BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Das Leben mit Corona: Hilft die mutmaßlich beste Medienlandschaft aller Zeiten den Menschen, in Krisen richtig zu handeln?

Von Christian Bartels
16.03.2020 •

Vermutlich haben wir die beste Medienlandschaft aller Zeiten. So viele, oft sehr gute Inhalte in allen möglichen Formen auf allen möglichen Wegen und Geräten sehen, hören und lesen zu können, war noch niemals zuvor möglich. Okay: Viele weniger gute Inhalte sind auch darunter. Aber in freien Gesellschaften halten eben nicht alle dasselbe für gut.

Was immer man möchte oder wollen könnte, bekommt man jedenfalls weltweit in Echtzeit oder gar in der „Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit“ (wie der wortgewaltige Bernhard Pörksen bereits essayierte) maßgeschneidert bis personalisiert empfohlen. Oder so, wie man es sucht. Dass vieles davon in Form kurzer Ausschnitte zirkuliert statt im Originalzusammenhang, ist nicht immer im Sinne der jeweiligen Urheber, aber in dem der meisten anderen. Hilft dieses beste und größte Angebot aller Zeiten der Menschheit dabei, auf Basis der relevantesten Informationen in Krisensituationen richtig zu handeln?

Das ist eine in dem Sinne spannende Frage, als ihr Ausgang völlig offen ist. Ein Selbstläufer ist es nicht. Dass bei freien Wahlen zumindest keineswegs immer die Wunschkandidaten der deutschen Mehrheitsmeinung gewinnen, steht bereits fest. Wie sich die dynamische, in ihren Auswirkungen allenfalls ansatzweise erforschte Medienlandschaft nun in der Coronakrise auswirkt, ist besonders spannend. Auch im Vergleich mit der so großen wie autoritären Medienlandschaft Chinas und mit der ebenfalls großen der kapitalistischeren USA.

Vielleicht läuft einer der epochaleren Umbrüche der Menschheit

Wer immer irgendeinen Medienkanal verfolgt (oder mehrere zugleich, etwa Internet und Radio, was durchaus ein Regelfall sein dürfte), sieht und/oder hört meist Balanceakte. Neigt sich die Waagschale zu Panikmache, die sich bei aller berechtigten Sorge kontraproduktiv auswirkt (nur zum Beispiel durch „Hamsterkauf“-Symbolfotos)? Oder wird im Gegenteil berechtigte Sorge verharmlost, was wiederum dazu führt, dass doch wieder mehr Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mal in ihre Handfläche husten (obwohl man ja woandershin husten sollte, was auch nicht oft genug betont werden kann). Im Zweifel dürfte etwas zu viel gemachte Panik besser sein als zu wenig, aber Zweifel bleiben.

Auf Medienerscheinungen runtergebrochene Fragen gibt es derzeit viele, nur zum Beispiel: Sind’s zu viele Live-Ticker und Sondersendungen oder ist’s doch noch zu viel Drumrum-Angebot bzw. -Programm, das zu viel von Normalität kündet? Haben in der langen Phase, in der über das Virus als chinesisches Phänomen eher unter ferner liefen berichtet wurde, viele die kommende Entwicklung unter-, also falsch eingeschätzt? Das „viele“ bezieht sich besonders auf Medien und Politik, so dass diese Frage auch lauten könnte, ob sich weite Teile der deutschen Berichterstattung in der Themensetzung zu eng an der Politik, also an dem, was Regierung und Opposition stets so sagen, orientieren. Zutreffende Antworten lassen sich erst finden, wenn der Ausgang bekannt ist.

Da scheint vieles möglich: Vielleicht läuft gerade einer der epochaleren Umbrüche der Menschheit. Wenn er bewältigt wird, wird er vielleicht zugleich bewiesen haben, dass viel entschlossenerer Kampf gegen den Klimawandel ebenfalls möglich ist. Vielleicht entfalten viele Netzwerke, vielleicht sogar sympathische, noch kleine Nachbarschaftsportale, die soziale Wirkung, die der Begriff „soziale Medien“ enthält. Vielleicht kriegen die öffentlich-rechtlichen Sender, indem sie Bildungs- und Kulturanteile erhöhen und nicht wieder runterfahren, tatsächlich die Kurve zum überzeugenden Gemeinwohl.

Einstweilen weiß es niemand seriös

Vielleicht bleibt Donald Trump echt nicht mehr lange US-amerikanischer Präsident (auch wenn die Korrespondenten, die genau das schon seit Jahren vorhersagen, nicht die allerverlässlichsten Auguren sein dürften). Vielleicht profilieren sich aktuelle Minister/-präsidenten gerade als nächste Bundeskanzlerin. Vielleicht ist der Umbruch doch größer. Wer so etwas in eine pointierte, idealerweise provokante These gießt, die auf eine Quotecard auf Twitter passt, kann viele Herzchen ernten und vielleicht mehrere Zeiteinheiten lang den Ruhm genießen, früh das richtige prognostiziert bis prophezeit zu haben. Bloß muss es halt eintreffen. Und ob das geschieht, das weiß gerade niemand seriös.

Das ist eine positive Entwicklung: Das unter Politikern, Managern und Medienmenschen lange verpönte öffentliche Zugeben, nicht zu wissen, wohin Entwicklungen gehen, gewinnt in diesen Tagen Wertschätzung. Fehleinschätzungen selber zugeben, sogar wenn gerade gar nicht danach gefragt wurde, macht einen guten Eindruck und stärkt die eigene Glaubwürdigkeit. Star der Stunde ist Christian Drosten, der besonnene „Super-Virologe“ der Berliner Charité, dessen NDR-Podcast mit Recht vielfach empfohlen wird – und womöglich der Nutzung non-linearer Medien einen entscheidenden Impuls gibt. Wobei es, wie zu jeder Meinung, gegenteilige Ansichten auch gibt. Und das nicht allein, weil Drosten auch wieder ein nicht mehr junger weißer Mann ist. Gut einschätzen lässt sich der Podcast erst, wenn der Ausgang bekannt ist.

Auf der anderen Seite: Wer sich früh auf pointiert-provokante Positionen festlegte, so wie es vor Corona eigentlich zu jedem gerade trendenden Thema üblich war, dem wird das lange nachhängen. Zum Beispiel dem Newsletter-Podcaster Gabor Steingart sein „Gaborsplaining“ (Samira El Ouassil bei uebermedien.de: die „Kulturtechnik der welterklärenden Gegenwartsanalyse, irgendwo zwischen pittoreskem bildungsbürgerlichen Besserwissen, abendländischer Referenz und gegen den sogenannten Mainstream posierendem Hot Take“).

Alles, was an Nachrichten laufend reinkommt, in Near-by-Echtzeit so ins eigene Weltbild einzupflegen, dass es einerseits oberflächlich stimmig bleibt, andererseits krasse Pointen und Bilder erzeugt, die zum Teilen einladen, ist nicht nur anstrengend. Es kann einem auch schnell um die Ohren fliegen. Vielleicht tut es das bei Gabor Steingart (zu dessen Medienexperiment jedoch auch gehört, zum Gegensteuern Menschen mit anderen Meinungen anzuheuern wie die Ex-Piratin, jetzige Grünen-Politikern und Netzaktivistin Marina Weisband).

In einer völlig anderen Ecke griff das vom öffentlich-rechtlichen Online-Jugendangebot Funk finanzierte ‘Bohemian Browser Ballett’ daneben. Falls die Wirkung seines als satirisch apostrophierten Zweiminüters Corona rettet die Welt“ die des eher harmlosen Oma-Kinderlieds aus dem WDR nicht exponentiell übertrifft, wäre das ein kleines Wunder (oder hinge vermutlich damit zusammen, dass es, anders als Anfang dieses Jahres, inzwischen echt wichtige Themen gibt).

Im Sinne der Gesellschaft und der ganzen Welt natürlich trotzdem schön wäre, wenn Steingart mit der Prophezeiung „im kommenden Winter werden sich die meisten Teilnehmer dieses Angstseminars kaum mehr an ihr Coronafieber erinnern – und falls doch, dann mit einem Schmunzeln“ recht behalten würde. Dann würden alle auch über nicht so geglückte Satire, von der es auch so viel gibt, wie noch niemals zuvor schmunzeln.

Einstweilen weiß es niemand seriös. Das ist das, was Medienmenschen zu vielen Themen häufiger betonen müssten – auch wenn diese Beiträge dann weniger Klicks, Herzchen und Reichweite ernten als pointiertes Auf-die-Kacke-Hauen. Das aufmerksamkeitsheischende Zuspitzen, das in den vergangenen Jahren zu den wichtigsten Medien-Kulturtechniken gehörte, zurückzufahren, ohne dabei ins Abstumpfen zu verfallen, das ist für Medien eine Chance in der großen Krise des Lebens mit Corona.

16.03.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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