BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Jeder Glottisschlag ein kleiner Widerhaken: Das Gendern und das Kampfgebiet Sprache

Von Christian Bartels
27.10.2021 •

Sprachwissenschaftlerinnen und ‑wissenschaftler künftiger Jahrzehnte können sich freuen. All die Diskussionen auszuwerten, die in den frühen 20er Jahren des 21. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum über das Gendern geführt wurden, dürfte dereinst Spaß und allerhand Erkenntnisse bringen – zumindest mehr Spaß und Erkenntnisse als die unmittelbaren Teilnehmer (und -innen!) dieser verkämpften Diskussionen gehabt bzw. gewonnen haben werden.

Zwar sind inzwischen fast alle Medienmenschen (und dieser Begriff ist offensichtlich ein Kniff, um praktische Gendern-Fragen mal rasch zu umschiffen) überzeugt, dass für Menschen außerhalb der Medienblase geschlechtergerechte Sprache nicht zu den drängenden Problemen zählt. Bloß ziehen sie unterschiedliche Schlüsse daraus. Die einen meinen, Medien sollten gendern, eben weil den Menschen draußen die Inhalte wichtig sind und sie sich so an die gut, nämlich gerechter gemeinte Form schon gewöhnen werden. Die anderen meinen, Medien sollten sich auf überzeugende Inhalte konzentrieren, statt Energien aufs Gendern zu verschwenden und ihr Publikum durch die Präsentationsform belehren zu wollen.

Klar gibt es viele Gründe dafür, das Gendern aus sprachlichen Gründen (oder der Fragestellung heraus, was es mit Texten macht, wenn alles Mitgemeinte ausdrücklich mit reingeschrieben wird) zu kritisieren. Andererseits besitzt Gutgemeintheit emotionale Kraft, die algorithmisch verstärkt wird. Was immer zum Gendern geäußert wird, erzeugt großes Hallo, ob nun ein „Drehende“ missverstanden wird oder islamistischer Terror „Islamist*innen“ zugeschrieben wird. Wer immer sich zum Gendern äußert, erntet schnelle Schübe von Aufmerksamkeit. Ältere weiße Menschen wie #Hallervorden und #Heidenreich könnten Lieder davon singen, so wie andererseits „AktivstInnen“ fürs Gendern auch durch Shitstorms waten müssen. Empfehlenswert wäre, sich möglichst wenig aufzuregen (oder wenn schon, dann lieber über die Haltung, die hinterm Gendern oder Nicht-Gendern oft steht und meist damit einhergeht).

Fünf Silben mehr Zeit zum Nachdenken

In der medialen Praxis haben sich längst unterschiedliche Spielarten herausgebildet. Das Abwechseln männlicher und weiblicher Formen im selben Text kann elegant wirken, aber genauso gut auch in die Irre führen. Gewiss geht permanentes Verwenden männlicher und weiblicher Formen irgendwann auf die Nerven. Doch haben sich alle, die gelegentlich Talkshows ansehen, daran gewöhnt, dass Politiker dort stets „die Wählerinnen und Wähler“ sagen – vermutlich weil sie dank der (im Vergleich zum überkommenen „die Wähler“) fünf Silben mehr Zeit zum Nachdenken gewinnen, wie sie ihren Satz beenden können, ohne etwas zu sagen, was entkontextualisiert gegen sie verwendet werden könnte.

„Die Autoren* möchten in ihrem Text zwar alle Geschlechter erfassen, aber auch den Lesefluss bestmöglich bewahren. Deshalb haben sie sich für eine Variante entschieden, bei der das Maskulinum mit einem Genderstern versehen wird“, heißt es in einer Brenner-Stiftungs-Studie zum deutschen „Podcast-Boom“. Was zunächst nach einer gangbaren Lösung klingt, stört jedoch beträchtlich, wenn viermal oder noch öfter auf einer Seite solch ein Sternchen steht, und dann gar noch hinter dem Wort „Host“ – benutzt man Anglizismen denn nicht auch deshalb, um zwischendurch mal kurz vom Gegender zu entspannen? Fühlen sich im gängigen deutschen Sprachgefühl nicht wenigstens bei „Fan“ alle mitgemeint, außer denen natürlich, die keine Fans sind? Die spezielle Gendern-Spielart macht diese inhaltlich interessante Studie, die bizarrerweise den Titel „Den richtigen Ton treffen“ trägt, leider ziemlich unleserlich. Was freilich eine Erkenntnis ist, die auch erst mal gewonnen werden musste.

In journalistischen Medien wird ziemlich viel gegendert und im Grunde ist vieles davon gewöhnungsfähig, solange noch die Freiheit besteht, so oder so oder eben nicht zu gendern, und auch mitten in der ARD junge Frauen das „krampfhafte“ Gendern kritisieren, wie es die ARD-Volontärin Julia Ruhs im März in einem non-linear weitverbreiteten Kommentar tat. Vielleicht erzeugt die steigende Zahl der Gendern-Spielarten sogar schöne Vielfalt. Falls nicht, spiegelt sie zumindest die – vielleicht weniger schöne, aber offenkundig fortschreitende – Ausdifferenzierung bis Fragmentarisierung der Gesellschaft wider.

Aus dem Radio springt Gegender ins Ohr

Wobei die Auffälligkeit des Genderns je nach Mediengattung unterschiedlich ist. Lesen besitzt weiterhin den unschlagbaren Vorteil, dass jeder und jede es im eigenen Tempo tun und so über Sternchen, Unterstriche oder große Binnen-Is (oder über deren Fehlen) flott hinweglesen kann, sofern der Text genug Interesse erzeugt. Die Artikel der „taz“ lassen sich meist gut lesen, auch wenn man selber nicht im selben Ausmaß gendern würde wie diese Pionierin des deutschsprachigen Genderns. Beim Fernsehen und in Bewegtbild-Medien gibt es immer etwas zu sehen. Die Bildebene spielt bei der höchstrichterlich festgestellten Suggestivkraft des Rundfunks die erste Geige.

Wo es keine Bildebene gibt: im Radio. Da stellt der Glottisschlag – „eine kleine Sprechpause, wie sie auch im deutschen Wort Spiegelei vorkommt“, wie die „Süddeutsche“ informierte (also, wenn es ums Ei geht und nicht um eine „Spiegelei“, die sprachspielerisch denkbar wäre) – die einzige Möglichkeit dar, Sternchen oder dergleichen rüberzubringen. Aus dem Radio springt Gendern ins Ohr. In manchen unterhaltenden Sendungen wird die Glottis so süffig geschlagen, dass es kaum noch auffällt (und dennoch signalisiert, dass die Sendung sich vor allem an die richtet, die das goutieren). Wenn Nachrichten gegendert gesprochen werden, geht es vielen auf die Nerven. Dabei lässt sich auch das positiv betrachten.

Sprache lebt, ist also beeinflussbar. Das ist die schöne Formulierung dafür, dass Sprache ein Kampfgebiet ist. Wobei es sich um keine neue Entwicklung handelt, sondern um eine, die ungefähr eingesetzt haben dürfte, als Menschen zu sprechen begannen. Doch dermaßen aus vollen Rohren von allen Seiten umkämpft wie gegenwärtig dürfte Sprache noch niemals gewesen sein – weil es noch niemals so viele Medienkanäle gab, die eigenständig funktionieren und sich dennoch gegenseitig durchdringen.

Die immer noch mehr sog. sozialen Medien folgen zwar allesamt eigenen Gesetzmäßigkeiten, setzen aber in so gut wie allen Formen sowohl auf gesprochene (oder gesungene) als auch auf geschriebene Sprache. An möglichst wohlklingenden „Narrativen“ und an möglichst unmerklichem „Framing“ arbeiten viele, viele hauptberuflich, längst nicht mehr allein Journalisten. Und natürlich werden Politikerinnen und Politiker für jeden ihrer immer zahlreicheren Auftritte in immer mehr Kanälen vor logischerweise immer kleinerem Publikum beraten. Was keinen Vorwurf verdient: Wer nicht frame-t, ist selber schuld (und tut es unbewusst dennoch).

Jedenfalls: Auch noch so nüchtern getextete und verlesene Nachrichten bilden keine Ausnahme. Die Regierungsnähe im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nahm in den vergangenen Jahren weiter zu, sei es als Folge der die Exekutive stärkenden Corona-Pandemie, sei es im Lauf der konsensfixierten Merkel-Ära, sei es als Folge der Groko-Regierungen. In Rundfunkräten sitzen sich schließlich seit jeher rote und schwarze Freundeskreise gegenüber. Manche Rundfunkanstalten, etwa in der Bundeshauptstadt, sind so regierungsnah, dass es wehtut. (Okay, der letzte Satz war lupenreines Framing des Autors dieser Kolumne).

Doch dass jede Verlautbarung eines Bundesministeriums x-mal durch Radionachrichten zirkuliert und damit erstens früh in der medialen Verwertungskette gesetztes politisches Framing à la „Gute-Kita-Gesetz“ affirmativ weitertransportiert und zweitens eine andere Nachricht verdrängt, für die im streng formatierten Rahmen kein Platz mehr ist, macht natürlich Politik. Genau da wirkt jeder Glottisschlag wie ein kleiner Widerhaken im jahre-, für älteres Publikum jahrzehntelang gewohnten Strom der Informationsflut. Da entzaubert das Format der öffentlich-rechtlichen Nachrichten sich so überzeugend selbst, wie noch so scharfe Kritik von außen es kaum leisten könnte. Das erhöht die Aufmerksamkeit dafür, dass keine sprachliche Äußerung neutral sein kann, jede erst einmal Skepsis verdient und medienkompetentes Publikum immer und überall mitbedenken muss, welche Interessen der jeweilige Überbringer (oder die Überbringerin!) gerade verfolgt. So gesehen besitzt Gegender in Radionachrichten hohen Eigenwert.

27.10.2021/MK

Gendern oder nicht gendern, das ist hier die Frage: Das oben ist ein Auszug aus einem Text bei spiegel.de (vom 31.8.21), in dem inkonsequent gegendert wird. Wäre hier konsequent gegendert worden, hätten es in den entsprechenden Sätzen heißen müssen: Keiner und keine der Partner und Partnerinnen veröffentlichte harte Nutzer- und Nutzerinnenzahlen. Und: ...es gebe „mehr als eine Million“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer dürfte deutlich darunter liegen. Bei der Telekom war die Zahl der registrierten Privatnutzerinnen und Privatnutzer zuletzt offenbar sechsstellig, die der Geschäftskundinnen und Geschäftskunden lag im fünfstelligen Bereich. – Gendern oder nicht gendern oder inkonsequent gendern?




Print-Ausgabe 23-24/2021

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