BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Redundanzüberschuss in Corona-Zeiten: Gibt es zu viele Jens-Spahn-Interviews im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Von Christian Bartels
21.12.2020 •

„Hilft die mutmaßlich beste Medienlandschaft aller Zeiten den Menschen, in Krisen richtig zu handeln?“ Diese Frage wurde an dieser Stelle Mitte März gestellt, allerdings unter dem Vorbehalt, dass zutreffende Antworten sich „erst, wenn der Ausgang bekannt ist“, finden lassen werden. Im Dezember ist der Ausgang der Pandemie leider – anders als im März gern vermutet wurde – weiterhin unbekannt. Die Langfriststrategie der deutschen Politik, falls es eine gab, hat sich mittelfristig eher nicht bewährt. Wie sieht es mit der Langfriststrategie der Medien im Umgang mit der leider langfristigen Pandemie aus?

An den sehr vielen Medienberichten zum Thema Corona gibt es oft Kritik, aber unterschiedliche, was insgesamt für die Berichterstattung spricht. Dass Medien über die sogenannten „Querdenker“ zu pauschal berichteten und dass sie ihnen zu viel Aufmerksamkeit widmeten und sie dadurch größer machten, lautete die Kritik etwa. Was unmittelbare Politik betrifft, wären im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zum Beispiel fundierte aktuelle Berichte über die schnell geschriebenen Gesetze schön, durch die Abermilliarden für diese und jene Überbrückungshilfen fließen sollen. Doch Wirtschaftsberichte jenseits der Kurse im DAX und der „Aldi-oder-Lidl“-Markenchecks waren schon vor Corona ein Manko; das ist nichts Neues. Insgesamt könnte die Selbstvergewisserung auf Gegenseitigkeit, die ab Frühjahr breiten Raum in den Medien einnahm, zu viel Selbstzufriedenheit enthalten haben, die sowohl zu Überdruss etwa bei denen, die mehr als andere unter Lockdowns litten, als auch zu weniger Vorsicht und damit zur aktuellen Lage führten. Dennoch, einzelnen Redaktionen dürften sich keine großen Vorwürfe machen lassen.

Alles ordentlich – und doch zu viel vom Gleichen bis Selben

Nach nachvollziehbaren Verunsicherungen am Anfang der Pandemie bemühen sich inzwischen alle um vielstimmige Berichte, in denen nicht selten auch, vorsichtig, abweichende Meinungen vorkommen. Im Fernsehen fehlt es niemals an Voxpops und das nicht mehr nur aus den Städten, in denen Funkhäuser stehen. Da ist die „Mittendrin“-Rubrik der ARD-„Tagesthemen“ ein Gewinn.

Die Medien fragen häufig auch bei der Opposition an, auch wenn klar ist, dass die in Krisensituationen umso wichtigere Exekutive öfter gefragt wird. Sie befragen durchaus unterschiedliche Experten, auch wenn die bewährten öfter auftauchen. Personalisierung bleibt ein Megatrend. Karl Lauterbach (SPD), sozusagen die Personalunion aus (Gesundheits-)Experte und Politiker, ist der absolute Talkshow-König. Und wenn mitten in der Pandemie der Bundesgesundheitsminister oder seine Kollegen aus dem Finanz- oder Wirtschaftsministerium, die laufend Milliarden „bereitstellen“, zum Gespräch zur Verfügung stehen, wer würde da nicht zugreifen?

Ähnliches gilt für die als Regierungschefs wichtiger Bundesländer ähnlich wichtigen Ministerpräsidenten aus Düsseldorf oder München. Dass ungefähr jedes Mal, wenn der eine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftritt, schnell ein gleichrangiger Auftritt des jeweils anderen folgt, lässt sich leicht erklären. Diese beiden liefern sich auch einen virtuellen Kanzlerkandidatschafts-Vorwahlkampf und keiner soll den Öffentlich-Rechtlichen später vorwerfen können, den Rivalen bevorzugt zu haben. Kurzum: Unter der Prämisse, dass bei so einer Pandemie viel mehr Ungewissheit viel offensichtlicher ist und bleibt als bei allen übrigen Themen, boten und bieten die meisten Redaktionen zum Topthema 2020 ordentliche Gesamtpakete.

Schwerer einzuschätzen, weil immer hyperindividuell und darin kaum messbar, ist die Gesamtmenge, zu der all die einzelnen Pakete zusammenfließen. Individuelle Mediennutzung dürfte im Corona-Jahr weniger denn je darin bestehen, dass jemand täglich die aktuelle Ausgabe derselben Zeitung durchliest, die gleiche Nachrichtensendung von Anfang bis Ende ansieht oder sich auf andere Weise aus nur einer Quelleinformiert. Ein großer Teil des wachsenden Medienkonsums besteht aus vorbeiziehenden Überschriften und Teasern, die komplexitätsreduzierend zuspitzen, aus Posts in sogenannten sozialen Medien, die Berichte oder Artikel teilen oder gespannt genug machen sollen, sie anzuklicken, aus tatsächlich angeklickten, aber nicht unbedingt zu Ende gelesenen Artikeln, aus Überschriften in den eingebundenen „Auch-interessant“-Empfehlungen daneben und aus zur selben Zeit mit halbem Ohr gehörten Radionachrichten, die oft irgendwo anders gefallene Politiker-Zitate enthalten.

Das hat keine einzelne Redaktion in der Hand, weil es oft von geschäftsgeheimen Algorithmen gesteuert wird, die es (zum Glück) auch oft nicht allein in der Hand haben, was wie bei Nutzern zusammenfließt, weil da viele Faktoren zusammenwirken. Wodurch die Gefahr, dass zu viel vom Gleichen bis Selben aufläuft, aber noch steigt.

Konkret: Glaubt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sonst oder jemand wirklich, dass noch mehr Jens-Spahn-Interviews die Reichweite seiner im Kern gewiss meist richtigen und wichtigen Aussagen erhöhen? Offenkundig gibt es Milieus, in die nicht durchdringt, was in der breiten Mitte der Medien und der damit verknüpften Regierungspolitik gesagt, diskutiert und gefordert wird. Das hat sicher vielfältige Gründe, zu denen Sprachgrenzen, aber auch Reaktanz gegenüber den klassischen Medien zählen dürften.

Natürlich müssen Medien, öffentlich-rechtliche ganz besonders, sich bemühen, diese Milieus anzusprechen. Und natürlich ist Redundanz wichtig, um durchzudringen. Sie wird umso wichtiger, je mehr unterschiedliche Medienkanäle und -geräte zusammenwirken. Doch könnte der Redundanzüberschuss ein Grund dafür sein, dass die aktuelle Medienlandschaft doch gar nicht die beste aller Zeiten ist. (Hatte sich der Kolumnist also im März geirrt? Na ja, als versierter Journalist hatte er ja die Behelfsfloskel „mutmaßlich“ eingestreut…)

Da können einzelne Redaktionen wie gesagt wenig konkret tun. Kein Nachrichtenmedium verzichtet freiwillig auf nachweislich bewährte Topschlagzeilen, zumal bei hohem Informationsbedarf. Es ist der klassische Wettbewerb, der früher die Geschäfte der Wettbewerber belebte – und heute das Geschäft der disruptiv sehr viel größer bis unentbehrlich gewordenen Plattformen. Bloß ein Akteur könnte etwas tun: die Öffentlich-Rechtlichen.

Politiker verwickeln sich seit Corona noch seltener in Widersprüche

ARD und ZDF werden, wie sich in den am Jahresende überraschend aufgebrandeten Auseinandersetzungen um den Rundfunkbeitrag zeigte, ohnehin wenig (und von Gegnern schon gar nicht) als um die beste Berichterstattung wetteifernde Wettbewerber wahrgenommen. Sicher bleibt es richtig, dass ARD und ZDF linear zu meist unterschiedlichen Zeiten eigene Nachrichtensendungen anbieten. Nachrichten sind das beste Live-Fernsehen. Doch wie sagte der ARD-Vorsitzende, WDR-Intendant Tom Buhrow, gerade im „Spiegel“-Interview (€):„Früher gab es überall eine Fernseh- und eine Hörfunkdirektion. In einem Gebäude saßen die Hörfunk-Sportredakteure, im anderen die Fernseh-Sportredakteure. Beide fragten denselben Trainer um ein Interview an und fuhren dann getrennt raus. Heute unterscheiden wir nicht mehr nach Kanälen. Das sind massive Reformen.“

Darauf ließe sich aufbauen. Den schon vor Corona zu beobachtenden Hang, dieselben tagesaktuellen Topzitate-Spender jeweils exklusiv zu befragen, also exklusiv für die halbe Stunde, bevor oder nachdem der Konkurrent dran war, könnten die Öffentlich-Rechtlichen zurückfahren. Deutsche Politiker sind seit der Corona-Krise noch routinierter darin, sich nicht in Widersprüche zu verwickeln und nichts zu sagen, das aus dem Kontext gerissen und gegen sie verwendet werden könnte. Deutsche Nachrichtenmoderatoren hegen auch keinen sehr großen Ehrgeiz, sie dennoch in Widersprüche zu verwickeln. Sie sind eher keine Armin Wolfs. Insofern: Wie wäre es, wenn ARD und ZDF nur noch höchstens einmal täglich Spahn und die Kollegen Scholz und Altmaier befragen? Die, die das Pech (oder Glück) hatten, Jens Spahn oder auch Markus Söder tagesaktuell nicht befragen zu können, bekämen Zugriff auf das Material und können es zum Beispiel kommentierend einordnen.

Für die Politiker gäbe es sicher auch anderes zu tun, als immerzu Interviews zu geben, für die Medien gäbe es anderes zu berichten, auch zum selben Thema. Und der wunde öffentlich-rechtliche Punkt der Staats- und Regierungsnähe ist 2020 auch noch wunder geworden. Neulich in den „Tagesthemen“ wurde Jens Spahn interviewt, der die Einladung gewiss gerne angenommen hatte, um sich zur voraussichtlichen Corona-Impfstoffzulassung zu äußern, zu der er sich am Vortag im ZDF-„Heute-Journal“ noch nicht direkt hatte äußern können.

Und im unmittelbar an das „Tageshemen“-Interview anschließenden „Meinung“-Kommentar wurden alle durchaus überzeugenden Argumente des Ministers im Brustton der Überzeugung ausführlich wiederholt. Das taugt nicht groß als Vorwurf; offenkundig war das Interview bei der Kommentar-Aufzeichnung noch nicht bekannt gewesen. Andererseits, unvorhersehbar waren Spahns Aussagen wiederum nicht. Solche im einzelnen vernachlässigbaren Beispiele führen den Redundanzüberschuss vor Augen, den die leider immer noch länger notwendige Konzentration auf das Topthema Corona kontinuierlich mit erzeugt und der sich zunehmend als kontraproduktiv erweist. Würden die Öffentlich-Rechtlichen solche Redundanz koordiniert zurückfahren, könnten sie ihre Akzeptanz erhöhen und zur Verbesserung der Medienlandschaft insgesamt beitragen.

21.12.2020/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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