BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Friedrich Merz belebt das deutsche Twitter und Journalisten sind keine Gatekeeper mehr

Von Christian Bartels
02.03.2020 •

Manchmal, aber nur manchmal gibt es in den sogenannten sozialen Medien auch angemessene Aufregungsverläufe. Zum Beispiel im Fall des vom CDU-Politiker Friedrich Merz geäußerten Karnevalsveranstaltungssatzes „Wir brauchen die nicht mehr“. Leicht vereinfacht bezieht sich das „die“ auf Nachrichtenmedien und damit den Journalismus.

Der Merz-Satz ist offenkundig von Donald Trumps Twitter-Regierungspolitik in den USA geprägt. Die Aufregung über das Gesagte bündelte der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) in einem Offenen Brief „per E-Mail“ (PDF). Lange währte sie nicht. Mit „Journalisten müssen von Friedrich Merz nicht gebraucht werden“ (Stefan Niggemeier bei uebermedien.de) und „Wenn Journalisten die Rolle des Aussagenübermittlers nicht mehr erfüllen müssen, dann sollte das […] kein Auslöser von Selbstzweifeln sein, sondern ein Anlass zum Aufatmen“ (Harald Hordych, Süddeutschen Zeitung“) ist alles Wesentliche gesagt. Journalisten sind keine Gatekeeper mehr; Sinnvolles zu tun gibt’s dennoch genug.

Auf wen sich das „Wir“ in „Wir brauchen die nicht mehr“ bezieht, lässt sich übrigens nicht exakt bestimmen, weil wie bei den meisten Zitaten, die jenseits ursprünglicher Zusammenhänge durch die Netzwerke zirkulieren, die Überlieferungsgeschichte kompliziert ist. Im Original ist der Satz lediglich in einem hochgradig bearbeiteten YouTube-Video des Aachener Karnevalsvereins (AKV) dokumentiert. (Hoffentlich lässt sich das ZDF, das die Unsitte des massiven Untermalungsmusik-Einsatzes in nachrichtlichen Berichten extrem ausbaut, nicht davon beeinflussen!). Spräche Merz da (es war am 21. Januar beim sogenannten „AKV-Rittertalk“) im Namen der ganzen Gesellschaft, wäre die Aussage sehr wohl bedenklich. Mutmaßlich sprach er aber im Namen derer, „die Nachrichten erzeugen“, also ungefähr der wichtigen Politiker.

Hanau, Heringsessen, Simpsons

Die Aufregung hat sich natürlich nicht gelegt, sondern zog weiter. Derzeit gibt es ja leider viele, auch überzeugende Gründe für Aufregung. Unter vielem anderem gilt sie Merz selbst, der sich im (heißt es so?) Wahlkampf um den Vorsitz der vielleicht letzten Volkspartei befindet. Wie um zu zeigen, dass für wichtige Politiker keineswegs alles leichter wird, bloß weil sie Botschaften unmittelbar verbreiten können, tauchen umso mehr Merz-Fotos, -Postings und -Aussagen in kritisch-hämischen Kontexten auf.

Dass Merz via Facebook unmittelbar nach einer durchaus halbwegs staatsmännischen Äußerung zu den Opfern des rechtsextremen Massenmords in Hanau dem CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor „für die Einladung nach Ueckermünde zum traditionellen Heringsessen“ dankt – nicht nur im selben Post, sondern sogar im selben Absatz – konnte zwar bei Facebook „aktualisiert“ werden; als Screenshot festgehalten und via Twitter breit geteilt wurde der dem „Team Merz (tm)“ unterlaufene Lapsus dennoch. Screenshots sind schließlich eine wichtige Kulturtechnik des Echtzeit-Internets.

Wenn ein im Umfeld desselben Heringsessens entstandenes, für CDU-Verhältnisse freundlich-fröhliches Foto dann mit „Simpsons“-Charakteren verglichen wird, ist auch niemand schuld. Zustimmung bei Merz-Kritikern findet der Vergleich dennoch. Ebenfalls niemand ist schuld, wenn im Fernsehen über der statischen, den hauptsächlichen Bildinhalt erläuternden Textzeile „Friedrich Merz in Bundespressekonferenz“ die zu einem anderen Thema durchlaufende Nachrichtenzeile „Motiv weiterhin unklar – kein Alkohol im Spiel“ stehen bleibt und dies als Screenshot schon wieder breit geteilt wird. Da trafen halt unterschiedliche Streams der Informationsflut (zu denen Uhrzeit und Aktienkurse auch noch gehören) unglücklich zusammen. Die Merz-Kritiker freute es dennoch.

Was ihre Zahl besonders wachsen ließ, war dann der Ausschnitt aus derselben Pressekonferenz, in dem Merz bloß „Ja“ bzw. „Die Antwort ist: Ja“ sagte. Da der Ton im Video recht leise ist, wurden Antwort und vorausgegangene Frage häufig transkribiert: „Schließe ich daraus richtig, dass Ihre Antwort auf das Problem des Rechtsradikalismus die stärkere Thematisierung von Clan-Criminalität, Grenzkontrollen und so weiter ist? Und wenn nicht: Was wäre sie dann?“, lautete die Frage.

Mag sein, dass dieses „Ja“ „ein Wort, das Friedrich Merz alles kosten kann“, war, also die vermutlich angestrebte Bundeskanzlerschaft, wie der Tagesspiegel“ kommentierte. Mag aber auch sein, dass Merz und seine Berater nicht so unbedarft sind, wie es scheint, und wissen, dass große Reichweite sich nie allein durch affirmatives Teilen von Fans, Followern und Sympathisanten erzielen lässt, sondern kritisches bis empörtes Teilen derselben Inhalte genauso dazugehört – erst recht, wenn Fans wiederum darauf reagieren. Erst wenn Aufregung über „Hauptstadtjournalisten plus angeschlossene Twitterblase“ (Lenz Jacobsen bei zeit.de) hinaus wirkt, erzielt sie messbare Wirkung. Und einstweilen wollen Merz und sein Team ja gar keine Mehrheit der Gesellschaft, sondern eine in der CDU überzeugen. Was immer man von Friedrich Merz hält – zumindest belebt er die auf Ebene einflussreicherer Politiker hierzulande bislang eher mauen Twitter-Debatten. 

Merz, Laschet, Spahn bei ARD und ZDF

Das klassische Fernsehen will auch gebraucht werden – und wird es auch. Kurz nachdem Moderator Claus Kleber im ZDF-„Heute-Journal“ (ab Min. 13.00), in dem er schon den CDU-Rivalen Jens Spahn befragt hatte, sich angefressen zeigte, dass nicht auch Merz zum Interview zur Verfügung stand, saß dieser übrigens per Schalte in den ARD-Tagesthemen“. Dass Merz nicht in beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmagazinen quasi zugleich auftrat, ist ihm freilich hoch anzurechnen. Wenn dieselben führenden Parteipolitiker am selben Abend in ARD und ZDF sitzen, macht das schließlich einen seltsamen, alles andere als staatsfernen Eindruck.

Der nunmehr wichtigste CDU-Vorsitzrivale von Friedrich März, Armin Laschet, wurde in derselben „Tagesthemen“-Sendung übrigens auch noch interviewt, wohingegen er dem ZDF früher am Abend ein „Was-nun?"-Interview gegeben hatte. (Und um die ARD-und-ZDF-Auftritte des weiteren CDU-Parteichefkonkurrenten Norbert Röttgen aufzuzählen, fehlen sogar hier Zeit und Geduld). So wichtig die schwarzen Freundeskreise in den Aufsichtsgremien auch sind: Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen aufpassen, sich nicht zu sehr von Parteipolitikern gebrauchen zu lassen. Und die CDU nicht mit der Gesellschaft zu verwechseln.

Wenn grundsätzlich niemand irgendjemanden unbedingt braucht, um aktuell spannende Inhalte zu haben, andererseits aber alle gerne in allen Medienformen auftauchen (und sich auch stets als Material eignen) – ist dann also alles in Ordnung in der Medienwelt, vielleicht gar ein Idealzustand erreicht?

Na ja, da hülfe ein Blick auf die derzeitigen US-amerikanischen Vorwahlkämpfe. Weit vor der Präsidentschaftswahl wurde just vermeldet, dass der demokratische Kandidatur-Kandidat Michael Bloomberg bereits „48 Millionen Dollar in Facebook-Werbung und 42 Millionen in Google-Anzeigen investiert“ habe und damit rund doppelt so viel wie Trump, der anders als Bloomberg bereits weiß, dass er im November erneut zur Wahl stehen wird (und für die heiße Phase gerade schon mal millionenschwere Werbeplätze bei Googles Videoplattform YouTube buchen ließ). Deutsche Parteien orientieren sich an solchen Vorbildern gerne und pumpen ebenfalls viel Wahlkampfgeld in sog. soz. Medien, wenngleich nicht oft mit Wahlerfolg. So hatte zur Wahl in Sachsen 2019 der MDR exemplarisch errechnet, dass „am meisten Geld für Facebook-Werbung“ SPD und FDP ausgegeben hatten – die am Ende fünftstärkste und die sechststärkste Partei, mit Ergebnissen etwas über bzw. knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde.

Mit großer, leicht zu erreichender Reichweite zu den eigenen Erfolgsalgorithmen zu locken und später, wenn alle sich dran gewöhnt haben oder sogar davon abhängig sind, zur Kasse zu bitten, gehört zu den zentralen Erfolgsrezepten der Datenkraken. Ob Merz – dem, falls er tatsächlich Kanzlerkandidat werden sollte, seine Verbindungen zum US-amerikanischen Großkapital nachhängen werden – meint, YouTube- und Facebook-Werbung brauchen zu müssen oder nicht, würde man dann gern mal von ihm hören.

02.03.2020/MK