Eigene Handschriften, relevante Themen

Eine Art des Filmemachens, wie sie sonst keine Lobby hat: Zur achten Staffel der 3sat-Reihe „Ab 18!“

Von René Martens
12.11.2020 •

Die Filme der siebten Staffel der Dokumentarreihe „Ab 18!“, die 3sat im Herbst 2019 ausstrahlte (vgl. MK-Artikel), erzählten im weiteren Sinne Coming-of-Age-Geschichten junger Frauen. Auch in der 2020er-Ausgabe, ausgestrahlt in zwei Dreierblöcken an zwei aufeinanderfolgenden Montagen, sind Frauen in der Überzahl; die inhaltlichen Schwerpunkte weichen aber stark voneinander ab.

In der Reihe, die formal jeweils unterschiedliche Autorendokumentarfilme über das Leben junger Erwachsener zusammenfasst, ist Rosa Hannah Ziegler diesmal bereits zum zweiten Mal vertreten. 2017 war sie mit dem im Folgejahr mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm „Du warst mein Leben“ (vgl. MK-Kritik) Teil der Reihe. In ihrem diesjährigen Beitrag „Ich habe dich geliebt“ dokumentiert sie ein sich über drei Filmsequenzen erstreckendes Trennungsgespräch zwischen dem 27-jährigen Ben und der 21-jährigen Katharina. Ben ist der Sohn von Biggi, einer der Protagonistinnen von Zieglers vorigem Film „Familienleben“, der vom Alltag einer vom Leben schwer gezeichneten Patchwork-Familie im sehr ländlichen Sachsen-Anhalt erzählte und im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt wurde (vgl. MK-Kritik). Es ist allerdings eher eine lose Verbindung zwischen den beiden Filmen, denn weder kommt Ben im Vorgängerfilm vor noch seine Mutter im neuen.

Radikale Nähe zu den Protagonisten

„Ich habe dich geliebt“ hat die für Filme von Rosa Hannah Ziegler bekannten Stärken. Die Autorin und Regisseurin stellt eine radikale Nähe zu ihren Protagonisten her, die beim Zuschauer oft eine durchaus produktive Beklemmung erzeugt. Die Gespräche, die Ben und Katharina in „Ich habe dich geliebt“ führen – wie „Du warst mein Leben“ ein Film mit kammerspielartigen Zügen –, drehen sich im Kreis. Sie ist von seinen ständigen (Text-)Nachrichten genervt, er fühlt sich von ihr ignoriert, das wäre die vereinfachte Zusammenfassung. Am Ende des Trennungsgesprächs und des Films erlebt der Zuschauer eine, vorsichtig formuliert: unvorhergesehene Wendung. Plötzlich ist die Rede von einem gemeinsamen Sohn, der – jedenfalls ist das die wahrscheinlichste Deutung – verstorben ist.

In den Gesprächen mit Ben legt Katharina zwar eine relative Sprachlosigkeit an den Tag, doch Rosa Hannah Ziegler zeigt auch, dass es eine andere Welt im Leben ihrer Protagonistin gibt. In mehreren TikTok-Videos schlüpft sie auf sehr kreative Art in verschiedene Frauenrollen. Ein Clip, den Katharina zum Song „Hello Kitty“ von Avril Lavigne aufgenommen hat, dient als Untermalung für den Abspann.

Warum dieser gefährliche Job?

Eine Art Selbstporträt ist dagegen der Film „Hinter unserem Horizont“, der am ersten der zwei „Ab 18!“-Sendetage im Anschluss an „Ich habe dich geliebt“ zu sehen war. Die Filmemacher und Fotografen Dennis und Patrick Weinert, die vom Standort Vietnam aus Krisengebiete in Afrika und Asien bereisen und im September für ihre im Dezember 2019 erstausgestrahlte Arte-Reportage „Kongo: Ebola ist zurück“ mit dem Peter-Scholl-Latour-Preis ausgezeichnet wurden, gehen hier der Frage nach, was es über sie selbst aussagt, dass sie sich einen oft sehr gefährlichen Job ausgesucht haben.

Die Introspektion wird flankiert von einer Blitz-Werkschau, die unter anderem bedrückende Bilder aus Afghanistan und einem Rohingya-Flüchtlingslager in Bangladesch umfasst. Als eine Art Klammer dienen in „Hinter unserem Horizont“ Bilder, die bei Dreharbeiten für die Reportage „Unter Warlords – Bürgerkrieg im Herzen Afrikas“ (Y‑Kollektiv/Radio Bremen/Funk, 2018) entstanden sind. Bei dieser Produktion in Zentralafrika gerieten die Weinerts in Lebensgefahr, wurden von einer Rebellengruppe verprügelt. „Hinter unserem Horizont“ wirkt eher wie eine steinbruchartige Sammlung von teilweise zweifellos beindruckendem Material. Vielleicht aber wäre es zielführender gewesen, wenn eine Person von außen die Gebrüder Weinert porträtiert hätte – und nicht diese sich selbst.

Aus anderen Gründen als die Weinerts hat Sascha Gewalt erfahren, der in Basel lebende Protagonist im Film „Being Sascha“ von Manuel Gübeli. Sascha ist eine Transperson, bezeichnet sich als non-binär und möchte weder als Transfrau noch als Transmann bezeichnet werden. Sascha will „die Gewalt sichtbar machen“, mit der Transmenschen konfrontiert seien, möchte eigene Gewalterfahrungen aber im Film nicht schildern, um niemanden, der sich möglicherweise als trans outen möchte, davon abzuhalten.

Eine medienkritische Ebene

Die deutsch-schweizerische Koproduktion „Being Sascha“ hat auch eine medienkritische Ebene. Autor und Regisseur Manuel Gübeli gibt seinem Protagonisten Raum, grundsätzliche Bedenken zu äußern. „Medienschaffende“, sagt Sascha im Gespräch mit Gübeli, hätten, bevor sie mit der Arbeit beginnen, eigene Bilder im Kopf, „die sie inszenieren wollen“. Abgesehen von zwei Interviewpassagen, in denen der Autor selbst kurz zu Wort kommt, lässt Gübeli Sascha über sich selbst erzählen. Es gibt im Film sonst niemanden, der über Sascha spricht, Freunde oder Arbeitskollegen etwa.

Die mit Abstand bekannteste Protagonistin der diesjährigen „Ab 18!“-Staffel ist Luisa Neubauer, 24, die zentrale Figur der deutschen Sektion der Klimaaktivisten-Bewegung „Fridays for Future“. Romy Steyer dokumentiert in ihrem Film „Luisa“, wie Neubauer zu einer öffentlichen Figur wird. Ab dem Januar 2019 hat sie die Aktivistin begleitet – bei internen „Fridays-for-Future“-Treffen, Protestaktionen aller Art und diversen Interviews zwischendurch.

Steyer führt keine Gespräche mit Neubauer, jedenfalls nicht vor der Kamera. Vielmehr porträtiert sie die Aktivistin unter anderem anhand der vielen, vielen Gespräche, die diese mit anderen führt – etwa mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der die bei vielen Politikern üblichen schönen, aber folgenlos bleibenden Worte über „Fridays for Future“ formuliert („Es ist sehr beeindruckend. Wir brauchen diesen Druck“). Oder mit Christos Doulkeridis, einem Brüsseler Stadtteil-Bürgermeister, dem sie abringt, dass Aktivisten den Vorplatz des Europäischen Parlaments noch länger besetzen können als vorher ausgemacht.

Unterwegs mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer

Mehrmals sieht man in dem 45-minütigen Film Luisa Neubauer auch am Rande der Erschöpfung – etwa wenn sie auf dem Boden liegend telefoniert oder wenn beim Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen, als Neubauer zu diesem Zeitpunkt gerade in die Partei eingetreten ist, jeder auf sie einredet, sei es der Kreisvorsitzende aus Osterholz oder die Redakteurin des Mitgliedermagazins.

Die Protagonisten der hier besprochenem vier Filme haben gemeinsam, dass sie auf unterschiedliche Art in der Öffentlichkeit stehen: Katharina aus „Ich habe dich geliebt“ erreicht als TikTokkerin zumindest eine Teilöffentlichkeit, die Transperson Sascha tritt bei Spoken-Word-Shows auf und ist in der queer-feministischen Szene der Schweiz bekannt, die Gebrüder Weinert stellen Öffentlichkeit für ihre Anliegen her und Luisa Neubauer tut Letzteres erst recht.

Fazit: Die 3sat-Reihe „Ab 18!“ versammelt auch in ihrer achten Staffel wieder unterschiedliche filmische Handschriften und Themen von aus jeweils unterschiedlichen Gründen hoher Relevanz. „Ab 18!“ steht für unformatiertes dokumentarisches Erzählen, und so erfreulich es ist, dass so etwas in einem Spartenprogramm einmal im Jahr in sechs Beiträgen von 30 bis 45 Minuten möglich ist, so ärgerlich ist es, dass solche Art des Filme­machens in den Sendern ansonsten keine Lobby hat.

12.11.2020 – René Martens/MK

• Die Sendetermine der sechs Ab 18!-Filme der diesjährigen Staffel:

Mo 26.10.2020

22.30 bis 23.00 Uhr: Seda baut Autos*
23.00 bis 23.45 Uhr: Ich habe dich geliebt
23.45 bis 0.20 Uhr: Hinter unserem Horizont

Mo 2.11.2020

22.30 bis 23.15 Uhr: Luisa
23.15 bis 23.50 Uhr: Being Sascha
23.50 bis 0.30 Uhr: Die Gewichtheberin*

Die beiden mit Sternchen versehenen Filme hat der Autor nicht gesichtet. Alle sechs Filme sind weiterhin in der 3sat-Mediathek zum Anschauen abrufbar.

12.11.2020/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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