Warum gendern?

Eine Wegweisung zu geschlechtsneutralem Deutsch

Von Jascha Paetzold und Dshamilja Paetzold
28.12.2021 •

Über das Gendern wird seit einiger Zeit heftig gestritten (vgl. zum Thema diesen MK-Artikel und diesen MK-Artikel). Da es um Sprache geht, betrifft das Thema besonders den Journalismus, dessen Werkzeug vorrangig die Sprache ist. Auch öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten bemühen sich um „inklusive Sprache“ und korrektes Gendern mit Sprechpausen. Des Weiteren geben Behörden, Universitäten und große Unternehmen das aus der feministischen Linguistik entwickelte Gendern in Handlungsanweisungen vor. Im folgenden Artikel vertreten Jascha und seine Schwester Dshamilja Paetzold die These, dass diese Gendersprache eine Fehlentwicklung ist. Wenn Sprache wirklich inklusiv und geschlechtsneutral sein solle, so die beiden Autoren, müsse man gerade nicht gendern; vielmehr sollte das generische Maskulinum von allen Geschlechtern gleichsam als neutrale Singular- und Pluralform offensiv genutzt werden, wie es bereits in anderen Sprachen, wie dem Englischen, der Fall sei. Der hier abgedruckte Artikel ist die kurze Fassung des Aufsatzes „Ist Gendern inklusiv?“, der Ende November online veröffentlicht wurde. Dshamilja Paetzold, 26, absolvierte ihren Bachelor in Germanistik an der Universität Bonn und beendete 2021 ihr Studium in Kultur, Ästhetik, Medien an der Hochschule Düsseldorf mit dem Master-Abschluss. Sie bereitet derzeit ihre Promotion vor. Ihr Bruder Jascha Paetzold, 23, ist hauptberuflich Informatiker mit besonderem Interesse an formaler Grammatik. • MK

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Warum gendern?

Eine Wegweisung zu geschlechtsneutralem Deutsch

Von Jascha Paetzold und Dshamilja Paetzold

„Verdammt, ich muss nochmal ins Büro – die Aushilfe hat ihren Schlüssel vergessen. Dieser Bruno ist so eine Niete!“ Fällt Ihnen an diesem Satzpaar etwas auf? Nun, der Bruno ist eine Sie. Das hat nichts mit seinem Geschlecht zu tun. Er ist allerdings Aushilfe und als solche werden selbst die hartgesottensten Muskelmänner mit dem „grammatikalischen Femininum“ bezeichnet: Die Aushilfe hat ihren Schlüssel vergessen. Das gleiche passiert umgekehrt, wenn eine Frau zu Gast ist.

Wörter mit „femininem“ oder „maskulinem“ Artikel, die wir geschlechtsneutral verwenden, gibt es eine ganze Menge: Wörter auf „-ling“ wie „Prüfling“ oder „Flüchtling“, Wörter auf „-kraft“ wie „Fachkraft“, Wörter auf „-ung“ wie „Abteilungsleitung“, Wörter auf „-eit“ wie „Schönheit“ oder „Heiligkeit“ und noch viele weitere. In den letzten Jahren mehren sich die Stimmen, die das Bezeichnen von Frauen und Nichtbinären mit sogenannten „generischen Maskulinbegriffen“ – also „Arzt“, „Polizist“ oder „Bürger“ – ablehnen. Es gibt viele gute Gründe, warum bezüglich solcher Funktions- oder Rollenbezeichnungen ein Sprachwandel sinnvoll sein könnte. Daran, dass das „grammatikalische Geschlecht“ im Deutschen etwas mit dem tatsächlichen Geschlecht der beschriebenen Sache zu tun hätte, liegt es aber nicht.

Warum gegendert wird

In den Debatten der letzten Zeit hört man immer mal wieder das Argument, Frauen fühlten sich durch diese Wörter nicht repräsentiert. Sie möchten ihr Frausein in der Bezeichnung von Tätigkeiten („Ärztin“, „Polizistin“, „Journalistin“) ausgedrückt wissen. Diese Argumentation hat allerdings ein Problem: Nicht jede Frau möchte das. Wenn es Frauen gibt, die durch ein Wort repräsentiert werden möchten, und andere, die durch ein anderes repräsentiert werden möchten, wem gibt man dann Recht? Ein Argument, das auf dem persönlichen Empfinden basiert, lässt sich nun einmal nicht diskutieren.

Zum Glück ist dieses Argument nicht das einzige und in der Debatte auch eher neu. Bereits vorher gab es viel bessere, auf wissenschaftlichen Befunden aufbauende Argumente. Studien fanden heraus, dass Menschen sich bei Begriffen wie „Arzt“ oder „Lehrer“ im Durchschnitt eher Männer vorstellen als Frauen. Bei vielen Studienteilnehmern herrschten offenbar Assoziationen vor, dass ihnen bei Wörtern wie „Schauspieler“ auch eher männliche Beispiele einfielen. Wurden Begriffe wie „Ärztin“ oder „Lehrerin“ dazu gesagt, dachten die Menschen häufiger an Frauen.

Aber die Studien, die zum ersten Mal Anfang der 2000er Jahre durchgeführt wurden, waren auch nicht das, was zur Entwicklung gegenderter Sprechweisen geführt hat. Vielmehr ist schon seit den 1980er Jahren in Westdeutschland in der Politik und im Feminismus der Versuch verbreitet gewesen, die Ungleichbehandlung der Geschlechter in der deutschen Sprache mit dem Gendern zu umgehen. Damals berief man sich vor allem auf die Ausführungen von Luise Pusch. Luise Pusch gilt als Erfinder der Gender-Pause. In ihrem Aufsatz „Das Deutsche als Männersprache: Diagnose und Therapievorschläge“ stellte sie fest, dass grammatikalisch männliche und weibliche Wortformen im Deutschen in starkem Ungleichgewicht zueinander stehen, und schlug Lösungsansätze vor. Sie bezeichnete den vollständigen Verzicht auf die weiblichen Wortformen mit der „-innen“-Endung als den überzeugenderen Ansatz. Weil sie aber in der Bevölkerung mit Nichtakzeptanz für diesen Vorschlag rechnete, schlug sie stattdessen das Gendern mit dem Binnen-I vor („StudentInnen“).

Aber warum ist der Verzicht auf die weiblichen Formen überhaupt der überzeugendere Ansatz?

Die männliche Konnotation auflösen: So funktioniert die geschlechtsneutrale Grundform

Im Englischen bezeichnet man Schauspieler als „actor“. Das hat man schon immer gemacht, wenn man das Geschlecht nicht kennt, wenn es sich um eine Gruppe handelt oder wenn man einen einzelnen, männlichen Schauspieler bezeichnet. Weibliche Schauspieler werden aber traditionell als „actress“ bezeichnet. Das führt dazu, dass das Wort „actor“ – obwohl es auch geschlechtsneutral verwendet wird – gedanklich mit Männern verbunden wird. Das wurde offensichtlich, als die britische Zeitung „The Guardian“ in einem Artikel schrieb, der Regisseur Carlo Ponti habe ein Auge für hübsche „actors“ – woraus viele Leser schlossen, er sei homosexuell.

Der „Guardian“ schließt daraus jedoch nicht, er müsse nun künftig von „actresses and actors“ sprechen. Ganz im Gegenteil: In seinen Stilrichtlinien schreibt er vor, man solle Frauen betont als „actor“ bezeichnen. Das hängt damit zusammen, wie Spracherwerb und Sprachentwicklung funktionieren: Wir Menschen verbinden die Dinge mit einem Wort, die von unserer Umwelt mit diesem Wort bezeichnet werden. Das erklärt, warum das „generische Maskulinum“ im Englischen und Deutschen männlich konnotiert wird. Es weist aber auch den Ausweg aus der Misere: Frauen möglichst öffentlichkeitswirksam explizit mit diesen Wörtern zu bezeichnen, um die Konnotation aufzulösen. Dadurch wird das Maskulinum „entgendert“.

Warum „ein bisschen gendern“ nicht funktioniert

Der gleiche Effekt funktioniert leider auch umgekehrt. Je häufiger Frauen betont nicht mit den maskulinen Grundformen der Wörter, sondern nur mit der daran angehängten „-innen“-Endung bezeichnet werden, desto mehr empfinden wir das Bezeichnen von Frauen mit ebenjenen Grundformen als falsch. Wer „Schauspielerinnen und Schauspieler“ sagt, sagt damit aus, dass Frauen keine „Schauspieler“ sind.

Während sich die männliche Konnotation der „-innen“-losen Grundformen früher auf ein paar Prozentpunkte in genannten Studien belief, steht seit diesem Jahr ganz offiziell im Duden, dass Frauen und Nichtbinäre keine „Ärzte“ sein können. Auch dass das schwer diskutierbare Argument, Frauen würden sich mit den Grundformen nicht angesprochen fühlen, in den letzten Jahren verstärkt auftaucht, könnte an einer Veränderung in der Wahrnehmung dieser Wörter liegen: Das Gendern verstärkt die männliche Konnotation der Grundformen. Es ist wichtig festzuhalten, dass wir hier nicht einfach von einer „männlichen“ Variante der „weiblichen“ Wörter sprechen, sondern tatsächlich von Grundformen. Deshalb ist diese männliche Konnotation trotz Genderns ein Problem.

Auch wer sich große Mühe gibt, zu gendern, nutzt innerhalb von Adjektiven wie „künstlerisch“ in der Regel die „männliche“ Grundform. In der Realität machen die meisten schon bei Komposita wie „Bürgermeisterkandidat“ vorm konsequenten Gendern halt. Wenn schon der Verzicht auf die „-innen“-Endung in der Bevölkerung zu Nichtakzeptanz führen soll, wie Luise Pusch das befürchtete – wie soll es dann erst mit Wörtern wie „künstler*innenisch“, „Wirt*inschaft“ oder „Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen“ sein? Noch schlimmer kommt es durchaus vor, dass ausgerechnet dort, wo gesellschaftliche Rollenbilder Berufe mit Männern verbinden, das Gendern vergessen wird. Formulierungen wie „Ärzte und Pfleger*innen“ sind leider keine Seltenheit und verstärken bestehende Vorurteile.

Warum wir der geschlechtsneutralen Grundform jetzt eine Chance geben sollten

Man stelle sich vor, an Schulen würde gegendert und Kinder lernten dort, was seit diesem Jahr im Duden steht: Der Arzt sei immer männlich und die Ärztin immer weiblich. Als Mädchen würden sie niemals „Arzt“ werden können. Dann würden sie entlassen in eine Welt, in der die Menschen Arzttermine in Arztpraxen machen und im schlimmsten Fall im Notarztwagen ärztlich behandelt werden müssen. Während ein Mädchen, das gelernt hat, dass es selbst „Arzt“ werden kann, dieser Welt mit Selbstbewusstsein entgegentritt, wird sich ein mit der gegenderten Sprache erzogenes Mädchen fragen müssen: Ist es in dieser Welt normal, wenn ich Medizin studiere?

Ansätze, die sich darum bemühen, im Deutschen geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen zu schaffen, hat es in den letzten Jahren viele gegeben. Die Aufgabe, die bisherige Welt – unter anderem bestehend aus Büchern, Filmen, Dokumenten und Menschen, die weiter so sprechen wie gewohnt – inklusiv zu machen, löst allerdings nur das Entgendern der Maskulinformen.

Als Luise Pusch für den Vorschlag, Frauen und Männer immer mit den gleichen Wörtern zu bezeichnen, Nichtakzeptanz in der Bevölkerung erwartete, schrieben wir das Jahr 1984. Vielleicht hat sich die Gesellschaft seitdem ja verändert? Der Vorschlag mit dem Gendern stößt im Jahr 2021 jedenfalls definitiv auf zunehmende Ablehnung in der Bevölkerung. Zunehmend kritisieren auch feministische Stimmen die geschlechtsbezogenen Eigenheiten gegenderter Sprache.

Wenn Gendern auf Nichtakzeptanz stößt und wir es bei einer geschlechtsneutralen Grundform noch nicht wissen: Warum nehmen wir dann nicht einfach die bessere Variante? Vielleicht fühlt es sich zunächst komisch an, eine Frau als „Ingenieur“ oder „Schauspieler“ zu bezeichnen. Das ist allerdings ganz normal: So fühlt es sich immer an, wenn man mit etablierten Konventionen bricht. Als die Menschen zum ersten Mal Frauen an den Wahlurnen gesehen haben, werden sie sich so ähnlich gefühlt haben.

Vielleicht sorgen Sie sich darum, unhöflich zu sein, wenn Sie eine Frau nicht geschlechtsspezifisch ansprechen. Doch Feminismus und etablierte Formen der Höflichkeit gingen eben noch nie gut zusammen. Ein Feminist nimmt einer Frau nicht ungefragt den Koffer ab oder bezeichnet sie als Angehörige des „schönen Geschlechts“. Auch bei der Frage, ob er mit dem Gendern das Geschlecht seines Gegenübers betonen will, kann ein Feminist bestehende Höflichkeitskonventionen überwinden.

Wer einen wirklich feministischen Sprachwandel will, kann nicht darauf warten, dass eine neue Sprechweise zuerst von den etablierten Institutionen als Höflichkeitskonvention installiert wird, an die man sich dann einfach bequem anpassen kann. Der Knigge, der Duden und die Politiker der Volksparteien werden die Letzten sein, die sich einem feministischen Sprachwandel anschließen, der wirklich mit sexistischen Konventionen bricht.

Es liegt am Einzelnen, das Bezeichnen von Frauen, Nichtbinären und Männernmit denselben Wörtern salonfähig zu machen. Es liegt am Einzelnen, der selbst eine Frau oder nichtbinär ist, diese Wörter für sich selbst in Besitz zu nehmen. Es liegt am Einzelnen, die Unbequemlichkeit, gegen etablierte Konventionen zu verstoßen, bewusst in Angriff zu nehmen. Der Einzelne. Das sind Sie.

28.12.2021/MK

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