BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Immer mehr Radio-Geplauder: Das tut dem Medium insgesamt nicht gut und Kulturradios schon gar nicht

Von Christian Bartels
11.05.2021 •

Eigentlich ist es schön: Die derzeitige Debatte über Kulturradios zeigt, wie wichtig diese Sender-Form ist und wie vielen sie am Herzen liegt. Die Debatte, die vor allem die Programme RBB Kultur und WDR 3 betrifft, läuft vielstimmig – in der MK, im Internet (etwa im van-magazin.de) und in Feuilletons klassischer Zeitungen. Schön, wenn etwa die „FAZ“ die „taz“ zitiert. Noch schöner, wenn dort Gabriele Riedle den Verdacht äußert, dass ein Moderator des Programms ein RBB Kultur, als er einen Beitrag zu Thomas Bernhards 90. Geburtstag anmoderierte, den Autor „mit Lady Di und die Theaterstücke mit einer Herrenhandtasche von Gucci verwechselt hat“. Oder wenn Moderationen ebenfalls auf RBB Kultur Peter Richter in der „Süddeutschen Zeitung“ an den „deprimierten Radiomoderator“ erinnern, „der in Andreas Dresens ‘Halbe Treppe’ dauernd ‘Das ist die Tower Power aus dem Power Tower’ ins Mikrofon rufen muss, bevor er die Horoskope durchsagt“.

Ein bisschen ungerecht ist es jeweils aber auch. Mitunter sendet RBB Kultur weiterhin ambitioniertes, seriös moderiertes Programm, mittags etwa. Die Debatte zeigt, wie Radio-Geplauder, das ausschließlich für die Sekunden gedacht ist, in denen es ausgesprochen und ausgestrahlt wird und keinerlei weiterer Rede wert wäre, sich in Imagewerten niederschlägt – bloß nicht immer denen, die die Verantwortlichen vorausberechneten.

Konkurrenz durch automatische Stimmen

Überall im Radio wird viel geplaudert, von angenehmen Stimmen, die sich nicht sehr von denen unterscheiden, die in Werbespots (die im öffentlich-rechtlichen Kulturradio nicht laufen) zarte Hähnchenbrust oder so etwas anpreisen, und die übrigens auch unter Wettbewerbsdruck stehen: „Automatisch erstellte, aber menschlich klingende Stimmen“ erfreuen sich auch auf Deutsch inzwischen „einer zunehmenden Natürlichkeit und unauffälligen Sprachdynamik“, teilte gerade die Hochschule Hof mit.

Auch bei Flux FM, dem privaten Popmusik-Radio aus Berlin mit weit überdurchschnittlich gutem Musikgeschmack, von dem sich RBB Kultur den Begriff „handverlesen“ ausborgte, plaudern die überzeugend gut aufgelegten Moderatorinnen und Moderatoren spürbar länger. Gern ist von den „Öhrchen“ die Rede, auf die es etwas geben werde – vielleicht weil es, gesprochen, eine Silbe mehr ist. Manchmal scheint es geradezu darum zu gehen, im Zweifel mehr zu reden. „Quatschen“ hat sich in Popradios als wertneutrales Synonym für Reden durchgesetzt. Flux FM wirbt oft für seine App „Next Level Radio“, in der sich 37 „Channels“ mit unterschiedlichen Musikrichtungen („aber alle mit guter Musik, handverlesen von Musikjournalisten mit Ahnung“) hören lassen. Ein Argument lautet, dass Musik dort ohne Gequatsche laufe. Wenn Moderation darin besteht, Informationen, die in anderthalb Sätze (oder, unter Berücksichtigung der im Radio nötigen Redundanz, in drei) passen würden, auf sechs bis sieben Sätze zu strecken, überzeugt das.

Was für viele bisher noch Radio heißt

Hinter alldem steckt natürlich Verunsicherung. Die Radio-Landschaft blieb von Umbrüchen, die alle anderen Medien umpflügten, bislang halbwegs verschont. Selbst das „duale System“ aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, die einander Konkurrenz machen, aber auch ergänzen, das im Fernsehen längst durch globale Angebote wesentlich reicherer Anbieter wie YouTube Netflix oder DAZN aufgebrochen wurde, besteht dort noch. Allerdings hat das Fernsehen die Digitalisierung bereits hinter sich. Das Radio hat eine umso ungewissere Zukunft vor sich. Überwiegend läuft es meistens noch immer über den einzigen nicht-digitalen elektronischen Verbreitungsweg UKW.

Zugleich gibt es zwei Alternativen, auf denen die zentralen Voraussetzungen des klassischen Hörfunks – Knappheit der Frequenzen und Ortsgebundenheit, weil die Reichweite von Standorten der Funktürme abhängt – überwunden sind. Über den immer noch recht unbekannten Digitalradio-Standard DAB plus gibt es inzwischen „rund 270 Programme [...], davon sind 25 in ganz Deutschland zu hören“. Bald soll das erste „national verbreitete Hörfunkprogramm, das speziell für das weibliche Geschlecht konzipiert“ ist, starten. „Deutschlands erster Radiosender für Filmmusik“ läuft schon, Klassik Radio Movie Live heißt er. Dass RBB Kultur und WDR 3 neuerdings oft auch Hollywood-Filmmusik und „New Classics“ spielen – also etwas praktizieren, was ansonsten den privaten Anbieter Klassik Radio erfolgreich machte –, zählt zu den Hauptkritikpunkten am öffentlich-rechtlichen Kulturradio.

Noch viel größer ist die Zahl der Radiokanäle im Internet, die sich via W-LAN und Stream auf vielen Geräten, auch neuen Radiogeräten, hören lassen. Die 37 Webradios von Flux FM gesellen sich zu Abertausenden. All das steht bekanntlich in Konkurrenz zu Audiostreaming-Anbietern wie Spotify, für die es im Bereich der klassischen Musik Entsprechungen wie Idagio und takt1.com gibt. Die schon vor einem Jahr unüberschaubare, weiter gestiegene Zahl von Podcasts, die sowohl Geplauder aller Art als auch hochwertigste Diskurse und Mischformen bieten, verschärft die Konkurrenzsituation überdies. Kurzum: Der Empfang von dem, was für viele Menschen bisher noch Radio ist, wandelt sich dramatisch. Sich lieber selbst zu kannibalisieren, bevor ausschließlich andere es tun, war und ist das Digitalisierungsrezept vieler Medien und dürfte auch für Flux FM der Antrieb sein.

Vorauseilende Publikumsunterforderung

Ob es in Zeiten zunehmender Fragmentarisierung eine gute Idee ist, den Kulturbegriff zu erweitern und Kultur im engeren Sinne immer weiter auszulagern, um durch vorauseilende Unterforderung und Für-jeden-etwas-Rezepte hoffentlich mehr zählbares Publikum zu erreichen, testen derzeit sozusagen die Kulturradios mehrerer ARD-Anstalten. Vor allem beim RBB geht es außerdem ums Sparen, besonders an freien Mitarbeitern. Eine neue Kultur-Wortrubrik auf RBB Kultur entspricht ziemlich genau dem, was beim RBB-Programm Radio Eins als „Denkpause“ lange eingeführt ist: Sprüche von Prominenten aller Art, die manchmal nachdenkenswert und immer aber kurz sind (also zumindest nicht lange stören). Bloß trägt die RBB-Kultur-Rubrik mit „Nur mal so, zwischendurch“ einen dooferen Titel. Gewiss sind dort auch noch treffsichere Zitate zu hören als das der (nicht so klassikaffinen) Janis Joplin zugeschriebene „Schränken Sie sich nicht ein, Sie sind alles, was Sie haben“.

Das Problem sind nicht die Moderationen, die sich häufig an den Titeln der Musikstücke entlanghangeln. Selbst wenn dem Moderator zu Götz Alsmanns Neueinspielung des alten Schlagers „Man müsste Klavier spielen können“ nicht mehr zu sagen einfällt, als dass es halt ein alter Schlager ist (oder er sich hütete, auf Johannes Heesters als den bekanntesten Interpreten einzugehen). Das Musikstück selbst ist ebenfalls kein Problem. Es hat eine, äh, Musikfarbe, die auf so gut wie jedem Sender gespielt werden könnte, falls er nicht gerade auf Death Metal spezialisiert ist – und wer würde Götz Alsmann nicht viele Radioeinsätze wünschen? Das Problem besteht am ehesten darin, dass das Lied 168 Sekunden dauert.

Immer noch kürzere Musikstückchen, wie sie auch das RBB-Kultur-Programm inzwischen prägen, schaffen noch mehr Raum für Jingles und machen immer noch mehr Geplauder dazwischen nötig. Im Einzelnen ist das oft nicht schlimm. Hat man aber eine halbe Stunde oder länger halbwegs konzentriert zugehört, ist die Beliebigkeit häufig bis nahe ans Nervtötende gesteigert. Das ist kein spezielles Klassik-Problem (auch Popsongs werden ja immer noch kürzer, vor allem durch Spotifys Mechanismen), bloß machen die Kulturradios es sich unnötigerweise zu eigen.

„Liebesgeschichten-Anrufbeantworter“

Übrigens fiel RBB Kultur zu Alsmanns Schlager doch noch was ein: eine Überleitung zur Mitmach-Aktion „RBB Kultur macht Liebe“, an der man sich telefonisch über einen „Liebesgeschichten-Anrufbeantworter“ beteiligen kann: „Nach dem Signalton haben Sie drei Minuten Zeit, um uns Ihre liebste Liebesgeschichte zu erzählen.“ Verprelltes Stammpublikum wird dadurch vermutlich nicht zurückgewonnen.

Vermutlich – der Verdacht taucht in vielen Debattenbeiträgen auf, wird aber in der ARD nicht ausgesprochen, schon weil der aktuelle Medienstaatsvertrag der ARD „bundesweit ausgerichtete Hörfunkprogramme“ ja untersagt – läuft die Entwicklung darauf hinaus, dass nicht mehr alle Rundfunkanstalten eigenständige Kulturradios betreiben werden. Technische Gründe dafür sind längst entfallen. Wohin sich das je nach Blickwinkel schon oder noch nicht ganz 100 Jahre alte Medium Radio entwickelt, ist vollständig offen.

Ob es für die Öffentlich-Rechtlichen nicht sinnvoller wäre, jetzt sendergestützte Plattformstrategien zu entwickeln, die im Bereich klassischer Musik noch bestehende Stärken ausdifferenzieren, ist nur eine weitere unter vielen diskussionswerten Fragen. Es gäbe jede Menge weitere, die ebenfalls schwer zu beantworten wären und hier (die Kolumne ist ja schon lang genug...) nicht aufgezählt werden sollen. Bloß eine noch vielleicht: Warum eigentlich werben in einer Zeit, in der von Autoherstellern bis zu Energieversorgern (auch und gerade in Radiospots) niemand mehr darauf verzichtet, angebliche eigene Nachhaltigkeit zu betonen, ausgerechnet Radiosender nicht damit, dass Senden grundsätzlich weniger Strom verbraucht als Streaming?

11.05.2021/MK

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