DAS HÖRSPIEL IST TOT: Norbert Schaeffer.

Nachruf.

Von Peter Liermann
18.08.2020 •

Im April dieses Jahres ist Norbert Schaeffer, früherer Leiter der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks (NDR), im Alter von 71 Jahren in Frankreich gestorben (vgl. MK-Meldung). Im Anschluss an Schaeffers Seebestattung am 20. Juni in der Bucht „Le Diben“ in der Bretagne sprach Peter Liermann auf der Trauerfeier im „La Cameline“ in der Gemeinde Plougasnou einen Nachruf auf den Verstorbenen. Wir dokumentieren den Nachruf an dieser Stelle im Wortlaut. Peter Liermann, 63, arbeitete bis 2018 als Hörspieldramaturg und -produzent beim Hessischen Rundfunk (HR) in Frankfurt. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - - -

„Er starb am 21.4.2020, an einem sonnigen Nachmittag, in unserem Haus in der Bretagne […]. Ich habe das Fenster geöffnet und gesagt, ich lasse den Garten ins Zimmer. Das letzte, was er gehört haben muss, waren unsere Hunde auf der Terrasse, die bellten.“ Das schrieb Norbert Schaeffers Frau, Annette Schaeffer, am 26. April.

Wir wissen nun, was er gehört haben könnte, und wie er das wahrgenommen haben mag, davon geben seine zahlreichen Hörspiele vielleicht eine Ahnung, denn diese sind in ihrer akustischen Raum- und Klanggestaltung unverkennbar, einzigartig. Schaeffers Produktionen haben das Hörspiel in eine andere, neue akustische Dimension befördert, da wehte plötzlich ein frischer Wind durch die alten, zwar nicht uncharmanten, aber eben auch schwer in die Jahre gekommenen Hörspielstudios der Sender. Bei ihm bekam man tatsächlich „was auf die Ohren“.

Wer zum ersten Mal ein Hörspiel von Norbert Schaeffer hört, spürt sofort, dass da was völlig anders ist: Die Stimmen, ganz nah und intensiv, die Geräusche so kristallin-klar, als hätte sie ein frischer Frühjahrsregen reingewaschen und – endlich – befreit von ihrem jahrzehntealten archivarischen Staub. Der überwiegende Teil heutiger Hörspielproduktion kann sich nicht annähernd mit den ästhetischen Standards, die Schaeffer in den letzten, knapp vier Jahrzehnten in diesem Metier entwickelte, messen.

Er konnte weit- und tiefgefächerte opulente akustische Panoramen erzeugen, die so klar strukturiert sind, dass man es tatsächlich mit akustischen Bildern zu tun hatte. Es gibt zahlreiche Autoren, die Schaeffers Umsetzung ihrer Stücke viel zu verdanken haben. Eine Zusammenarbeit aber ist hervorzuheben, die mit dem Autor und Schriftsteller Hubert Wiedfeld. Dessen so komplexe wie verspielte Radiostücke, allesamt subtile, zirkulative Vexierspiele im Stile eines Peter Greenaway, verlangten nicht nur eine sorgsame akustische Umsetzung, sondern eben gerade die erwähnten präzisen „akustischen Bilder“, da seine Erzählweise sich an der Struktur von Filmdrehbüchern orientierte und eine ins Akustische übertragene filmische Umsetzung erforderte, was dem erzählenden Hörspiel eine weitere, neue ästhetische Dimension eröffnete. Für den Regisseur Norbert Schaeffer eine große Herausforderung, die er begeistert annahm. Beide arbeiteten sehr lange zusammen, sind aneinander gewachsen, und wir verdanken ihnen eine ganze Reihe wirklich singulärer Hörspiele.

Falsch freilich wäre, würde man Schaeffer als eine Art Meister überbordend barocker akustischer Opulenz betrachten, er konnte auch das! – aber er war auf der anderen Seite auch fähig, sich nahezu vollständig zurückzunehmen, sich und seine Mittel zu reduzieren auf das Notwendigste; es gibt Stücke von ihm, die nur mit der Andeutung eines winzigen Geräuschs auskommen, dies aber so markant, so konsequent tun, dass man nur verblüfft feststellen konnte: Ja, genau so ist es richtig!

Minimalismus und Opulenz – keine Gegensätze für ihn, sondern ein breites Spektrum, dessen er sich zu bedienen wusste und vor allem: es konnte. Für jede seiner Arbeiten entwarf er ein auf den Text abgestimmtes akustisches Realisierungskonzept – keine Selbstverständlichkeit in einem Metier, das im Gewohnten zu überleben sich angewöhnt hat. In Schaeffers Arbeitsweise verbindet sich etwas sehr, sehr Seltenes, das bei Musil schlicht „Genauigkeit und Seele“ heißt. Genauigkeit und Seele – das war seine Seinsweise. Wer kann das schon von sich behaupten?

Er hatte sein Handwerk von der Pike auf gelernt, noch zu analogen Zeiten; er wusste um die Wirkungsweisen der zu verwendenden Filter, Gates, Generatoren, Kompressoren oder der verschiedensten Mikrofone. Doch erst mit der Digitalisierung konnte er seine Fähigkeiten radikal entfalten und seine Vorstellung von akustischen Räumen adäquat realisieren. Und damit ist er schließlich aus dem langen Schatten alter Traditionen herausgetreten und hat einen neuen Weg beschritten.

Es war kein leichter Gang, voller Widrigkeiten, denn das verdiente, durchaus versierte (und auch nicht mehr ganz junge) technische Personal galt es, wie man heute pseudo-erbarmungswürdig sagt, „mitzunehmen“, als stünde eine Schar Verlorener an einem längst stillgelegten Bahnhof. Und vielleicht war es ja auch so. Es mangelte nicht am guten Willen, doch die Macht der Gewohnheit gehört zu den hartnäckigsten und größten Widersachern des „ganz Anderen“, unvermeidliche Erfahrung eines jeden Erneuerers. Von Antonioni ist das Bonmot überliefert: „Ich mache auch Neorealismus, aber ohne Fahrrad“; auf Schaeffer übertragen, könnte man sagen: „Ich mache auch Stereo, aber ohne Stereomikros“. Hat man ihm je verziehen, dass er das gute alte Stereomikrofon radikal aus dem Studio verbannte?

Norbert Schaeffer war enthusiastisch und mitreißend, professionell natürlich, exzessiv bis zur Manie, überwinden aber konnte er diese hartnäckigen Gewohnheitsstrukturen nur mit Geduld und Sanftmut. Weitere nicht zu unterschätzende Eigenschaften an ihm: Er war unermüdlich, großzügig und verschwenderisch – ein Liebender.

Es gibt Menschen, die halten das Hörspiel arglos für ein Biotop, andere sehen es als eine Art hortus conclusus, in den bloß hineinzuschlüpfen schon die größte Anstrengung bedeutet, um danach das gewöhnliche Geschäft der Gewohnheit zu betreiben. Alles erdenklich Gestrige erhält sich beharrlich im Hörspiel, das sich mit harmlosen Live-Aufführungen und seichten Adaptionen noch seichterer Bestseller in die restaurativen Jahre zurücknostalgiert, als hätte es Bachmann, Aichinger, Eich oder Ernst Meister nie gegeben, von Ruttmann oder Flesch ganz zu schweigen. „Gröbere Formen überleben!“, heißt es so lapidar wie gnadenlos bei Cormac McCarthy.

Heute, jetzt, in diesem Moment, ist das Hörspiel ein Friedhof, nur mehr Staub, waste land, denn das Hörspiel ist tot. Norbert Schaeffer ist, war das Hörspiel – zumindest für mich.

„I will show you fear in a handful of dust“ – das sagt uns der Tod von Norbert Schaeffer. Und für die heute hier Versammelten hat diese Zeile T.S. Eliots eine ganz handgreifliche Dimension bekommen, durften wir seine Asche nicht nur im Meer verstreuen, sondern, wer wollte, sie auch durch die eigene Hand rieseln lassen. Eine metaphysische Erfahrung, wahrhaftig: „I wilI show you fear in a handful of dust.“

Es gibt ein Hörspiel vor Schaeffer und es gibt ein Hörspiel mit und durch ihn. Es wird auch ein Hörspiel nach Schaeffer geben, aber es ist nicht mehr dasselbe. Und das ist sehr schade, vor allem aber ist es traurig. Und weil wir hier in Frankreich, seiner letzten Wahlheimat, versammelt sind, sei der Hinweis auf Montaigne erlaubt, der sagt, man stirbt nicht, weil man die oder die Krankheit hatte oder weil man alt ist, sondern man stirbt, weil man gelebt hat. Das mag einem Augenblick wie diesem nicht angemessen sein, vielleicht sogar leichtfertig klingen – aber es ist so: Man stirbt, weil man gelebt hat...

Nosch, lieber guter, alter Freund, ich vermisse dich.

18.08.2020/MK

Norbert Schaeffer (1949-2020)

Foto: privat


` `