Der Nachtbürgermeister von Mannheim

Die ersten drei Wochen mit der neuen Rubrik „Mittendrin“ in den ARD-„Tagesthemen

Von René Martens
27.09.2020 •

Seit dem 1. September gibt es in den „Tagesthemen“ der ARD eine neue werktägliche Rubrik: In rund fünf Minuten langen Reportage-Beiträgen unter dem Reihentitel „Mittendrin“ will die zuständige Redaktion von ARD-aktuell „Menschen und ihre Heimat“ vorstellen, wie es auf der Website zur Reihe vermerkt ist. Die Dauer der Beiträge entspricht der Verlängerung der „Tagesthemen“, die seit dem Starttag von „Mittendrin“ fünf Minuten mehr Sendezeit erhalten haben (vgl. MK-Meldung). Die Reportage läuft in den Sendungen von Montag bis Freitag; die Regel gilt aber natürlich nicht an Abenden, an denen das Erste Programm der ARD Fußballspiele live überträgt. So gab es in den siebeneinhalb Minuten langen „Tagesthemen“ vom 14. September (Montag) – gequetscht in die Halbzeitpause des DFB-Pokalspiels zwischen dem MSV Duisburg und Borussia Dortmund (0:5) – keinen „Mittendrin“-Beitrag.

Die „Tagesthemen“ hatten das Format vorher bereits getestet: ab dem 29. Mai an einigen Freitagen und einmal an einem Samstag sowie im Zeitraum vom 3. Juli bis zum 28. August jeden Freitag. Als einen Grund für die Einführung des neuen regelmäßigen Formats nannte Helge Fuhst, Zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell, gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ (Ausgabe vom 24. August), dass „wir den Blick auf die ostdeutschen Regionen stärken wollen“.

Die Werbewirkung für die neue Rubrik

Und im ARD-Spartenprogramm Tagesschau 24, für das die Redaktion von ARD-aktuell (beim NDR in Hamburg angesiedelt) ebenfalls zuständig ist, sagte Fuhst am 1. September, „Mittendrin“ sei unter anderem eine Reaktion darauf, dass man „immer wieder Rückmeldungen“ bekommen habe, dass die „Tagesthemen“ mehr berichten sollten über „strukturelle Veränderungen“ im Land und darüber, wie Gemeinden mit dem Strukturwandel umgingen. „Gerade mit Corona verändert sich so viel im Land, dass wir noch mehr vor Ort sein sollten“, ergänzte Fuhst in diesem Zusammenhang. Die Idee für „Mittendrin“ stamme aber aus der Vor-Corona-Zeit.

In der Regel ist die „Mittendrin“-Reportage als der vorletzte oder der letzte Beitrag einer „Tagesthemen“ Sendung platziert. Zu den Ausnahmen gehörte die Premierenfolge aus dem thüringischen Artern, dem trockensten Ort Deutschlands. Die kam an jenem 1. September schon an zweiter Stelle. Die Dürre und die Folgen, das war ein Thema, das sich für den Auftakt auch deshalb aufdrängte, weil es zur Jahreszeit passte. Zu Wort kamen in der Kurzreportage ein Meteorologe, die Geschäftsführerin eines landwirtschaftlichen Betriebs, zwei Kleingärtner, ein Angler und der Bürgermeister von Artern. Trotz der Vielfalt der Perspektiven hatte der Beitrag einen Makel: In dem vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) zugelieferten Beitrag für die „Tagesthemen“-Sendung taucht der in dem Kontext essentielle Begriff „Klimawandel“ nicht auf – nur bei der bei tagesschau.de publizierten Textfassung zum Film.

Stärkere Rolle der Autoren

Der dritte Beitrag der neuen Reihe – über Morddrohungen gegen türkische Restaurant- und Supermarktbesitzer sowie eine Moscheegemeinde im Steintorviertel von Hannover – war ebenfalls früh in der Sendung platziert: noch vor der Rubrik „Meinung“ (die bis vor kurzem „Kommentar“ hieß) und dem Meldungsblock. Das ergab allerdings Sinn, weil es in diesem Fall weniger um eine Reportage aus dem Alltag handelte, sondern um ein klassisches politisches Thema – und zudem um ein im schlechten Sinne vertrautes, weil Morddrohungen gegen Personen des öffentlichen Lebens immer mal wieder in Nachrichtensendungen erwähnt werden.

Wahrscheinlich liefen die Beiträge über das extreme Wetter in der Thüringer Gemeinde Artern und die Morddrohungen in Hannover aber auch deshalb an relativ prominenter Stelle, um die Werbewirkung für die neue Rubrik zu erhöhen und mithin in deren Startwoche das Publikum besonders auf die Neuerung aufmerksam zu machen. Im Fall Artern gab es im Anschluss an die Reportage sogar noch ein von „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga geführtes Interview zum Thema mit dem Hydrologen Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg.

Wenige Stunden vor dem Start der Reihe hatten die „Tagesthemen“ unter anderem über Twitter einen Trailer verbreitet, in dem sich fünf ausgewählte „Mittendrin“-Autoren aus fünf ARD-Landesrundfunkanstalten vorstellten. Der kleine Werbefilm ließ bereits darauf schließen, dass die Rolle der Autoren in den „Mittendrin“-Beiträgen stärker hervorgehoben wird, als das bei den „Tagesthemen“ sonst üblich ist. Das zeigte sich beispielsweise am 2. September bei einem Beitrag über das Kölner „Uni-Center“, einen 45 Etagen hohen Hochhaus-Komplex, der unter anderem bei Studenten beliebt ist. Autor Jan Koch war sehr oft im Bild und formulierte auch explizit persönliche Eindrücke: „Als Student würde ich hier auch wohnen wollen.“ (1977 hatte, was im Film nicht erwähnt wurde, die linke Terrorgruppe RAF in dem „Uni-Center“ für kurze Zeit eine Wohnung angemietet, die mit zur Vorbereitung der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer diente.) Bei einer weiteren „Mittendrin“-Reportage – über den Abriss zweier das Stadtbild prägender Hochstraßen in Ludwigshafen – wählte der Autor Axel John zweimal die Ich-Perspektive, obwohl das für den Beitrag nicht notwendig war.

Veränderte Tonalität, belebendes Element

Neben dem Film über die mit Mord bedrohten Unternehmer hinterließ den besten Eindruck bisher eine Reportage über den „Nachtbürgermeister“ von Mannheim, der eine Art Patrouille eingesetzt hat. Die soll im städtischen Nachtleben, das während der Corona-Pandemie auch in Mannheim vor allem auf der Straße stattfindet, für Ruhe sorgen beziehungsweise zwischen Feiernden und schlafbedürftigen Anwohnern vermitteln. Dieser Film dürfte, anders als das Gros der bisherigen „Mittendrin“-Beiträge, auch ein etwas jüngeres Publikum angesprochen haben.

Das Thema Strukturwandel, dessen Bedeutung der zweite ARD-aktuell-Chefredakteur Helge Fuhst vorab hervorgehoben hatte, spielte in den ersten drei Sendewochen von „Mittendrin“ nur einmal eine herausgehobene Rolle – in einem Beitrag über eine mit Bundesmitteln geförderte Online-Bestellplattform in einer Gemeinde im nördlichen Saarland, wo diese Plattform als Reaktion auf das Ladensterben vor Ort entstanden war. Die Ankündigung, den Osten Deutschlands besonders zu berücksichtigen, wurde zumindest in den Anfangstagen nicht umgesetzt. Zwischen dem 1. und 18. September gab es nur zwei Berichte aus diesem Teil der Bundesrepublik, beide Male aus Thüringen. Neben dem Auftaktfilm der Reihe aus Artern lief noch ein Beitrag, der zeigte, wie in Gera „Geflüchtete Einheimischen im täglichen Leben helfen“ (Moderatorin Caren Miosga in der Anmoderation).

Keine anspruchsarme Aufgabe

Die „Mittendrin“-Beiträge verändern jeweils die Tonalität der Sendung, sie sorgen für ein Gegengewicht zur aktuellen Berichterstattung – präziser gesagt: für ein weiteres, anderes Gegengewicht, denn auch sonst haben ja viele Beiträge, die gegen Ende einer „Tagesthemen“-Sendung laufen, nicht unbedingt einen direkten tagesaktuellen Bezug. Eine „Mittendrin“-Reportage kann aber auch deplatziert wirken, wenn man das Gefühl hat, dass sie einfach nicht wichtig genug ist, um gegen die großen Nachrichtenthemen des Tages bestehen zu können. Am 10. September war dies zum Beispiel der Fall: Es war der zweite Tag nach den Bränden im Flüchtlingslager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos – der Beitrag über eine Seilbahn in Bad Harzburg, die Touristen lockt, aber Naturschützer verärgert, wirkte da eher belanglos.

Auch durch die Erzählweise hebt sich „Mittendrin“ ab vom Rest der Sendung. Dass Autoren jeweils im On zu sehen sind, passiert in den „Tagesthemen“ sonst selten. Und dass sie von sich in der ersten Person sprechen – das gibt es jenseits von „Mittendrin“ vermutlich gar nicht in den „Tagesthemen“.

Gerade weil sie den „Tagesthemen“ eine neue formale Facette hinzufügen, so lässt sich nach den ersten Wochen bilanzieren, erweisen sich die „Mittendrin“-Reportagen als belebendes Element. Aber fünf Tage in der Woche Themen aus den Regionen zu präsentieren, die allesamt relevant genug sind für eine bundesweite Bühne, ist keine anspruchsarme Aufgabe. Möglicherweise wird es Tage geben, an denen die Redaktion angesichts der Nachrichtenlage auf einen „Mittendrin“-Beitrag lieber verzichten würde.

27.09.2020/MK

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