigt auch, dass er gerne etwas schmierige und ambivalente Charaktere spielt. Und er weiß, dass sein Publikum weiß, dass er gerne zeigt, wie er etwas schmierige und ambivalente Charaktere spielt. Diese avancierteste Form der Eitelkeit funktioniert angenehmerweise aber nur in der Komplizenschaft mit dem Publikum.

Die Qualität der Stücke von Jan Georg Schütte besteht unter anderem darin, dass er auch sich selbst den Risiken der Improvisation aussetzt und dass er seine Figuren nicht als Pointenfutter verheizt. Auch die Situationen, in die er sie bringt, sind kein Vorwand für flache Witze. Denn es geht nie um triviale Probleme, sondern um ernsthafte Konflikte, deren meist unzureichende und unangemessene Bewältigungsstrategien die Basis der umwerfenden Komik dieser Hörspielserie bilden. Dabei sind die überraschenden Wendungen so zahlreich und der Ideenreichtum ist so groß, dass man damit sonst ganze Serien-Staffeln bestücken könnte.

24.11.2017 – Jochen Meißner/MK