Wer bin ich? Die neue Staffel der 3sat-Reihe „Ab 18!“ erzählt Geschichten über junge Frauen

13.11.2019 •

„Ab 18!“, die Autorendokumentarfilmreihe über das Leben junger Erwachsener, die 2013 auf dem mittlerweile eingestellten Spartensender ZDFkultur startete und dann zu 3sat wanderte, lief in diesem Jahr zum siebten Mal – ausnahmsweise ausschließlich mit weiblichen Protagonisten. 3sat strahlte die sechs Produktionen der aktuellen Staffel (vier halbstündige Filme, ein 35- und ein 45-minütiger Film) nach dem vertrauten Prinzip aus – verteilt auf zwei Dreierblöcke an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Sendetage waren der 4. und der 5. November (Montag/Dienstag); der erste Film des Abends startete jeweils um 22.25 Uhr. Die sechs Dokumentarfilme sind allesamt ein Jahr lang in der 3sat-Mediathek verfügbar. Für diese Besprechung der aktuellen Staffel wurden vier davon gesichtet – außen vor blieben die Filme „Skater Girls“ und „Ich will Gerechtigkeit!“. • MK

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Von René Martens

„Get on your horse“ steht auf einem Schild, „In it to win it“ auf einem anderen. Sprüche wie diese hat ein Hamburger Coaching-Unternehmen auf Schildern in den Fluren seiner Firmenräume angebracht. In dieser Phrasen-Hölle ist Elsa, die 20-jährige Protagonistin des Dokumentarfilms „Dazwischen Elsa“, gelandet – offenbar hat ihre Mutter das eingefädelt, die sich nicht damit abfinden mag, dass Elsa ein Jahr nach ihrem Abitur immer noch nicht weiß, was sie bzw. was aus ihr werden soll.

„Dazwischen Elsa“, als fünfter Film der neuen Staffel der 3sat-Reihe „Ab 18!“ ausgestrahlt, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die paralysiert zu sein scheint von dem Druck, sich schnell für das Richtige entscheiden zu müssen. Dieser Druck findet oft auch Niederschlag in der Bildsprache der Regisseure Christoph Rohrscheidt und Katharina Pethke. Vor Elsas Treffen mit der Karriereberaterin zeigen sie zum Beispiel die einschüchternde Glasarchitektur des Gebäudes, in dem die Coaching-Firma residiert.

In einem auf der 3sat-Website abrufbaren Interview sagt Christoph Rohrscheidt zur Arbeitsweise des Filmemacherduos: Wenn sich etwas in einem Bild erzählen lasse statt in zwei Bildern, entscheide man sich für „die Reduzierung auf das Wesentliche“. Diese „Reduzierung“ ist eine Stärke des Films „Dazwischen Elsa“. Die Erzählung wirkt im guten Sinne fragmentarisch, sie lässt Lücken, die der Zuschauer selbst füllen muss. Am Ende kristallisiert sich zum Beispiel heraus, dass Elsa Kunst studieren möchte – die Gründe werden aber nur angedeutet.

Die Folgen des Brexits

In der letzten Einstellung sieht man Elsa mit einer Mappe unter dem Arm über einen Flur gehen, vermutlich handelt sich bei dem Gebäude um die Kunsthochschule in Hamburg. Personen von hinten zu filmen – das ist in diesem Film eines der Stilmittel Pethkes und Rohrscheidts. Diese Kameraperspektive bewirkt, dass man sich stärker darauf konzentriert, was gesagt wird. Oder sie gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, sich selbst vorzustellen, was, ohne die Gesichter zu sehen, in den Personen vor sich geht. Das ist zum Beispiel der Fall, als Elsa und ihre Mutter nach dem Termin mit der Coaching-Firma schweigend im fahrenden Auto zu sehen sind.

Während die Regisseure Rohrscheidt und Pethke auf Elsa als Protagonistin gestoßen sind, weil diese als Babysitterin für sie gearbeitet hat – die Filmemacher sind privat ein Paar –, haben Marvin Hesse und Lea Semen die Protagonistin ihres „Ab-18!“-Films „Me and Europe“ im Rahmen einer Recherche-Reise in Schottland gefunden. Sie suchten dort jemanden, der im Vorfeld des Brexits eine Interrail-Reise durch Europa machen möchte. Sie stießen dabei auf die 23-jährige Kaiya, die an der Theaterakademie in Glasgow studiert.

„Me and Europe“ kreist um die Frage, wie sich das Reisen durch Europa infolge des Brexits für junge Briten verändern wird. Der Film fängt Gespräche ein, die Kaiya – nicht nur über Politik – mit Gleichaltrigen führt, die sie auf ihrer Reise trifft. Zuweilen bekommt der Zuschauer auch touristische Impressionen geliefert – aus der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje bleiben vor allem Bilder von großen Künstlerstatuen im Gedächtnis. Hin und wieder fasst Kaiya die Eindrücke ihrer Begegnungen zusammen. Sie sei immer auf der Suche nach jemandem, der besser argumentiere als sie. Jedenfalls seien all diese Gespräche mehr als nur „Smalltalk“ – für den Zuschauer von „Me and Europe“ erschließt sich diese Einschätzung jedoch nicht unbedingt.

Die Glasgower Studentin Kaiya ist, wie Elsa aus Hamburg, eine junge Frau, die über den Kreis ihrer Freunde und Bekannten hinaus bisher nicht bekannt war. Das ist bei der Protagonistin von „Motorcycle Woman“ anders: Zenith Irfan, die in der pakistanischen Elf-Millionen-Stadt Lahore lebt, betreibt einen Blog, gibt bei Instagram Einblicke in ihr Leben und berichtet über ihre Motorradtrips durch Pakistan. Ihr Leben wurde in ihrem Heimatland bereits als Biopic verfilmt („The Motorcycle Girl“, 2018).

Die Ethnologin auf dem Motorrad

Unter den Regisseurinnen und Regisseuren der siebten „Ab-18!“-Staffel hat Sabiha Sumar, die „Motorcycle Woman“ gedreht hat, die bemerkenswerteste Berufsbiografie. Seit rund einem Vierteljahrhundert beschäftigt sie sich in ihrer Arbeit mit Fundamentalismus und Frauenfeindlichkeit in der pakistanischen Gesellschaft. „Who Will Cast the First Stone?“, ein Dokumentarfilm über drei Frauen in einem pakistanischen Gefängnis, gewann bereits 1998 den Golden Gate Award beim San Francisco Film Festival.

Für „Motorcycle Woman“, von 3sat als zweiter Film der aktuellen „Ab-18!“-Staffel gesendet, hat Sumar eine von Zeniths Motorradreisen begleitet. Es ist auch eine Art Roadmovie – zumindest im weiteren Sinn, weil sich der Begriff „road“ für einen Teil der unwegsamen Routen, auf denen Zenith unterwegs ist, nicht unbedingt aufdrängt. Die 24-jährige Protagonistin wird dabei zu einer Art Ethnologin im eigenen Land. Sabiha Sumars Film erzählt die Geschichte der Unterschiede zwischen einer jungen großstädtischen Frau, die sich die Freiheit erkämpft hat, Motorrad fahren zu dürfen, und jenen Frauen in den dörflichen Regionen Pakistans, die im Alter von 12 oder 13 Jahren verheiratet werden und kaum eine Chance haben, sich dagegen zu wehren. Letztere sind aber kaum sichtbar in dem Film: Zenith versucht während ihrer Reise, in verschiedenen Dörfern mit Frauen ins Gespräch zu kommen, aber meistens gelingt das nicht, weil die männlichen Mitglieder der Familien es verhindern. Auch wenn die Erkenntnisse, die Sumars Protagonistin während ihrer Reise gewinnt, nicht sonderlich überraschend sind: „Motorcycle Woman“ ist ein wichtiger Film, denn Zenith ist eine Identifikationsfigur, die jungen Frauen Mut zur Selbstermächtigung macht.

Wie Zenith Irfan ist auch Micaela Verón, die Protagonistin in Joakim Demmers und Verena Kuris Film „Die Tochter von…“, in ihrem Heimatland eine mediale Figur. Anders als Zenith indes, die offensiv die Öffentlichkeit nutzt, um ihre Geschichte zu erzählen, hat sich bei Micaela eine Abwehrhaltung herausgebildet. Sie habe „das Gefühl“, dass ihre „Identität von den Medien konstruiert wurde“, sagt sie in Demmers und Kuris Dokumentarfilm. Micaelas – ambivalentes – Verhältnis zu den Medien und dem Bild, das sie in der Öffentlichkeit bisher abgegeben hat, kommt an mehreren Stellen des Films zur Sprache.

Die Tochter einer entführten Mutter

Hintergrund: Micaela ist die Tochter von Marita Verón, die vor 17 Jahren auf dem Weg zu einem Arzttermin im Krankenhaus verschwand, als sie von Menschenhändlern entführt wurde – und deren Geschichte haben die argentinischen Medien über die Jahre immer wieder erzählt. Nicht zuletzt ist Micaela die Enkelin der Aktivistin Susana Trimarco, die 900 entführte Frauen befreit hat und 2013 für den Friedensnobelpreis nominiert war.

Für die 19-jährige Micaela, die Anthropologie studiert und in einer feministischen Gruppierung aktiv ist, stellt sich die „Wer-bin-ich?“-Frage, die auch die anderen Protagonistinnen der Reihe umtreibt, unter ungewöhnlichen Rahmenbedingungen. Um sich selbst finden zu können, muss sie ihre Vergangenheit loswerden – die sie wiederum nicht verleugnen will oder kann. Zur Geschichte ihrer Mutter sagt sie: „Wie können wir die Identität einer verschwundenen Person verstehen? Die Entführten leben und sterben immer wieder, ohne zu existieren.“

Während „Dazwischen Elsa“ der formal interessanteste Film der vier hier gesichteten Filme der neuen Staffel ist, ist „Die Tochter von…“ der inhaltlich vielschichtigste – zumindest unter den vier hier besprochenen. Er geht das Thema der verschwundenen Frauen in Argentinien unter einer ungewöhnlichen Perspektive an und weist am weitesten über die Geschichte hinaus, die er erzählt. Insgesamt fällt dieser „Ab-18!“-Jahrgang etwas besser aus als die mit Blick auf die Gesamtgeschichte der Reihe vergleichsweise schwache Staffel des Vorjahres.

13.11.2019 – MK

Print-Ausgabe 24/2019

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