Journalistische Leistungen

Notizen aus der Grimme-Jury „Information und Kultur“

Von Katrin Schuster
26.03.2017 •

Am 31. März (Freitag) werden in Marl die Grimme-Preise 2017 verliehen. Im folgenden Artikel berichtet Jury-Mitglied Katrin Schuster über die Vergabe der Auszeichnungen in der Kategorie Information und Kultur. (Siehe hier auch den Artikel von Jury-Mitglied Jürn Kruse über die Vergabe der Grimme-Preise in der Kategorie Unterhaltung• MK   

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26.03.2017 • Noch scheint es für Journalistinnen und Journalisten keine allzu schwere Übung zu sein, die Kritik an ihrem Berufsstand als belanglos abzutun. Mit Ignoranz, Aufstockung von Social-Media-Teams oder Interviews mit sogenannten Trollen begegnen sie den „Lügenpresse!“-Vorwürfen aus der rechten Szene und dem teils brutalen Hass, der ihnen in sozialen Netzwerken entgegenschlägt. Von der überfälligen Grundsatzdebatte über Transparenz und Autorität, Selbstverständnis und Status der journalistischen Arbeit dagegen kaum eine Spur. Doch allzu lange wird man diese Auseinandersetzung nicht mehr aufschieben können, in Ansätzen hat sie auch schon begonnen.

In den USA hat der neue Präsident Donald Trump bewiesen, dass man mit der fortgesetzten Diskreditierung der freien Presse Präsidentschaftswahlen gewinnen kann; seither setzt er alles daran, die Medien auf seine Linie zu bringen und die Ungehorsamen auszuschließen. Man darf es also im Rückblick als vorausschauend wahrnehmen, dass das Grimme-Institut im vorvergangenen Jahr in der Grimme-Preis-Kategorie „Information und Kultur“ die Rubrik „Besondere journalistische Leistung“ eingeführt hat. Durch die Rasanz, mit der der Journalismus gerade in die Krise trudelt, ist die vermeintlich bloß ideelle Schützenhilfe unversehens zur politischen Rückenstärkung avanciert.

Der Auftrag für drei Fernsehkritiker

Im zweiten Jahr seiner Existenz machte der Preis für die „Besondere journalistische Leistung“ ein Weiteres kenntlich: Von einer ungewohnten Beweglichkeit des Grimme-Instituts seit dem Leitungswechsel im Mai 2014 zeugt nicht nur die Einführung neuer Preise, Kategorien und Rubriken, sondern vor allem der Mut, solche Neuerungen gemeinsam mit den Jurorinnen und Juroren kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Da sich die Jury der Kategorie „Information und Kultur“ im vorigen Jahr mit der Schwierigkeit konfrontiert sah, das Besondere einer journalistischen Leistung zu bewerten, ohne den Durchschnitt seriös definieren zu können, hatte das Grimme-Institut diesmal vorab drei erfahrene Fernsehkritiker beauftragt, das TV-Programm gezielt und konsequent im Hinblick auf journalistische Leistungen zu sichten, zu vergleichen und zu bewerten und ihre Entdeckungen der Nominierungskommission zu übermitteln. Dies war ein Engagement, das sich als so zweckmäßig wie erfolgsträchtig erwiesen hat: Alle der in dieser Rubrik insgesamt vier Nominierungen, darunter eine von der Jury selbst stammende Nachnominierung, hatten ernsthafte Chancen auf einen Grimme-Preis (der in dieser Rubrik jedoch nur einmal vergeben werden darf).

Durchgesetzt hat sich dann der nachnominierte Reporter Ashwin Raman, der – jüngst erst vom einen zum anderen öffentlich-rechtlichen Sender gewechselt – für seine beiden 2016 ausgestrahlten Filme „Im Nebel des Krieges – An den Frontlinien zum ‘Islamischen Staat’“ (ARD/SWR) und „An vorderster Front – Der Krieg gegen den IS“ den Grimme-Preis für die „Besondere journalistische Leistung“ erhält. Raman ist ein Fernsehjournalist, der keine Gefahren scheut, um sich mit den eigenen Augen ein Bild der jeweiligen Lage zu machen. Mithin einer der letzten seiner Art: immer ganz vorne mit dabei, weil er sehen, verstehen und darüber aufklären will. Aus den vielfältigen Undurchsichtigkeiten, jenem „Nebel des Krieges“, in dem er stochert, macht er dabei nie einen Hehl.

Mit diesem Eigensinn hat der 1946 in Mumbai geborene Ashwin Raman eine junge Kollegin aus dem Feld geschlagen: die ebenfalls für die „Besondere journalistische Leistung“ nominierte ARD-Auslandskorrespondentin Shafagh Laghai (WDR), die man hier als weitere Individualistin vorstellen muss. Laghai, im Iran geboren und in Berlin aufgewachsen, geht nicht, wie Raman, näher hin als alle anderen, sondern überhaupt erst einmal hin: In Beiträgen, Kommentaren und Reportagen aus Zentralafrika erhellt sie ein ums andere Mal das düstere Gerede vom „dunklen Kontinent“ mit klug erzählten Geschichten aus der afrikanischen Wirklichkeit beispielsweise in Mali oder auf den Kapverdischen Inseln.

In der Jury-Diskussion über Shafagh Laghais Nominierung wurde erneut jene Frage gestellt, die man sowohl vom vorherigen Jahr her kannte, wie sie auch in der diesjährigen Sitzung etwa hinsichtlich der Nominierungen von „Sport inside“ (WDR Fernsehen, Rubrik „Spezial“) und „Monitor“ (ARD/WDR, Rubrik „Journalistische Leistung“) präsent war: Was bedeutet es eigentlich, wenn man qualitativ hochwertigen Journalismus – also jenen Standard, den man mindestens von öffentlich-rechtlichem Rundfunk erwarten sollte – als Besonderheit markiert? Dieselbe Debatte, gleichsam unter umgekehrten Vorzeichen, wurde von der Jury über eine besondere Ausgabe des ZDF-Kulturmagazins „Aspekte“ geführt, die sich zweisprachig und mit dem türkischen Intellektuellen Can Dündar als Komoderator ausschließlich der Pressefreiheit widmete und für einen „Spezial“-Preis nominiert worden war. Darf man das von einem wöchentlichen Kulturmagazin erwarten oder eben nicht? Ist der Ausnahmezustand eines bewährten Formats im Dienste der politischen Positionierung an sich schon auszeichnungswürdig? Oder erschöpfte sich der Grimme-Preis dadurch im politischen Signal?

Der magische Moment

Die vierte Nominierung für die „Besondere journalistische Leistung“ rundete das Spektrum dieser Rubrik in ihrem zweiten Jahr gelungen ab. Die Berichte von Aud Krubert-Hall und Lan-Na Grosse zum Thema „Willkommen in Templin? Flüchtlinge in der Provinz“ machten sogleich mit ihrem Sendeplatz auf sich aufmerksam: Die Reportage-Reihe mit Doku-Soap-Elementen über ein brandenburgisches Dorf, in dem ein Flüchtlingsheim errichtet und bald auch bewohnt wird, lief im ZDF-„Morgenmagazin“, das nicht unbedingt dafür bekannt ist, heiße Eisen zu behandeln. Hier geschah es, löblicherweise. Und lobend hervorgehoben wurde an der Reihe zudem die Konstanz und Konsequenz der Erzählung über die konkreten sozialen Auswirkungen bundesdeutscher Flüchtlingspolitik.

Jenseits der spannungsreichen Bandbreite der journalistischen Leistungen und ihrer offenkundigen Vielzahl, die manche Sorgen über den Niedergang der Zunft zerstreuen könnte, stehen die Auszeichnung für Ashwin Raman wie auch die hohen Bewertungen von Shafagh Laghai und der Reihe über die Flüchtlinge in Templin für eine markante Tendenz: Der eigene journalistische Augenschein, das Vor-Ort-Gehen, das möglichst nahe Dabeisein und Dabeibleiben, dies wird nicht nur von Jurorinnen und Juroren hoch geschätzt, sondern es eröffnet in ach so globalisierten Zeiten auch weiterhin neue Perspektiven und andere Deutungshorizonte. Nur darf man es nicht als ‘analoge’ Gegenbewegung zur digitalisierten Gesellschaft verstehen; vielmehr ermöglicht erst die zeitgenössische Technik jene Mobilität und Flexibilität, durch die – nicht zuletzt durch die häufige Identität von Autor und Kameramann – bislang unerhörte Geschichten ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden können. Und in jeder der in diesem Jahr im Wettbewerb „Information und Kultur“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Produktionen gibt es ihn auf die eine oder andere Weise – jenen beinahe magischen Moment der Anwesenheit. Womit sich vielleicht auch das Vorherrschen der kürzeren Form unter den Grimme-prämierten Produktionen in diesem Jahr erklärt; Präsenz erlangt man auf der kurzen Strecke womöglich umwegloser als auf der langen.

Ein Preis ging an „Ebola – Das Virus überleben“ und bei diesem Film ist schon seine Existenz ein kleines Mirakel. Just als die letzten Korrespondenten aus Liberia abgezogen wurden, machte sich der Autor Carl Gierstorfer auf den Weg dorthin; seine Produzentin begab sich derweil erst einmal auf die Suche nach einem Abnehmer. Der Film wurde schließlich vom SWR und Arte koproduziert (ausgestrahlt wurde er im Januar 2016 bei Arte). Allein, man muss keinen persönlichen oder unternehmerischen Mut bemühen, um die Auszeichnung dieser Dokumentation zu erklären. Gierstorfer erzählt nicht, was vermeintlich auf der Hand läge, vom Sterben, sondern vom Überleben. Von den sozialen Folgen, die eine solche Epidemie hat: vom anhaltenden Misstrauen in Mitmenschen, von Brüchen in Genealogien und Gesellschaften, von ganz unterschiedlichen Gefühlen angesichts der Zukunft.

Ebenfalls immer nah dran und nie den Blick abwendend drehte Hauke Wendler seine Reportage „Protokoll einer Abschiebung“, ausgestrahlt im Dritten Programm NDR Fernsehen im Rahmen der Reihe „45 Min“. Von der polizeilichen Vorbereitung über das Klingeln nachts um halb vier Uhr, die kaum kommunizierte Trennung der Familie und die Verfrachtung in den Bus bis hin zur Obdachlosigkeit in Albanien protokolliert der Autor filmisch eine angeordnete Abschiebung. Neben dem genauen Blick fürs Menschliche und fürs Bürokratische zeichnet sich die Reportage einerseits durch die sorgfältige Recherche, andererseits durch die zugleich zwingende und offene Dramaturgie aus. „Protokoll einer Abschiebung“ erhielt ebenfalls einen Grimme-Preis. Gegen derart starke Konkurrenz konnte sich der Beitrag „Jung, männlich, marokkanisch – Wie ein Viertel unter Generalverdacht gerät“ (WDR Fernsehen) nicht behaupten. In diesem Film aus der Reihe „Die Story“ wurde bereits kurz nach der Silvesternacht 2015/16 in Köln die migrantische Realität in der Kölner Ellerstraße porträtiert.

Chancen der Gegenwart, Zersplitterung der Realitäten

Mit ihrer durchweg eleganten Mischung aus Dokumentarfilm, Essay und Recherche nahm die Grimme-gekrönte Produktion „Hundesoldaten“ die Jury für sich ein. In ihrem 60-minütigen Abschlussfilm für die Filmakademie Baden-Württemberg beobachtet Lena Leonhardt die Ausbildung von Einsatzhunden bei der deutschen Bundeswehr, unternimmt Streifzüge durch die Historie des Militärhundes und denkt über die eigenwillige Beziehung von Mensch und Tier nach. Klingt zauberhaft und intelligent? Ist es auch, und zwar auch und gerade in der filmischen Umsetzung. „Hundesoldaten“ lief im Dritten Programm SWR Fernsehen im Rahmen der Reihe „Junger Dokumentarfilm“. Als ebenfalls bemerkenswerte Essays sollen hier die Filme „Endstation Bataclan – Vom Busfahrer zum Attentäter“ (Arte/Radio Bremen) von Alexander Smoltczyk und Grit Lederer sowie „Besessen“ (Arte/ZDF) von Dalia Al-Kury nicht unerwähnt bleiben: Der eine erkundet entlang einer Buslinie das Milieu eines der Bataclan-Attentäter, in dem anderen geht die Autorin einem Dämonenglauben ihrer Heimat nach.

Mit der erwähnten Leichtigkeit in der Handhabung, welche die technischen Neuerungen für Autorinnen und Autoren des Fernsehens mit sich bringen, korrespondiert eine Lust am Experimentieren mit dem Wirklichen und dem Fiktionalen. Die einen nutzen die Chancen der Gegenwart, um noch mehr und öfter vor Ort zu sein, die anderen verstehen die Zersplitterung der Realitäten als formale Aufforderung. Als hervorragende Beispiele müssen hier die ganz unterschiedlichen Filme „California City“ (Arte/ZDF) von Bastian Günther und „Eines Tages…And-Ek Ghes“ (RBB Fernsehen) von Philip Scheffner und Colorado Velcu genannt werden. Der erstgenannte Beitrag erprobt eine erfundene Figur, einen namenlosen Insektenvernichter, an der surreal inszenierten Wirklichkeit der sterbenden und verdurstenden Stadt California City. Der andere Film setzt sich aus den Aufzeichnungen verschiedener Autorinnen und Autoren zusammen, um Klischee und Realität einer rumänischen Roma-Familie in Deutschland aneinander zu messen. Die ebenfalls im Wettbewerb befindliche Dokumentation „Hannah Arendt – Die Pflicht zum Ungehorsam“ (Arte/WDR) von Ada Ushpiz wiederum konfrontiert die Aussagen der Philosophin Hannah Arendt mit deren vermeintlichen Erben, Splitscreen inbegriffen.

Reflexion, Recherche, Rekonstruktion

Die Wirklichkeit als Ansichtssache – darüber reflektierten mehrere nominierte Produktionen. In den Filmen „Als wir die Zukunft waren – Sieben Geschichten aus einem verschwundenen Land“ (RBB Fernsehen/MDR Fernsehen) und „Zwei Stimmen aus Korea“ (3sat/ZDF) von Sung-Hyung Cho wird das jeweils schon im Titel deutlich: hier sieben verschiedene DDR-Biografien, dort zwei Mädchenbiografien aus den zwei Teilen Koreas. „Zwei Stimmen aus Korea“ erhielt große Zustimmung in der Jury, nicht nur wegen der internationalen Themen­setzung, sondern vor allem auch für das entspannte und uneitle Vertrauen, das die Autorin in ihre Geschichte und ihre Protagonistinnen setzt. In „Aus dem Abseits“ (3sat/ZDF/RBB) wiederum bewies der junge Regisseur und Autor Simon Brückner sein vielversprechendes Talent für die filmische Recherche: Auf der Suche nach dem Mensch, der sein früh verstorbener Vater – kein Geringerer als der Sozialpsychologe und 68er-Intellektuelle Peter Brückner – nun eigentlich war, findet er bewegende Bilder und nicht nur angenehme Wahrheiten. Koautor war bei diesem Film Sebastian Winkels.

Rekonstruktionen unternehmen auch Eric Friedler in „Der Clown“ (ARD/NDR) und Artem Demenok und Andreas Christoph Schmidt in ihrem Zweiteiler „Schatten des Krieges“ (ARD/RBB/NDR). Friedler, man weiß es, ist ein großartiger Erzähler. Ihn zeichnet zudem sein wiederholtes Nachdenken über sein Medium, den Dokumentarfilm, aus. Für „Aghet“ lasen prominente Schauspieler aus Originaltexten aus der Zeit des Völkermords an den Armeniern in der Türkei; in „Der Clown“ treten noch lebende Schauspieler des wohl berühmtesten verschollenen Werks der Filmgeschichte – Jerry Lewis’ KZ-Komödie „The Day The Clown Cried“ – noch einmal in ihren Rollen auf. Die Erkenntnis, dass Reenactment nicht zwingend Klamotte sein muss, verdankt man zuallererst diesem Autor. Einen Grimme-Preis hat er in diesem Jahr denkbar knapp verpasst; entsprechend gering die Einwände, die vor allem auf Dramaturgie und Selbstreflektion zielten.

Von Anfang an gelobt wurden die beiden Filme „Das sowjetische Erbe“ von Artem Demenok und „Das vergessene Verbrechen“ von Andreas Christoph Schmidt, die zusammen den Dokumentarzweiteiler „Im Schatten des Krieges“ bilden. Gleichsam von zwei Seiten beleuchten sie den Umgang mit der Beteiligung Russlands im Zweiten Weltkrieg: Im Osten wurden Heldenmythen erfunden, im Westen schrieb man die Geschichte vom russischen Untermenschen fort, auch nach 1945. Die akribische und ästhetisch eindrucksvolle Analyse der Gedenkkulturen dient nicht allein der medienhistorischen Aufarbeitung, sondern immer auch dazu, die Beteiligten zu identifizieren, den Opfern Namen und damit Biografien zurückzuerstatten. Und da ist er wieder: dieser magische Moment der Anwesenheit. Und genau dafür gibt es ihn eben: den Grimme-Preis.

26.03.2017/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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