Die Verdrängung 
der Literatur

Interview mit dem früheren SFB-Fernsehredakteur Jürgen Tomm

Von René Martens
20.12.2020 •

Der Stellenwert von Kultur und insbesondere Literatur im Fernsehen sinkt. Das ZDF hat sein Kulturmagazin „Aspekte“ am Freitagabend auf einen noch späteren Sendeplatz verschoben (vgl. diese MK-Meldung). Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat im Zuge eines Sparprogramms das „Bücherjournal“ eingestellt, die letzte Sendung wurde am 1. Dezember im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt. In der Hochzeit des Literaturfernsehens lief im damals gemeinsamen Dritten Fernsehprogramm von NDR, Radio Bremen und Sender Freies Berlin (SFB), der sogenannten Nordkette, um 20.15 Uhr die legendäre Literatur-Gesprächssendung „Autor-Scooter“. Redaktionell verantwortlich für die Sendung war Jürgen Tomm, geboren 1939 in Rendsburg. Er war von 1970 bis 2003 Fernsehredakteur beim 2003 im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) aufgegangenen SFB und vorher (ab 1965) Hörspielredakteur beim NDR. Tomm ist heute Mitbetreiber des Buchhändlerkellers, eines literarischen Veranstaltungsorts in Berlin-Charlottenburg. MK-Mitarbeiter René Martens sprach mit Jürgen Tomm über das Fernsehen und die Literatur. • MK

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MK: Herr Tomm, im NDR Fernsehen ist nach mehr als drei Jahrzehnten gerade die Geschichte der Literatursendung „Bücherjournal“ zu Ende gegangen. Haben Sie diese Sendung zu Ihrer Redakteurszeit regelmäßig verfolgt?

Jürgen Tomm: Das „Bücherjournal“ war in der damaligen Nordkette das einzige Literaturmagazin. Ich habe das natürlich regelmäßig verfolgt – unter anderem weil Mitarbeiter meiner Redaktion wiederum Beiträge für das „Bücherjournal“ produzierten und sich immer freuten, wenn sie für die Sendung arbeiten konnten, weil sie dort besser bezahlt wurden als beim SFB und sehr gute Redakteure hatten. Ich habe die Sendung sehr geschätzt, bis zuletzt. In der vorletzten Ausgabe Ende Oktober hat mir zum Beispiel sehr gut gefallen, wie die Sendung gebaut war, wie die Redaktion in allen Beiträgen immer wieder auf unterschiedliche Weise das Thema Flucht durchklingen ließ. Dass in dieser Ausgabe Querverbindungen zwischen den einzelnen Beiträgen möglich waren, fand ich spannend – und das zeigt auch, was die Qualitäten solcher Sendungen ausmachen kann.

MK: Als der NDR im Frühjahr 2020 die Einstellung des „Bücherjournals“ bekannt gab, erwähnte Anja Reschke, die zuständige Leiterin des Programmbereichs ‘Kultur und Dokumentation’, dass die Sendung im Schnitt nur 36.000 Zuschauer erreiche. Verschiedene Verlagsmanager kritisierten dagegen in einem offenen Brief, die Absetzung der Sendung trage „zur Zerstörung unseres kulturellen Lebens bei“.

Jürgen Tomm: Als ich gehört habe, dass das „Bücherjournal“ eingestellt wird, weil es kaum noch Zuschauer hat, nachdem man das Magazin auf einen Sendeplatz verbannt hatte, wo es kaum noch Zuschauer erreichen kann – da war ich genauso empört wie viele andere aus dem Literaturbetrieb. Ich finde das sehr schade – wenn man bedenkt, wie sorgfältig die Sendungen stets vorbereitet, moderiert und gestaltet wurden. Die Funktion so einer Sendung ist es, dem Publikum Bücher zu empfehlen und nahezubringen: gestaltete Sprache, gestaltete Phantasie, gestaltete Probleme der Gegenwart neben all der Phrasendrescherei. Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender das für überflüssig hält, finde ich skandalös.

Gestaltete Sprache, gestaltete Phantasie

MK: Während im NDR Fernsehen eine Literatursendung künftig nicht einmal mehr im Nachtprogramm möglich sein wird, haben Sie im alten Dritten Programm des NDR, an dem bis 1989 auch der SFB beteiligt war, eine Literatursendung verantwortet, die um 20.15 Uhr zu sehen war: Sie hieß „Autor-Scooter“. Wie sah das Konzept der Sendung aus?

Jürgen Tomm: Der „Autor-Scooter“ war eine 60-minütige Gesprächssendung, die zwischen 1977 und 1986 monatlich lief, ausgenommen in den Sommerpausen. Zu Gast war jeweils ein prominenter Autor. Die Sendung lief live um 20.15 Uhr mit Studiopublikum, das sich mit Fragen zu Wort melden konnte. Für die Fernsehzuschauer gab es die Möglichkeit, über mehrere Leitungen im Studio anzurufen und Fragen an die Autoren oder Autorinnen zu stellen, die der jeweilige Moderator oder ich dann an den Gast weitergeleitet haben. Das war damals recht aufwendig, aber diese Teilhabe war uns wichtig. Uns ging es darum, die Einbahnstraße Fernsehen in beide Richtungen befahrbar zu machen. Manche hielten das für Pseudo-Demokratie. Im heutigen digitalen Zeitalter gibt es natürlich einfachere und schnellere Formen von Teilhabe.

MK: Welche Autoren waren in der Sendung zu Gast?

Jürgen Tomm: Die gesamte Prominenz der deutschen Literatur – Martin Walser, der 1977 der allererste Gast war, Böll, Grass, Jandl, Fried, Tabori, aber auch nicht ganz so prominente wie Dieter Kühn, Hilde Spiel oder Leonie Ossowski oder ostdeutsche oder ehemals ostdeutsche Autoren wie Heym und Hermlin oder Biermann und Jurek Becker. Es gab auch ausländische Autoren wie Doris Lessing, Margaret Atwood oder Stanislaw Lem und viele andere. Weil wir gewissermaßen die Karte der Autoren von oben heruntergespielt haben, war es völlig unstrittig, dass sich eine einstündige Sendung komplett um einen einzigen Autor drehen durfte.

MK: Das Wortspiel im Titel der Sendung versprach ja Vergnügen und Spektakel.

Jürgen Tomm: Der Titel ließ zwar an Karambolagen von Autoscootern auf dem Jahrmarkt denken, aber in der Sendung kam es in der Regel nicht zu solchen Zusammenstößen, außer mit Schriftstellern wie Wolf Wondratschek. Der „Autor-Scooter“ war eher ein freundliches Auswickeln der Autoren.

„Zur Erfrischung“ eine Folge „Autor‑Scooter“

MK: Im Netz findet man eine 2015 erschienene, quasi verspätete Rezension einer „Autor-Scooter“-Sendung von 1984. Danilo Scholz, ein Autor des Blogs der Kulturzeitschrift „Merkur“, war von einer Ausgabe des „Literarischen Quartetts“ frustriert und schaute sich „zur Erfrischung“, wie er schrieb, danach eine „Autor-Scooter“-Folge mit dem Schriftsteller Jörg Fauser an, die bei YouTube abrufbar ist und von der die entsprechende Kolumne dann hauptsächlich handelt. Scholz ist Jahrgang 1984. Haben Sie den Eindruck, dass Journalisten, die zu jung sind, um den „Autor-Scooter“ damals gesehen haben zu können, die Sendung in den vergangenen Jahren verstärkt entdeckt haben?

Jürgen Tomm: Ja, nach der digitalen Ausrichtung des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preises schrieb beispielsweise ein Kritiker in der FAZ über die Einrichtung im Studio: „Denkt man an die Geschichte des Literaturfernsehens, könnte man glauben, hier legte man die sagenhafte Sendung ‘Autor-Scooter’ des SFB wieder auf.“

MK: Die Sendung mit Fauser ist bei YouTube abrufbar, weil BR-alpha, das heute ARD-alpha heißt, sie 2009 anlässlich von Fausers 65. Geburtstag wiederholt hat. Es scheint die einzige „Autor-Scooter“-Ausgabe zu sein, die im Internet verfügbar ist.

Jürgen Tomm: Soweit ich weiß, ja. Insgesamt gab es 85 Sendungen – wovon, glaube ich, einige wenige aus den frühen Jahren überhaupt nicht mehr erhalten sind. Von diesen Live-Sendungen existieren keine Mitschnitte.

Eine Freiheit, die kein anderer Redakteur in der gesamten ARD hatte

MK: Die „Autor-Scooter“-Sendung mit Jörg Fauser haben Sie gemeinsam mit dem damaligen „Spiegel“-Kulturressortchef Hellmuth Karasek moderiert. Gab es wechselnde Co-Moderatoren?

Jürgen Tomm: In den ersten Jahren – etwa bei der ersten Hälfte der 85 Sendungen – waren im Wechsel der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz und der Germanist Peter Wapnewski die Hauptmoderatoren. Ihnen war noch ein weiterer Moderator oder Befrager zugeordnet, der sich mit dem Werk des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin besonders gut auskannte. In der zweiten Hälfte war dann sehr oft Hellmuth Karasek der eigentliche Gesprächspartner des Autors. Ich habe als Begrüßonkel und Anwalt von Publikum und Anrufern agiert.

MK: Angesichts dessen, dass in Ihrer Sendung die Literatur der herausragenden Autoren der damaligen Zeit um 20.15 Uhr präsentiert wurde, fragt man sich heute natürlich: In was für einem Programmumfeld fand das damals statt?

Jürgen Tomm: „Drittes Programm“, das war damals noch kein Schimpfwort. Mein Vorvorgänger Ernst Schnabel – eine Legende des bundesdeutschen Rundfunks – hatte sich ausbedungen, dass der SFB in der Nordkette einmal pro Woche einen kompletten Abend bestreiten kann. Diesen kompletten Sendeabend, den sogenannten „Berliner Montag“, habe ich später, als Schnabel den SFB längst verlassen hatte, gewissermaßen geerbt. Wir machten jeden Montag von 20.15 Uhr ad libitum Programm bis zum Testbild. Wann das Testbild kam, konnte die Redaktion im Prinzip selbst entscheiden. Ich habe diesen ganzen Sendeabend lange nach eigenen Kriterien mit Eigenproduktionen, Wiederholungen und Übernahmen aus anderen Dritten Fernsehprogrammen bestückt und konnte dabei wie in der eben erwähnten „Bücherjournal“-Sendung über einen ganzen Abend Querverbindungen zwischen den einzelnen Sendungen herstellen – so dass es Themenabende gab, bevor es Themenabende gab. Eine Voraussetzung dafür, dass die Redaktion das machen konnte, war, dass sie einen Jahresetat für den gesamten „Berliner Montag“ verwaltete.

MK: Das klingt mit Blick auf die heutigen Strukturen wirklich ziemlich ungewöhnlich.

Jürgen Tomm: Das war es damals auch. Ich hatte eine Freiheit, die, glaube ich, kein anderer Redakteur in der gesamten ARD hatte. Ich habe Fernsehspiele produziert, Kurzfilme in Auftrag gegeben, war für historische Ratespiele zuständig, konnte Features und Dokumentationen unterbringen. Die meisten meiner für Literatur zuständigen Kollegen in der ARD waren reine Literaturredakteure. Der einzige, der in sieben verschiedenen Genres herumdilettiert hat, war ich.

MK: Ernst Schnabel war ja nicht nur Programmmacher, sondern auch Schriftsteller und gehörte zum Kreis der Gruppe 47. Inwiefern schlug sich das beim „Berliner Montag“ nieder?

„Berliner Montag“: Die Schriftsteller selbst machten das Programm

Jürgen Tomm: Der literarische Schwerpunkt dieser Sendestrecke war schon durch ihn vorgeprägt. Viele Schriftsteller aus dem Kreis der Gruppe 47 haben in der Frühzeit des „Berliner Montags“ selbst das Programm gemacht: Hans-Werner Richter, Walter Höllerer und Reinhard Lettau beispielsweise.

MK: Sie sagen, der „Berliner Montag“ sei oft eine Art Arte-Themenabend avant la lettre gewesen. Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie so ein Programm zusammengestellt war?

Jürgen Tomm: Ich erinnere mich, dass wir an einem Abend Teile einer Aufführung der „West Side Story“ aus dem „Theater des Westens“ live übertragen haben. Im Rahmen dessen habe ich den Intendanten des Theaters interviewt. Weil es in dem Stück um die Auseinandersetzungen zwischen Migranten und Einheimischen geht, ließ sich gut ein Bogen schlagen zu einer Live-Schaltung zu „Rock gegen Rechts“, eine Festivalreihe, die ja nach britischem Vorbild als Zeichen gegen aufkommenden Rassismus entstanden war. Es gab noch eine Sendung zwischen der „West Side Story“ und „Rock gegen Rechts“, aber an die erinnere ich mich nicht mehr. Die Sendungen wurden ja noch von Ansagern angesagt, für die man dann die entsprechenden Texte schrieb. So ließen sich die Querverbindungen noch besser sichtbar machen. Es gab als Ansager einen wunderbaren Moderator, Dénes Törzs, den die Zuschauer sehr mochten. Der trat immer im Pullover auf, was auch ungewöhnlich war. Und dem konnte man sozusagen die Texte auf den Leib schreiben.

MK: Im Jahr 1986 wurde der „Autor-Scooter“ dann eingestellt. Warum?

Jürgen Tomm: In der Endphase der Sendung entschied der SFB, den Ausstrahlungstermin auf 22.15 Uhr zu verschieben. Damit war das Ding tot. Nach der Verschiebung gab es nur noch vier Sendungen. Niemand will um 22.15 Uhr in ein ödes Fernsehstudio kommen, um sich dann um frühestens 23.15 Uhr auf den Heimweg machen zu können. Zum Schluss hatten die Kameraleute ganz schön Mühe, die wenigen Zuschauer so ins Bild zu setzen, dass das Studio nicht leer aussah.

MK: Gab es eine vergleichbare Nachfolgesendung?

Jürgen Tomm: Carola Wedel und ich haben 1986 eine neue Sendereihe gestartet: „Das Literarische Café“. Die Sendung war ebenfalls live – sie kam aus dem Café Einstein in der Kurfürstenstraße in Berlin. Es gab immer ein Streitgespräch zwischen zwei Gästen, etwa zwischen Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ansonsten ähnelte das „Literarische Café“ bereits heutigen Magazinen wie „ttt“ oder dem früheren „Aspekte“. Die Sendung war viel kleinteiliger als der „Autor-Scooter“ – mit viel mehr Beteiligten, fünf, sechs Programmpunkten, dazwischen noch ein bisschen Musik.

„Die Guillotine, wenn es sie noch gegeben hätte“

MK: Wie lange lief das „Literarische Café“?

Jürgen Tomm: Ungefähr anderthalb Jahre. Die Sendung scheiterte an den Kosten. Die Produktion war mit einem enormen Aufwand verbunden. Das Café Einstein befindet sich in einer denkmalgeschützten Villa. Da durfte man überhaupt nichts verändern, und Licht und Kamera und Ton zu installieren, war eine riesige Herausforderung. Für den Aufbau haben wir zwei Tage gebraucht und für diese Tage mussten wir ja bereits Miete zahlen. Dazu kam noch ein Tag für den Abbau. Für einen reichen Sender wäre das gegangen. Aber für den doch relativ bescheiden ausgestatteten SFB war das einfach überproportional. Für mich war das Ende des „Literarischen Cafés“ eine Zäsur.

MK: Inwiefern?

Jürgen Tomm: Ich bekam zwei neue Themenschwerpunkte, die zeitgeschichtliche Dokumentation und den Dokumentarfilm. Dann habe ich unter dem Motto „Autoren als Zeitzeugen“ noch eine Zeitlang versucht, diese auf zeitgeschichtlichen Sendeplätzen unterzubringen – Porträts von Harry Mulisch, Tankred Dorst, Gerlind Reinshagen oder Peter Schneider, die in ihrem Werk unmittelbare Zeitgeschichte transportieren. Aber dieser Etikettenschwindel war dann auch nicht mehr lange durchzuhalten. Und dann hatte ich mit Literatur im Prinzip nichts mehr zu tun.

MK: Norbert Schneider, der damals, von 1981 bis 1986, Hörfunk- und Fernsehdirektor des SFB und später viele Jahre, bis zu seiner Pensionierung 2010, Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt war, hat vor einigen Jahren in einem Interview gesagt, als er den „Berliner Montag“ abgeschafft habe, wäre er „unter die Guillotine gekommen, wenn es sie noch gegeben hätte“. Spielten sich die Proteste, auf die Schneider anspielt, intern ab oder auch in der Öffentlichkeit?

Die Handschrift der Filmemacher

Jürgen Tomm: Es wurde ja nicht nur dieses sperrige Extra im Schema des Programms abgeschafft, das lief ja längst auf die Regionalisierung anstelle des „Bildungsprogramms“ zu. Dazu nach der Wende das Aus für das Fernsehen der DDR und die Gründung des ORB, also des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg, und schließlich die Fusion von ORB und SFB zum RBB. Aber die Debatte lief gewissermaßen über uns hinweg; wir mussten einfach übergangslos Programm machen.

MK: Hatten Sie Zeit, selbst viele Filme zu drehen?

Jürgen Tomm: Andere Kollegen, insbesondere Wilfried Schoeller, der hochgeschätzte Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks, der im Januar 2020 verstorben ist, hatten die Möglichkeit, für diesen Bereich eigene Filme zu realisieren. Das habe ich zum Beispiel nie gemacht. Ich habe lieber Arbeit verteilt, als die Möglichkeiten des Senders für mich selbst zu nutzen. Und ich habe häufiger Themenangebote eingeholt als Themen vorzugeben. Die Filmemacher suchten sich selbst aus, welche Schriftsteller sie porträtierten wollten. Hauptsache, sie selbst waren von ihren Themen so überzeugt, dass sie auch mich überzeugten. Die Filme hatten auch nicht unbedingt einen einheitlichen Stil, sondern sie trugen die Handschrift der jeweiligen Filmemacher. Ich wollte, dass die Filme so aussehen, wie die Autoren sie machen wollten, und ihnen nicht als Redakteur irgendeine besondere Reihen-Charakteristik aufzwingen.

MK: Das ist heute anders.

Jürgen Tomm: Ja. Viele Filmemacher denken heute sehnsüchtig an die Zeit zurück, in der die Filme nicht alle über einen stilistischen Kamm geschoren werden mussten.

MK: Sie haben die ZDF-Sendung „Aspekte“, die vor kurzem in ein Kulturreportage-Format umgewandelt wurde, schon kurz erwähnt. Haben Sie die Sendung nach der Umstellung des Konzepts schon gesehen? Man kann so früh zwar noch nicht einschätzen, ob das funktioniert, aber: Wie schätzen Sie das ein, was „Aspekte“ da vorhat?

„Wir sehen jetzt kaum noch Fernsehen“

Jürgen Tomm: Ich habe die erste Sendung mit neuem Konzept gesehen, aber eben auch nur diese. Es gab schon ein gemeinsames Thema, und das fand ich gut. Aber eigentlich passt sich die Sendung nur neuen Konventionen im Stil der ARD-Literatursendung „Druckfrisch“ an. Radikal, auch im grafischen Design, ist anders. Das ist jetzt gar kein Vorwurf an jene, die die Sendung machen. Das ist hübsch anzusehen. Aber das bedient ganz gewiss nicht die Erwartungen von Kulturinteressierten, wie sie zum Beispiel in den Buchhändlerkeller kommen.

MK: Angesichts Ihrer Vergangenheit beim SFB dürfte es in den Diskussionen mit Besuchern des Buchhändlerkellers manchmal auch um das Fernsehen gehen.

Jürgen Tomm: Ja. Die, die wissen, was ich früher gemacht habe, sagen mir manchmal: „Wir sehen jetzt kaum noch Fernsehen. Und wenn, dann suchen wir uns gezielt mal was bei Arte oder 3sat raus.“ So etwas wie eine Senderbindung gibt es, glaube ich, nicht mehr. Den SFB-Hörer oder -Zuschauer mag es gegeben haben, aber ob es den RBB-Hörer oder -Zuschauer gibt… Das ist in Zeiten der heutigen Programmvielfalt inklusive Pay-TV und Streaming doch auch gar nicht mehr denkbar.

MK: Das klingt leicht nostalgisch.

Jürgen Tomm: Nein, ich begrüße diese Vielfalt. Ich bedaure es aber, wenn heute zu viel sorgfältig gemachtes Kulturprogramm unter den Tisch fällt, weil die Einschaltquoten vermeintlich nicht konkurrenzfähig sind. Ich weiß, dass es ein Interesse an solchen Dingen gibt. Und diese Gruppe war nie die Mehrheit. Das sind und waren Menschen, die sowieso schon gebildet sind und immer noch weitere Bildungsangebote brauchen wie das tägliche Brot. Es muss eben auch diese Nischen geben – und Literatur wird zu sehr als eine überflüssige Nische angesehen. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Die Marginalisierung oder gar Verdrängung von Literatur oder Literatur vermittelnden Sendungen aus dem Fernsehprogramm finde ich sehr, sehr bedauerlich.

20.12.2020/MK

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